Drei Stunden Bewegung für Kleinkinder

EMPFEHLUNGEN ⋅ Bewegung macht klug, sagt die Gesundheitsförderung Schweiz. Die Stiftung hat erstmals Tipps für Babys und Kleinkinder formuliert. Auch der Bund ist mit an Bord. Braucht es das?
15. Januar 2017, 07:00

Kari Kälin

Der jüngste «Gstabi»-Alarm datiert vom letzten Sommer. Die Hälfte von 300 untersuchten Erstklässlern im Kanton Zürich, fanden Sportwissenschaftler der Universität Basel heraus, kann keinen Purzelbaum schlagen. Auch Jan Cahlik, Vizepräsident der Kinderärzte Schweiz, hat in seiner Tätigkeit beobachtet, dass sich die motorischen Fähigkeiten der Kinder in den letzten 20 Jahren verschlechtert hätten. Weitere Fakten verheissen langfristig keine rosigen motorischen Perspektiven. Laut aktuellen Studien verbringen 6- bis 16-jährige Kinder und Jugendliche in der Schweiz 90 Prozent ihrer Zeit sitzend oder liegend. Die Zahl der totalen Sportabstinenzler steigt, jeder fünfte Primarschüler ist übergewichtig. 

Was kann man tun, um solche Trends zu stoppen? Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz setzt den Hebel bei den Allerkleinsten an. Zusammen mit dem Bund und zahlreichen Vertretern von Fachorganisationen hat die Gesundheitsförderung vor kurzem erstmals Bewegungsempfehlungen von Kindern von 0 bis 5 Jahre formuliert. Sie vermitteln, wie man Kleinkindern vielfältige Bewegungserfahrungen ermöglichen kann. Zum Beispiel kann man mit den Beinen von Babys «Fahrrad» fahren. Kinder, die schon selber laufen können, sollen mindestens drei Stunden täglich herumtoben, für Grössere passen Dinge wie Ballspiele, Hüpfen auf einem Bein oder Trottinettfahren. Fernsehen, Computer und Tablets sind bis 2 Jahre nicht zu empfehlen, danach sind gezielte «erzieherisch wertvolle» Aktivitäten mit technischen Geräten in Ordnung.

«Motorische Fähigkeit sind gut trainierbar»

«Wir wissen, dass die motorischen Fähigkeiten im Vorschulalter gut trainierbar sind», sagt Thomas Mattig, Direktor bei Gesundheitsförderung Schweiz. Diese Fähigkeiten würden den Kindern helfen, langfristig mit Freude körperlich aktiv zu sein. Es sei wichtig, Kindern ab frühesten Alter eine positive Einstellung zu körperlicher Aktivität zu vermitteln. «Die ersten Jahre prägen das ganze Leben», ergänzt Vincent Brügger, Projektleiter Bewegung bei Gesundheitsförderung Schweiz. Körperliche Aktivität wirke sich aber positiv auf die motorische, kognitive und soziale Entwicklung aus. Oder anders formuliert: Bewegung formt agile, gescheite und umgängliche Zeitgenossen.

Die Gesundheitsförderung will die Tipps für Säuglinge, Kleinkinder (1 bis 3 Jahre) und Kinder im Vorschulalter (3 Jahre bis Schulbeginn) über ihre Partner, zum Beispiel Kinderärzte und Kinderkrippen, an die Eltern vermitteln. Jan Cahlik wird in der Praxis fast nie nach Bewegungstipps gefragt. Dieses Thema spreche fast immer er und nicht die Mütter oder Väter an. Vielmehr seien zahlreiche Eltern stolz, dass ihre Kleinkinder, zum Teil schon im ersten Lebensjahr, bereits sehr geschickt mit Tablets und Smartphones umgehen und selbstständig Musik aufrufen könnten. «Diese Entwicklung bremst folgerichtig den natürlichen Bewegungsdrang der Kinder», sagt Cahlik.

Doch erhalten die Eltern auf einschlägigen Internetseiten, in Büchern und Magazinen nicht schon genügend Ratschläge? «Wir haben erstmals wissenschaftliche Empfehlungen entwickelt, auf die sich die Fachpersonen nun stützen können», sagt Vincent Brügger.

