Die vierbeinigen Helfer der Grenzwächter

GRENZSCHUTZ ⋅ Drogenschmuggel, Menschenhandel, illegale Migration: Schweizer Grenzwächter sind mit vielen heiklen Aufgaben konfrontiert. Bei ihren Einsätzen zählen sie auf die Hilfe von Hunden. Im Berner Oberland werden die Vierbeiner auf den Ernstfall vorbereitet.

11. April 2014, 10:08

Joe will nicht üben. Stattdessen steckt er seine schwarze Schnauze in den saftig grünen Rasen und schnüffelt herum. Der Deutsch-Drahthaar-Welpe ist kaum grösser als ein Schuhkarton. Sein Markenzeichen: ein kleiner, weisser Fleck auf der Nase. Doch bald wird er sich auch durch etwas anderes auszeichnen. Wenn Joe gross ist, wird er Grenzwächter sein.

Bis es so weit ist, steht ihm eine strenge Ausbildung bevor. Joe wird in wenigen Monaten nicht mehr nur im Gras schnüffeln, sondern auch Drogen und Sprengstoff erkennen, seine menschlichen Kollegen verteidigen oder die Spur eines Vermissten verfolgen müssen.

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  • Ein ausgebildeter Diensthund packt einen Verdächtigen und lässt erst los, wenn er den entsprechenden Befehl seines Diensthundeführers erhält.
  • Der Hund findet einen Verdächtigen.

Rund 100 Hunde jährlich werden in Interlaken für das Grenzwachtkorps ausgebildet. In 70 Unterrichtsstunden lernen die Vierbeiner, nach Drogen zu schnüffeln, Verbrecher zu jagen und Herrchen oder Frauchen zu verteidigen. (Bilder: Keystone)

Rund hundert Hunde kommen jedes Jahr für mehrere Wochen ins Kompetenzzentrum für Sicherheit und Intervention (KOSIT) in Interlaken BE. Hier absolvieren sie ihre Grundausbildung. Joe interessiert dies an diesem sonnigen Morgen herzlich wenig. Die Lockversuche seines Frauchens und des Hundetrainers laufen ins Leere. Die Ausbildenden nehmen es locker. Joe hat noch Zeit.

Daïka ist der Star

Schon etwas weiter ist Daïka. Seit vergangenem Oktober wird die Deutsche Schäferhündin zur Spürhündin ausgebildet. Sie ist schon jetzt ein Star. Mehrere Tausend Leute folgen Daïka bereits auf Facebook, zehn Mal öfter wurde ihr Fotoalbum angeklickt. Tausend Plakate des Welpen wurden im Herbst gedruckt. Im Nu waren sie vergriffen.

Der Grenzwache ist mit Daïka ein PR-Coup gelungen. Ein Ziel hat die neun Monate alte Hündin schon mehr als erreicht: den Kontakt zwischen der Grenzwache und der Bevölkerung zu intensivieren. In knapp zwei Jahren wird sie voraussichtlich einen weiteren Meilenstein erreicht haben. Dann, wenn sie definitiv als Grenzwächterin in den Dienst tritt.

Daïka hüpft aus dem Kofferraum, wedelt und winselt. Ihre Halterin Sabrina zieht die Leine an, gibt ihr klare Anweisungen. Schnurstracks setzt sich die junge Hündin auf den Boden. Folgsam setzt sie sich auf den Boden und wartet auf die erste Übung des Tages.

Schnüffeln, suchen, schützen

Als 2001 der Militärflugplatz Interlaken seinen Betrieb einstellte, begann für das Grenzwachtkorps eine neue Ära in der Hundeausbildung. Denn seither bildet die Grenzwache auf dem Gelände ihre Hunde aus. Während 70 Stunden pro Jahr lernen diese das Schnüffeln, das Anhalten von Verbrechern oder das Verteidigen ihrer menschlichen Kollegen.

