Ein «Feriengast» hält die Diplomatie auf Trab

GESCHICHTE ⋅ Am 11. März sind es 50 Jahre her, seit die Tochter Stalins in Genf eintraf. Und der Schweiz mitten im Kalten Krieg sechs hektische Wochen bescherte.
19. Februar 2017, 04:28

Balz Bruppacher

 

Damit hatte niemand gerechnet: Am späten Nachmittag des 7. März 1967 verlangt der amerikanische Botschafter in Bern dringend eine Unterredung mit Bundesrat Willy Spühler, dem Chef des Aussendepartements. Es geht um Swetlana Allilujewa, die damals 41-jährige Tochter Stalins. Sie ist in einem Hotel am Flughafen Rom gestrandet, nachdem die USA ihr in Indien ein ­Visum ausgestellt hatten, sie aus politischen Gründen aber nicht einreisen lassen wollten. «Der Zeitpunkt für den Empfang von Frau Allilujewa-Stalin wäre sehr ungelegen», erklärt der US-Botschafter und verweist auf die Verhandlungen mit der Sowjetunion über ein nukleares Proliferationsverbot. Die Schweiz solle der ­Stalin-Tochter Asyl gewähren. Die Reise nach Indien war ihr ­bewilligt worden, damit sie die Asche ihres verstorbenen indischen Lebenspartners in den Ganges streuen konnte.

Im Bundeshaus bricht Hektik aus. Im Politischen Departement, wie das EDA damals hiess, jagen sich die Sitzungen. Auch Justizminister Ludwig von Moos wird beigezogen. Am 10. März beschliesst der Bundesrat, der Stalin-Tochter unter drei Bedingungen ein dreimonatiges Touristenvisum zu erteilen. Sie muss auf ein Asylgesuch verzichten und ein Touristenvisum beantragen. Sie soll sich jeglicher politischer Tätigkeit enthalten. Und die USA müssen sich verpflichten, innerhalb von drei Monaten die Weiterreise zu organisieren.

Klandestine Abreise in Rom

Die Amerikaner lenken sofort ein, doch kommt es in Rom zu Komplikationen. Die Bundespolizei stimmt der sofortigen Übernahme der Stalin-Tochter zu unter der Voraussetzung, dass ein Vertreter der Schweizer Botschaft in Rom vor dem Abflug persönlich die Visumsformalitäten erledigen kann. Gegen dieses Treffen legt sich der US-Geheimdienst CIA quer. «Das Zusammentreffen findet mit entsprechend abenteuerlichen Sicherheitsmassnahmen abseits des Flughafens während weniger Minuten im Dunkeln statt», berichtet Antonino Janner, der als Sektionschef des Aussendepartements vom Bundesrat mit der Betreuung Allilujewas beauftragt wurde. Der Schweizer Mann in Rom ist Botschaftssekretär Cornelio Sommaruga, der spätere IKRK-Präsident.

Statt am späten Abend des 10. März trifft die Stalin-Tochter erst am anderen Morgen an Bord eines Charterflugzeugs in Genf-Cointrin ein. Zum Ärger des Aussendepartements stehen die Reporter bereit, als Allilujewa dem Flugzeug entsteigt. «Damit wird die Einreise in die Schweiz publik und die diskrete Übernahme durch die Bundespolizei unnötig erschwert», hält Janner in seinem Bericht über den Aufenthalt der Stalin-Tochter fest. Die Beziehungen zur Presse sollten bis zu ihrer Abreise sechs Wochen später gespannt bleiben.

Bundesrat will Sowjets nicht brüskieren

Im Bundesrat werden derweil die politischen Implikationen diskutiert. Der «Maulkorb» für Swetlana lässt sich mit dem Touristenstatus eigentlich nicht vereinbaren. Soll man der Stalin-Tochter zumindest Kontakte zu Verlegern erlauben, die Millionen für ihre Memoiren anbieten? «Das würde sie beruhigen», sagt Spühler an der Bundesratssitzung vom 17. März. «Aber es bleibt die Frage der sowjetischen Reaktion im Falle einer Publikation.» Für Nello Celio, damals Chef des Militärdepartements, ist klar: «Unsere Beziehungen zur UdSSR zählen mehr als der Status von Frau ­Allilujewa.» Nicht zur Sprache kommt die «grosse Lösung», die der Chefbeamte Janner in einem Papier skizziert hat: die Asylgewährung und die Befreiung von jeglichen Auflagen für den Feriengast. Zur möglichen Reaktion der Sowjetunion schreibt er: «Sicher erführen die bilateralen Beziehungen eine temporäre Trübung, (...), aber der moralische Gewinn für die Schweiz wäre wohl immens.» Unterdessen jagt die Weltpresse die Stalin-Tochter. Im Berner Oberland, wo sie nach ihrer Ankunft in einem Hotel in Beatenberg einquartiert wurde, bleibt Allilujewa gerade mal drei Tage inkognito. Nach einer privaten Unterkunft am Thunersee geht es ins Exzerzitien-Heim in St. Antoni FR und von dort ins Kloster La Visitation in Freiburg.

Methoden der «Gangster-Reporter» verurteilt

Am 17. März ruft der Bundesrat die Journalisten dazu auf, ihre Nachforschungen nach der Frau einzustellen. An der Bundesratssitzung hat der Chef des Volkswirtschaftsdepartements, Hans Schaffner, zuvor gefordert, es ­gelte, die «Menschenjagd» zu verhindern. Die Methoden dieser «Gangster-Reporter» müssten verurteilt werden. Bewegung in die diplomatische Gratwanderung kommt in der Karwoche, als die USA den Russland-Kenner George F. Kennan zur Vermittlung in die Schweiz schicken. Man einigt sich über die Veröffentlichung der Memoiren, verzichtet aber weiterhin auf einen Presseauftritt. Am 21. April fliegt Swetlana Allilujewa unter falschem Namen unerkannt mit einem Kursflugzeug der Swissair nach New York. Dort steht sie den Medien Rede und Antwort. Was bei der hiesigen Presse einen ­bitteren Nachgeschmack hinterlässt. «Das hätte bei einer bewussteren Informationspolitik im Bundeshaus nicht so sein müssen», schrieb die NZZ. Swetlana Allilujewa starb am 22. November 2011 in den USA.

 

Hinweis

Die zitierten Dokumente sind auf der Onlinedatenbank Dodis des Forschungsprojekts Diplomatische Dokumente der Schweiz einsehbar.


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