Der Nette in einer bissigen Partei

PARTEIEN ⋅ Die SVP lebt von ihrer Prägnanz, von ihren Provokationen, von ihrer Empörung. Geführt wird sie jedoch von einem, der ganz anders tickt. Kommt das gut mit SVP-Präsident Albert Rösti?
30. September 2016, 05:00

Albert Rösti war den Tränen nahe. «Wir haben nichts, wir ­haben einfach nichts!», klagte der SVP-Präsident. Es war spätabends im Nationalrat, die ­Debatte zur Masseneinwanderungsinitiative bereits weit fortgeschritten. Rösti wirkte verzweifelt, seine Stimme drohte mehrere Male zu versagen.

Vor ihm hatten bereits zahlreiche andere SVP-Leute ihr Unverständnis über die Umsetzung ausgedrückt. Doch der Ton war anders. Adrian Amstutz schnaubte und schlug rhetorisch um sich. «In Hochglanz verpackter Verfassungsbruch», «Verweigerung des Volkswillens», «Stararchitekt der Gesetzesruine», «Totengräber der direkten Demokratie», schleuderte der SVP-Fraktionschef dem Parlament entgegen. Er klang kämpferisch und entschlossen. Röstis Stimme hingegen war kraftlos, sie zitterte, war von Nervosität geprägt. Als er gegen Ende vor einem Ausbau flankierender Massnahme warnen wollte, verhedderte er sich auch noch. «Wir haben dann nicht nur die Zuwanderung nicht geregelt, sondern machen noch ein wichtiges Element des freien Arbeitsmarktes kaputt, nämlich die freie Zuwanderung.» (sic!)

Ein Mann der leisen Töne, umringt von Alphatieren

Wer an die SVP denkt, denkt an Christoph Blocher, an Toni Brunner, an Roger Köppel, an Adrian Amstutz, an Magdalena Martullo-Blocher. Man denkt an wortgewaltige Alphatiere, die überzeugt sind, dass sie und nur sie die einzig richtige Meinung vertreten. Nur: Geführt wird diese Partei von jemandem, der anders ist: von Albert Rösti. Die SVP wusste, woran sie war, als sie den Berner Nationalrat am 23. April dieses Jahres zum Nachfolger von Toni Brunner machte. Der Berner Nationalrat gilt als hochanständig, nett und respektvoll – ein «gmögiger Typ». Nie würde der Bauernsohn jemanden persönlich angreifen oder sich im Ton vergreifen. Gleichzeitig ist er linientreu. Inhaltliche Richtungskämpfe wie damals in den Neunzigerjahren sind unter ihm keine zu erwarten. Er ist gemässigt im Ton, aber hart in der Sache.

Man wusste also, dass man keinen Blender erhalten würde – und trotzdem fragt man sich nach den harten Auseinandersetzungen um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, ob Rösti wirklich der richtige Präsident für diese Partei ist, die von der Empörung lebt. Nicht nur Röstis Auftritt im Nationalrat konnte nicht überzeugen. In der «Arena» zwei Tage später war die SVP eigentlich in der Rolle der Angreiferin. Rösti packte die Chance nicht. Stattdessen konnte SP-Nationalrat Cédric Wermuth die SVP wiederholt der Lüge bezichtigen, und CVP-Ständerat Pirmin Bischof warf der SVP unwidersprochen vor, ausländische Gesetzesbrecher zu unterstützen. Rösti nahm sich vereinzelt ein Herz und versuchte, seine Gegenspieler zu unterbrechen – vergebens. Er drang nicht durch. Man stelle sich vor, Amstutz, Brunner oder Köppel wären an seiner Stelle gewesen: Der Verlauf der Debatte wäre ein anderer gewesen.

Rösti stellt nicht in Abrede, dass er anders tickt als etwa ein Adrian Amstutz. «Ich bin nicht der Typ, der mit der Faust auf den Tisch schlägt», sagt er. Das müsse er auch gar nicht. Seine Aufgabe sei eine andere. «Vor 20 Jahren, als die SVP noch klein war, brauchte es Provokationen, um gehört zu werden», sagt Rösti. «Doch heute geht es der SVP auch darum, in die Mitte und in der Romandie zu wachsen – dafür glaube ich der richtige Typ zu sein.» Rösti versteht die Parteiführung als Teamarbeit, wo jeder seine Stärken einbringt. Er habe deshalb auch rhetorisch starke, kontroverse Personen wie Köppel in die Parteileitung geholt.

Ein steiler Aufstieg an die SVP-Spitze

Die Karriere des Albert Rösti ist erstaunlich. Lange Zeit war der heute 49-Jährige parteipolitisch nur auf lokaler Ebene aktiv. In Kontakt mit der nationalen Politik kam Rösti über seinen Beruf. Der promovierte Agronom arbeitete lange Zeit beim Berner Volkswirtschaftsdepartement, wo er es bis zum Generalsekretär brachte. 2006 wechselte er dann zum Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) als Direktor. Es war jene Zeit, als es Rösti auf die politische Bühne zog. 2008 wurde er in den Gemeinderat seiner Wohngemeinde Uetendorf gewählt, 2011 in den Nationalrat. Zwei Jahre später machte ihn die SVP bereits zum Wahlkampf­leiter, in einer für Rösti schwierigen Zeit. Beim SMP hatte er angesichts interner Querelen entnervt das Handtuch geworfen. Rösti machte sich selbstständig und führt seither eine Politberatungsfirma für Umwelt, Energie und Landwirtschaft.

Ein Präsident von Blochers Gnaden?

Innerhalb der SVP mag niemand Röstis Arbeit offen kritisieren. Es sei noch zu früh für eine Bilanz. Mutlosigkeit, Konfliktscheue und übertriebene Blocher-Nähe ist noch etwa das Skeptischste, das man hört. Ist er mehr als ein Präsident auf Papier? Rösti sagt, er wolle sich nicht rechtfertigen, seine Leistung müssten andere Leute beurteilen. «Tatsache ist, dass ich mich in der Partei gut getragen fühle und ich den Job ganz sicher nicht übernommen hätte, könnte ich nichts bewegen.»

Roger Braun


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