Die Kesb muss in die Offensive gehen

FAMILIEN ⋅ Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) steckt in der Krise. Nun will sie das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen – mit besserer Kommunikation
03. Januar 2016, 05:00

Das Urteil ist niederschmetternd: «Die anhaltende Debatte über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden zeigt, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung kein Vertrauen in die Profibehörde hat», sagt Diana Wider. Wider ist nicht irgendwer, sondern Generalsekretärin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes), in der sich die regionalen Kesb koordinieren. Sie weiss, dass Kesb-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern immer wieder vorgeworfen wird, aus dem abgehobenen Elfenbeinturm und ohne gesunden Menschenverstand zu handeln.

Jeden Obhutsentzug erklären

Nun will die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz das Vertrauen wiederherstellen. Eine der wichtigsten Massnahmen ist die Empfehlung, mehr mit den Betroffenen zu reden. «Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, das 2013 in Kraft getreten ist, hat unter anderem die Verfahrensrechte der Betroffenen ausgebaut», erklärt Wider, warum viele Entscheide im Amtsbrief- und Juristendeutsch mitgeteilt werden. Ganz vermeiden lässt sich das auch künftig nicht. Daneben aber sollen die Kesb-Mitarbeiter mehr mit den Klienten reden. Konkret: «Jede Zwangsmassnahme soll künftig mündlich eröffnet und erklärt werden», umreisst Wider das Ziel. In vielen Kesb ist das schon heute die Regeln, aber es gibt keine einheitlichen Standards. Das soll sich nun ändern. «Ausserdem empfehlen wir, den Betroffenen zu gestatten, Vertrauenspersonen zu den Gesprächen mitzubringen», so Wider. Das soll dazu beitragen, dass das Gefühl von Ausgeliefertsein, über das viele Betroffene heute klagen, schwindet. Darüber hinaus könne eine Begleitperson vermittelnd und deeskalierend wirken.

Stärken will die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz auch die Kommunikation mit den Gemeinden. «Das soll insbesondere intensiviert werden, wenn kostspielige Massnahmen anstehen, die für die Gemeinden zu grossen Belastungen werden könnten.» In dieser Hinsicht hätten verschiedene Kantone jedoch bereits Massnahmen getroffen, wie Wider sagt: «Das ist auf gutem Weg.»

Drei Jahre nach Arbeitsbeginn wagen die Kindesschutzbehörden also einen kommunikativen Neustart. 2013 hatten die ausschliesslich mit Profis besetzten Behörden die vormaligen Vormundschaftsbehörden der Gemeinden ersetzt, doch der Start verlief alles andere als glatt. Umstrittene Entscheide führten zu einer öffentlichen Diskussion, die im Kanton Schwyz mittlerweile in der Lancierung einer Volksinitiative gipfelte. Vollends eskalierte die Kritik an den Behörden vor einem Jahr, als am Neujahrstag eine Mutter in der Zürcher Gemeinde Flaach ihre beiden kleinen Kinder tötete – auch hier hatte es zuvor einen Konflikt mit der Kesb gegeben.

Kündigungswelle ebbt nicht ab

Der Entscheid, die Kommunikation zu verbessern, habe aber keinen Zusammenhang mit dem Drama in Flaach, wie Wider erklärt. «Den Entscheid fällte der Kokes-Vorstand bereits einen Monat zuvor», sagt sie. Schon zuvor sei überlegt worden, wie man das Vertrauen der Bevölkerung in die neue Behörde stärken könne. Dass dies bislang nicht gelungen ist, ist nicht zuletzt auch ein Problem für die Kesb selbst, wie Wider sagt. «Die Arbeit ist nach wie vor schwierig», sagt sie. Auch in den letzten Monaten hätten wieder gute Mitarbeiter gekündigt, weil sie den Druck nicht mehr ertragen hätten. «Der Job ist fachlich und emotional sehr anspruchsvoll. Dar­über hinaus noch medial angegriffen zu werden und sich selbst im privaten Umfeld rechtfertigen zu müssen, überschreitet auch für sehr motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Grenze des Erträglichen», so Wider.

Mehr Stellen wird es trotz der Kommunikationsoffensive nicht geben. «Stellenerhöhungen sind angesichts des allgemeinen Spardrucks kaum möglich», räumt Wider ein, auch wenn die personellen Ressourcen bereits überall knapp seien. Da bleibt nur eins: «Die Kesb müssen mit den vorhandenen Ressourcen Prioritäten setzen und prüfen, bei welchen Fällen die mündliche Kommunikation besonders wichtig ist.»


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