Die Mühen der Eritreer

INTEGRATION ⋅ Eritreischen Flüchtlingen fällt es schwer, in der Schweiz beruflich Fuss zu fassen. Gründe dafür sind neben der Sprachbarriere der Bildungshintergrund sowie die Sozialisation in einem totalitären Regime.
19. April 2017, 09:05

Anfang April luden Exil-Eritreer in die Rote Fabrik in Zürich. Diskutiert wurde unter anderem über das Bild, das die Medien von den hier lebenden Eritreern zeichnen. Dieses sei undifferenziert und entmutigend, hiess es. Eritreer würden als faul und nicht integrierbar bezeichnet.

Dass sich Flüchtlinge aus Eritrea schwertun mit der sozialen und beruflichen Integration, das ist allerdings eine Tatsache. So hielt die Fachstelle für Integrationsfragen des Kantons Zürich 2015 in einem Bericht fest, für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen aus Eritrea seien die Chancen auf eine qualifizierte Anstellung gering und der Abschluss einer ­Berufslehre in der Schweiz «ein langer Weg».

Und auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von 8350 als Flüchtlinge anerkannten Eritreern im erwerbsfähigen Alter waren Ende Februar lediglich 1650 erwerbstätig, das ergibt eine Erwerbsquote von rund 20 Prozent. Bei den vorläufig Aufgenommenen beträgt die Quote gar nur 16,4 Prozent. 2015 bezogen rund 84 Prozent der eritreischen Flüchtlinge, die sich in der finanziellen Zuständigkeit des Bundes befanden, Sozialhilfe. Die Zahlen sind zwar ernüchternd und liegen unter dem Durchschnitt aller Herkunftsländer. Die Erwerbsquote von anerkannten Flüchtlingen aus anderen wichtigen Herkunftsländern wie Syrien oder Afghanistan ist aber noch tiefer, die Sozialhilfequote noch höher.

Guido Graf: Eigeninitiative ist ungenügend

Doch bei der Integration von eritreischen Flüchtlingen scheinen sich ganz spezifische Probleme zu stellen. Die Mehrheit der befragten Sozialarbeiter stelle fest, dass die Eritreer zumindest zu Beginn sehr unselbstständig seien, heisst es im Bericht der Zürcher Fachstelle für Integrationsfragen. Durch die Sozialisation in einem totalitären Regime sei das Gefühl für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung weniger stark vorhanden als bei anderen Gruppen. Der Luzerner Regierungsrat Guido Graf (CVP) teilt diese Einschätzung: «Die Eigeninitiative ist zum Beispiel bei Personen aus Afghanistan stärker ausgeprägt.»

Erschwerend hinzu kommt der fehlende Bildungshintergrund aufgrund des Nationaldienstes. Dieser ist für Männer und Frauen obligatorisch und dauert gemäss Gesetz 18 Monate. In der Realität sei der Dienst aber weiterhin zeitlich unbefristet und dauere meist mehrere Jahre, hielt das Staatssekretariat für Migration im vergangenen Jahr fest. «Durch den Nationaldienst verfügen die Personen aus Eritrea oft nicht über eine eigentliche berufliche Ausbildung», sagt Tatjana Hulliger vom Sozialamt des Kantons Bern.

Landsleute sollen Integration erleichtern

Ron Halbright arbeitet eng mit Eritreern zusammen. Er leitet die Zürcher Sektion des National Coalition Building Institute (NCBI), das sich für die Integration von Ausländern einsetzt. «Ein grosses Problem ist die fehlende Integration während des Asylprozesses», sagt Halbright. Häufig kämen die eritreischen Flüchtlinge erst nach dem Asylentscheid in den Genuss von staatlichen Integrationsmassnahmen wie etwa Sprachkursen. Bis dahin seien die anfänglich sehr motivierten Eritreer aber oft bereits demotiviert und frustriert.

Nach positiven Erfahrungen in Zürich versucht das Bildungsinstitut NCBI nun auch in der Ostschweiz, die Integration von Eritreern mittels Unterstützung von ausgebildeten Landsleuten – sogenannten «Brückenpersonen» – voranzutreiben. Beteiligt sind Stadt und Kanton St. Gallen sowie Appenzell Ausserrhoden Das Problem ist, wie so oft, das Geld: «Die Finanzierung ist eine riesige Herausforderung», sagt Halbright.

 

Tobias Bär


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