Der Billag-Bezwinger

FERNSEHGEBÜHREN ⋅ Er hat der Billag den Auftrag weggeschnappt: Werner Krauer, Geschäftsführer einer kleinen, unscheinbaren Firma. Trotz scharfer Kritik glaubt er daran, die Aufgabe mit nur 37 Angestellten zu meistern.
17. März 2017, 07:19

Maja Briner

«Es ist toll, den Kampf David gegen Goliath zu gewinnen», sagt Werner Krauer. Er hat mit seinem KMU am Freitag vom Bund das Mandat erhalten, ab 2019 die Radio- und Fernsehabgabe einzutreiben. Krauer sagt, er sei fast vom Bürostuhl gefallen, als er die Nachricht vernommen habe. «Das kam aus heiterem Himmel.» Überrascht hat ihn jedoch lediglich der Zeitpunkt: «Wir hatten erst Ende März mit dem Entscheid gerechnet.» Dass seine kleine Firma den Zuschlag bekam, habe ihn hingegen nicht erstaunt, sagt der 51-Jährige aus dem Kanton St. Gallen.

Auf Einmal stand die Serafe AG im Rampenlicht – eine Firma, die bislang nur auf Papier existiert. Sie ist die Tochterfirma von Secon, einem diskreten KMU mit Sitz im zürcherischen Fehraltorf. Auf der Webseite steht nicht einmal der Name des Chefs. «Wir arbeiten mit hoch sensiblen und vertraulichen Daten, daher ist unser Auftritt gegen aussen sehr dezent», sagt Krauer, der gleichzeitig Geschäftsführer, Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber ist.

«Eine unheimlich interessante Aufgabe»

Krauer ist der Kopf des KMU. Der gelernte Fernmelde-, Elektro- und Apparatemonteur, der später Software Engineering studierte, übernahm 1990 als 24-Jähriger die Aktienmehrheit an der damals stillgelegten Secon und baute die Firma neu auf, wie er erzählt. Heute hat sie 18 Mitarbeitende und verschickt vor allem für Krankenkassen Rechnungen und Mahnungen. Sie setzt laut Krauer rund vier Millionen Franken pro Jahr um.

Wie kommt ein solches KMU dazu, gegen die etablierte Billag anzutreten, die eigens für das Inkasso der Radio- und TV-Gebühren gegründet wurde? «Wir hatten den Eindruck, die Billag erhalte sehr viel Geld», sagt Krauer. Das müsse günstiger möglich sein. Um bei der Ausschreibung bessere Chancen zu haben, gründete die Secon bereits im Herbst die Tochterfirma Serafe, die das Mandat übernehmen soll. «Es ist eine unheimlich interessante Aufgabe, auf grüner Wiese eine Firma aufzubauen», sagt Krauer.

Die Kehrseite der Medaille: Die Billag dürfte höchstwahrscheinlich Ende 2018 geschlossen werden, wie deren Chef Ewout Kea vergangene Woche sagte. Damit würden 230 Mitarbeitende ihren Job verlieren, die meisten von ihnen in Freiburg. Das sorgt für harsche Kritik. SP-Präsident Christian Levrat fordert: «Die neue Firma muss das Personal der Billag übernehmen – zu den gleichen Bedingungen.» Krauer will jedoch nur 37 neue Mitarbeitende einstellen. Damit sei die Aufgabe nicht zu schaffen, meint die Billag. Levrat warnt vor Dumpinglöhnen.

Krauer weist die Vorwürfe zurück. Er habe keine Zweifel, dass 37 Mitarbeitende genügten, sagt er. Und: «Wir zahlen gute Löhne.» Wird die Serafe Billag-Mitarbeitende übernehmen? «Sie dürfen sich natürlich bewerben», sagt er. Die Serafe dürfte ihren Sitz indes in Fehraltorf haben – zwei Autostunden entfernt vom Billag-Standort Freiburg.

Täglich Tausende Anfragen

123 Millionen Franken kassiert Serafe für die gesamte Mandatsdauer bis 2025. Die Billag erhielt bisher jährlich rund 50 Millionen. Allerdings lassen sich die Zahlen nicht vergleichen: Weil künftig alle Haushalte die neue geräteunabhängige Abgabe zahlen müssen, entfallen Aufgaben wie etwa die Kontrollen. Der Systemwechsel könnte indes auch zu mehr Kundenanfragen führen. Derzeit erhält die Billag nach eigenen Angaben pro Tag zwischen 4000 und 5000 – auch in Französisch und Italienisch. Kann die Serafe das bewältigen? «Ja», sagt Krauer. Aufrüsten müsse die Firma, was die Sprachen angehe. Aber auch das sei kein Problem, versichert er: Man habe dazu bereits einen Spezialisten mit an Bord, der für eine Grossfirma ein System dafür aufgebaut habe. «Und: Wir haben noch anderthalb Jahre Zeit.»

Noch ist der Vertrag indes nicht unter Dach und Fach. Das werde im April oder Mai geschehen, sagt Krauer. Fürchtet er sich eigentlich vor dem Ruf der Billag, die auch schon als «eines der unbeliebtesten Unternehmen» bezeichnet wurde? «Nein, im Gegenteil», sagt er: «Das ist eine Steilpassvorlage, um es besser zu machen.» Den Beweis, dass der Serafe das gelingt, muss sie allerdings erst noch erbringen.


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