Die tragische Geschichte eines 12-Jährigen

BETREUUNG ⋅ Nach einer Odyssee durch Sonderschulen, Heime und Kliniken landet ein Bub in einer geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Die Kosten sind horrend. Die Mutter pocht auf eine billigere Lösung. Doch die Behörden lehnen ab.
30. April 2017, 05:00

Kari Kälin

Der 12-jährige Bub erhält ärztliche Betreuung, Psychopharmaka, zahlreiche Therapien und täglich eine Stunde Freigang im Innenhof. Seit Anfang Jahr ­befindet er sich in der geschlossenen jugendforensischen Abteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Das ist die therapeutische Endstation für schwierige Kinder, bei denen alle anderen Massnahmen scheinbar nicht gefruchtet haben. In dieser Klinik werden auch ältere Straftäter behandelt.

Eine erwachsene Frau hat den Buben vor gut einem Monat mit einem Schal gewürgt. Die Mutter, Tatsiana Zahner aus Wettswil ZH, die ihren Bub mittwochs und sonntags während viereinhalb Stunden besuchen darf, spricht von Mordversuch. An seinem Hals gab es Striemen. Seit dem Vorfall kann der Bub kaum noch einschlafen. Er brach sich das Bein, als er gegen eine Tür trat, weil er heimwill zu seiner Mutter, die mit ihm 2008 von Weissrussland in die Schweiz zog. Wann der Bub die Klinik verlassen darf, ist ­offen. Über sein Schicksal bestimmt die Kesb Affoltern am Albis respektive die Beiständin, welche die Kesb eingesetzt hat. Die Behandlung in der Basler Klinik kostet pro Monat 43 000 Franken – 14 000 Franken mehr als das Sondersetting für den schweizweit bekannt gewordenen jugendlichen Straftäter «Carlos».

Im letzten Jahr, als der Bub noch in der Kinderstation Brüschhalde der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich (KJPP) behandelt wurde, kletterte die Rechnung zwischenzeitlich sogar auf 85000 Franken pro Monat. 50000 Franken verdiente ein externer Sicherheitsdienst für eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung. Die horrende Summe schreckte die Gemeinde Wettswil auf. Sie leistete eine Kostengutsprache von «nur» 43 000 Franken und verlangte für die Zukunft eine billigere Lösung. Die Beiständin fand sie in der Klinik von Basel. Damit ist die Gemeinde ihre finanziellen Sorgen los. Die Rechnung für den stationären Aufenthalt begleichen der Kanton Zürich und die Krankenkasse.

Kesb lehnt Angebot für 5000 Franken pro Monat ab

Tatsiana Zahner will ihren Sohn so schnell wie möglich aus der Klinik herausausholen und in einer Tagesschule unterrichten lassen. «Nur so kann er sich normal entwickeln», sagt sie. Dass ein 12-Jähriger eine Gefahr für sich selber und andere darstellen soll, so das Urteil von Fachpersonen, bezeichnet sie als «lachhaft». Ihr Sohn sei gesund. Krank gemacht hätten ihn die unzähligen Therapien. Die Mutter wirft den Behörden vor, öffentliche Gelder zu verschleudern. Ihre letzte Hoffnung ruht auf Sefika Garibovic. Die 57-jährige Frau stammt aus dem Sandzak, einer Region in der Nähe von Montenegro, und kam mit 30 Jahren in die Schweiz. Die dreifache Grossmutter, ausgestattet mit einer breiten akademischen Ausbildung, ist Expertin für Erziehung und Nacherziehung von Kindern und Jugendlichen und führt eine Praxis in Zug. Mehr als 90 Prozent alle Kinder und Jugendlichen, um die sie sich kümmert, macht sie wieder sozialkompetent und alltagstauglich. Die Voraussetzung: Die Eltern müssen kooperieren.

In ihrer Verzweiflung wandte sich Zahner an Garibovic. Diese unterbreitete der Beiständin, der Gemeinde Wettswil und der Kesb im letzten November das Angebot, sich für 5000 Franken pro Monat um den Buben zu kümmern – in enger Zusammenarbeit mit der Mutter und den Schulen. Die Offerte steht immer noch, doch die Beiständin und die Kesb lehnen es bis heute ab. Garibovic ist empört. «Der Bub hat nicht ein psychiatrisches, sondern ein pädagogisches Problem. Er braucht nicht Medikamente, sondern Erziehung.» Kerngesunde Kinder würden hierzulande kaputttherapiert. Garibovic hat den Buben mehrmals getroffen. «Er ist weder krank noch kriminell. Man erstellt eine Diagnose, damit die Gelder der öffentlichen Hand geplündert werden können», sagt sie.

Doch weshalb geriet der Bub überhaupt «in den Fänge der Betreuungsmaschinerie», wie es Garibovic formuliert? Seine Biografie ist voller Tragik. Schon im Kindergarten bekundete der Bub Mühe. Später landete er in der Sonderschule und in einem Internat. Er litt selber unter Gewalt und soll andere Menschen bedroht haben. Im April 2015 ernannte die Kesb eine Beiständin. Im Mai 2016 verlor die Mutter das Recht, über den Aufenthaltsort ihres Kindes zu bestimmen. Sie habe schweren Herzens eingewilligt, weil man ihr gesagt habe, dass dadurch die Finanzierung eines Aufenthalts bei einer sozialpädagogischen Institution in Bern gesichert sei. Doch auch diese Massnahme stabilisierte den Buben nicht. Im Gegenteil.

Wir haben die zuständige Kesb-Präsidentin Alexandra Zürcher mit Fragen zum Fall konfrontiert, auch zu Garibovics Angebot. Zum Einzelfall darf Zürcher wegen der Schweigepflicht nichts sagen. In einer Stellungnahme schrieb die Kesb am Freitag, es handle sich um einen Extremfall mit unbestrittenermassen hohen Kosten. Die Kesb entscheide sich aber immer für die kostengünstigste Variante. Der 12-jährige Bub sei wegen Selbst- und Fremdgefährdung mittels fürsorgerischer Unterbringung in eine Klinik eingewiesen worden.

Die Begründung für den Entscheid der Kesb, den Buben nach Basel zu verlegen, liegt unserer Zeitung vor. Gemäss Arztberichten leidet der 12-Jährige an einem gestörten Sozialverhalten, einer Bindungsstörung und steht schulisch auf dem Niveau eines Zweitklässlers. Die Unterbringung in der Klinik in Basel entspreche dem Kindswohl, findet deshalb die Kesb. Beim Vorschlag von Garibovic mangle es an Betreuung. Diese schüttelt den Kopf: «Umgeben von Straftätern, kann der Bub nicht gesund werden.»


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