Dumpinglöhne auf Zürcher Baustelle

LOHNDUMPING ⋅ Die Unia Zürich-Schaffhausen hat am Dienstagmorgen auf der Baustelle Hardturmpark in Zürich-West die Arbeiten eingestellt, weil Gebäudetechniker zu Dumpinglöhnen beschäftigt wurden. Der Konflikt war von kurzer Dauer: Bereits am Mittwoch wird wieder gearbeitet.

03. März 2015, 18:49

Im Gespräch mit der Generalunternehmerin Porr Suisse AG habe eine Lösung für den Lohndumpingfall gefunden werden können, teilte die Unia am Dienstagabend mit. Die Generalunternehmerin übernehme "in vorbildlicher Weise" die Verantwortung für die Verfehlungen ihrer Subunternehmen und stelle sicher, dass die Lohnnachzahlungen für die Arbeiter geleistet werden könnten.

Ein unabhängiges Treuhandbüro werde anhand der Unterlagen, die Porr liefern müsse, korrekte Lohnabrechnungen erstellen und für jede Person genau ausweisen, welche Lohnnachzahlungen fällig seien. Um diese Zahlungen unabhängig vom Verhalten der Subunternehmen sicherzustellen, habe Porr 500'000 Franken auf ein Sperrkonto einbezahlt. Diese Summe diene dazu, die korrekten Löhne zu bezahlen.

Weiter sei zum Schutz der Arbeiter vereinbart worden, dass es aufgrund der Intervention der Unia zu keiner Kündigung kommen dürfe. Alle Arbeiter hätten das Recht, die Arbeiten bis zum Abschluss ihrer Baustellen weiterzuführen.

An einer vorgängigen Medienkonferenz am Nachmittag sprach Roman Burger, Geschäftsleiter der Unia Region Zürich-Schaffhausen, von einem "gravierenden Fall von Lohndumping" und "mafiösen Zuständen" auf der Baustelle in Zürich West.

Löhne weit unter den GAV-Ansätzen

Seit dem vergangenen Herbst seien 30 bis 40 Gebäudetechniker zu "absoluten Dumpinglöhnen" zwischen 9 und 10 Franken pro Stunde beschäftigt worden. Gemäss Gesamtarbeitsvertrag hätten sie jedoch das Doppelte bis Dreifache erhalten müssen. Die Unia zog deshalb die Arbeiter ab und forderte die Bauherrin Helvetia Versicherungen und die Porr auf, umgehend für korrekte Verhältnisse zu sorgen.

Bereits vor Beginn der Arbeiten auf der Hardturmpark-Baustelle seien bei der Unia Hinweise eingegangen, dass eine Firma den Zuschlag bekommen habe, die so günstig offeriert habe, dass Dumpinglöhne praktisch programmiert gewesen seien, sagte Burger. Die Fakten zu beschaffen, sei jedoch extrem schwierig gewesen.

Kompliziertes Konstrukt von Sub-Unternehmen

Laut Unia steht hinter dem jüngsten Lohndumpingfall - wie fast immer - eine "lange Kette von Auftragsvergaben". So wurde der Auftrag der Helvetia von der Schweizer Niederlassung der österreichischen Porr Gruppe an das ungarische Subunternehmen Hexatech vergeben. Dieses wiederum gab den Auftrag an das Basler Unternehmen Lavalange GmbH weiter, die wiederum im Besitz der Hexatech ist.

Bei Lavalange handle es sich um eine Briefkastenfirma, deren Spur sich bei einem Anwalt in der Basler Innenstadt verliere, führte Burger aus. Laut Handelsregister-Auszug bezweckt die Gesellschaft "die Betätigung in der Marktforschung, Reklame und Marketing auf dem Gebiet der Sicherheitstechnik, zur Sicherung von Gebäuden, insbesondere Banken etc.".

Mit dem komplizierten Konstrukt werde versucht, die Zahlung von Entsendezulagen und Spesen zu umgehen, so die Unia. Gegen aussen würden die Dumpinglöhne mit gefälschten Arbeitsverträgen verschleiert. Auf einem der Verträge wurde zwar ein Monatslohn von 4700 Franken ausgewiesen, effektiv ausbezahlt wurden jedoch lediglich 1860 Franken.

Die Unia schätzt, dass den Arbeitern bisher mindestens eine halbe Million Franken vorenthalten wurde. "Hätten wir den Fall nicht aufgedeckt, hätte sich die Summe bis zum Bauende auf rund eine Million Franken summiert, rechnete Burger vor.

Auf Angehörige wird Druck ausgeübt

An der Medienkonferenz sollten auch Betroffene zu Wort kommen. Das sei aber nicht möglich gewesen, weil die Arbeiter massive Drohungen erhalten hätten, sagte der Unia-Geschäftsleiter. Um Aussenkontakte zu verhindern, würden die ungarischen Gebäudetechniker in Gruppen in Baracken untergebracht und ständig von Aufpassern kontrolliert.

Die Arbeiter hätten nicht in erster Linie Angst davor, entlassen zu werden, sagte Christa Suter, Baustellenkontrolleurin der Unia. Viel schlimmer für sie sei, dass teilweise auch massiver Druck auf ihre Angehörigen in Ungarn ausgeübt werde, so dass sich die Arbeiter nicht zur Wehr setzen könnten.

"Die Situation auf den Baustellen in Zürich verwildert zunehmend, Lohndumping ist allgegenwärtig geworden", stellte Burger fest. Die Unternehmen unterliefen teilweise mit "krimineller Energie" die geltenden Arbeitsbedingungen. Alle in der Baubranche wüssten genau, wie das Spiel funktioniere.

Kein gutes Zeugnis stellt die Unia dem Kanton Zürich aus. Das Klima sei geprägt vom "politischen Unwillen", entschieden gegen Lohndumping vorzugehen. In den letzten Monaten habe sich die Situation noch verschlechtert. (sda)


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