Für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene existieren bereits Bewegungsempfehlungen. «Wir schliessen jetzt endlich eine Lücke bei den Kleinsten», sagt Brügger. Mit 45 000 Franken halten sich die Kosten für das Projekt, dank dem es jetzt endlich korrekte Bewegungsanleitungen von der Wiege bis zur Bahre gibt, in Grenzen.

Übriges: Anders als die Purzelbaumschlagzeilen suggerieren, werden die Kinder in der Schweiz nicht immer ungeschickter. In den 1980-er und 1990-er Jahren hätten die motorischen Fähigkeiten nachgelassen, seither seien sie stabil, sagt Vincent Brügger.

Hoffnung geben auch erste Ergebnisse einer Nationalfondsstudie, in der Forscher aus unterschiedlichen Fachrichtungen das Bewegungsverhalten und die motorischen Fähigkeiten von 3 bis 5-Jährigen Kindern untersuchen. «Die Kleinen bewegen sich viel, der allergrösste Teil ist täglich mindestens drei Stunden aktiv», sagt Susi Kriemler. Sie wirkt an der Universität Zürich als Professorin und ist Kinderärztin sowie Sportmedizinerin.

Mit dem Schuleintritt sinkt die Aktivität 

Im Vorschulalter bewegen sich Kinder viel. Zu diesem Schluss kommt Susi Kriemler, Professorin für Epidemologie an der Universität Zürich, Kinderärztin und Sportmedizinerin, in Zwischenergebnissen der sogenannten «Splashy»-Studie. Für die Untersuchung erforschen Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen den Einfluss von Bewegung auf die motorische und intellektuelle Entwicklung, das psychische Wohlbefinden und Übergewicht. Untersucht werden 500 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren, die Krippen besuchen. Unter anderem tragen die Kleinen während sieben Tagen einen Gurt, der ihre Aktivitäten misst. Die Forscher wollen die Kinder über einen längeren Zeitraum beobachten, um zu messen, welche langfristigen Effekte Bewegung auf die Entwicklung hat. Herausfinden wollen sie auch, welche Faktoren Bewegung begünstigen oder behindern. 

Bezüglich Aufrechterhalten von genügender Bewegung birgt der Übergang von der Krippe in die Schulstube Tücken. Die Kinder (siehe Text oben) sind ab dem Schulalter körperlich deutlich weniger aktiv. Susi Kriemler bereitet dies gesundheitspolitische Sorgen. «Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die gesunde und intellektuelle Entwicklung der Kinder», sagt sie. Körperliche Aktivität steigere auch das psychische Wohlbefinden. Um dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken, fordert Kriemler: «Auf der Primar- und Oberstufe sollten die Kinder täglich mindestens eine Lektion Turnen haben, so wie es auch andere Länder wie Dänemark flächendeckend erreicht haben.» 

Derzeit sind an der Volksschule drei Lektionen Sport obligatorisch. Der Verband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) hält Kriemlers Forderung für unrealistisch. «Für fünf Lektionen Sport pro Woche fehlen die Zeit und das Geld», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle beim LCH. Er hält Projekte wie «Schule bewegt» für zielführender. Das Bundesamt für Sport (Baspo) musste dieses Angebot auf Anfang Jahr hin aus Spargründen streichen. Das Baspo stellte Module und Übungen zur Verfügung, mit denen die Lehrer ihre Schüler während des regulären Unterrichts täglich zu mindestens 20 Minuten körperlicher Aktivität ermuntern mussten. «Schade», sagt Kriemler, «all diese freiwilligen niederschwelligen Programme wirken leider viel zu wenig und erreichen diejenigen nicht, die sie erreichen sollten», so Kriemler. Und: «Eine kranke Nation kostet ein Land viel mehr als die Integration einer täglichen Turnstunde in der Schule.»

Die Studie «Splashy» ist ein multidisziplinäres Projekt, an dem sich die Universitäten Lausanne, Freiburg, Zürich und das Kinderspital Zürich beteiligen. Die Forschungsarbeiten werden vom Schweizerischen Nationalfonds mit gut 2 Millionen Franken unterstützt. 200 000 Franken steuert die Jacobs Foundation bei, welche die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen fördern will. Die Studie läuft vom 1. Oktober 2013 bis 30. September dieses Jahres.

 


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