"Früher ging es zwei Jahre, bis ein Hund ausgebildet war, heute dauert das nur noch vier Wochen", sagt Roland Schmutz. Der 53-Jährige ist seit neun Jahren Chef des KOSIT. Mit einem gewissen Stolz beobachtet er die verschiedenen Übungen. "Die Anzahl Kurse hat sich seit meinem Beginn hier verdoppelt." Vieles sei professionalisiert worden - gerade in der Ausbildung mit Hunden.

Betreuung von klein auf

Schon wenige Monate nach der Geburt kommen die Welpen zum ersten Mal nach Interlaken ins KOSIT. Deutscher Schäfer, Deutscher Drahthaar, Malinois, Labrador - die Palette an Hunderassen neben dem Flugplatz Interlaken ist gross.

"Die jährlich hundert ausgebildeten Grenzwachhunde decken den Bedarf in der Schweiz", sagt Schmutz. Anders sieht es bei den menschlichen Kollegen aus: Sie leiden oft unter Zeitdruck, Personalmangel und immer komplizierteren Aufgaben. Doch Schmutz mag nicht klagen - "das ist das gleiche alte Lied" - und stellt das Positive in den Vordergrund: die Hunde.

Praxisnahe Übungen

Daïka bellt. Der Hundetrainer vis-à-vis hat sich Beinschoner montiert, zückt einen Stock und schlägt damit auf eine leere Waschmittelflasche. Die junge Hündin wird nervös, das ist Absicht. Doch Daïka bleibt brav neben ihrer Halterin - bis der Befehl kommt: "Fass!". Knapp zwei Sekunden später beisst die Hündin in die durch Polster geschützte rechte Wade des Hundetrainers. Daïka lässt nicht von ihm ab, ist unbeeindruckt vom wilden Zappeln der Zielperson. Erst als diese die Schoner von ihrem Bein löst, springt die Hündin samt Polster in der Schnauze davon.

Daïka wird von ihrem Frauchen gelobt, gestreichelt und bekommt ein Goodie als Belohnung. "Die Hunde lernen, die Führer zu verteidigen und an die richtige Stelle zu beissen", erklärt Schmutz. Daïka hat es begriffen.

Diensthund kommt mit nach Hause

Das Grenzwachtkorps sucht Hunde mit einem ausgeprägten Spieltrieb. Ansonsten würden sich die Tiere nicht von normalen Familienhunden unterscheiden, sagt Schmutz. "Das sollen sie auch nicht, schliesslich leben die Vierbeiner während ihrer Dienstzeit bei den Grenzwächtern zu Hause."

Auch die Rekrutierung läuft laut Schmutz nach normalem Prozedere: "Wir haben Kontakte, kennen die bekannten Hundezwinger. Diese wissen oft auch, wonach wir suchen." Die Hunde, die zum Teil auch aus dem Ausland kommen, kosteten zwischen einigen Hundert und mehreren Tausend Franken - je nach Rasse und Zucht.

Nase als Waffe

Sind die Hunde fertig ausgebildet, kennen sie die verschiedensten Szenarien, mit denen Grenzwächter im Einsatz konfrontiert sind. Auf dem Flugplatz üben sie das Ein- und Aussteigeprozedere mit einem Armeehelikopter - sowohl im flachen als auch im hügeligen Gelände, wo der Pilot nur mit einer Kufe den Boden berühren kann oder gar schweben muss.

Wenige hundert Meter entfernt üben die Vierbeiner die Personensuche. Haben die Hunde einen Restgeruch eines Menschen in der Nase, können sie dessen Spur über mehrere Kilometer verfolgen - sei es durch Dörfer, Wälder oder Gärten. Und selbst wenn seit dem Verschwinden 24 Stunden vergangen sind.

In ein paar Jahren werden Joe, Daïka und Co. ihre Qualitäten im Ernstfall anwenden können. Dieser kann auch gefährlich sein. Doch gerade hier spielen die Hunde eine zentrale Rolle, wie Schmutz erklärt: "Verbrecher haben oft mehr Respekt vor den Tieren als vor unseren Waffen." (sda)


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