«Engelskinder» erhalten einen Namen

ANERKENNUNG ⋅ Eltern sollen fehlgeborene Kinder künftig ins Personenstandsregister eintragen können. Der Bundesrat will die Zivilstandsverordnung anpassen. Das löst gleichzeitig administrative, gesellschaftliche und psychologische Probleme.
15. April 2017, 08:47

Balz Bruder

Das Zivilstandswesen ist eine exakte Wissenschaft. Jedenfalls scheidet die Zivilstandsverordnung aufs Gramm genau, was eine Totgeburt und was eine Fehlgeburt ist. Eine Totgeburt ist demnach ein tot geborenes Kind ab 500 Gramm Gewicht oder eines nach Vollendung der 22. Schwangerschaftswoche. Diese Definition der Weltgesundheitsorganisation ist entscheidend: Nur solche Kinder haben ein Anrecht auf Bestattung und müssen gemeldet werden. Zudem dürfen Totgeburten nach Artikel 9 der Zivilstandsverordnung beurkundet werden. Will heissen: Die Kinder finden Aufnahme im Personenstandsregister.

Das ist die eine Seite. Die andere: Fehlgeborene Kinder, die zu jung oder zu leicht sind, haben diese Rechte nicht. Eine Ungerechtigkeit, die vor gut zwei Jahren die Berner EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller auf den Plan rief. Sie reichte ein Postulat über die «Verbesserung der Rechtslage für Totgeborene» ein. Und siehe da: Das Postulat wurde erstens überwiesen – und zweitens legte der Bundesrat Anfang März einen Bericht vor, der eine pragmatische Lösung für das Problem vorschlägt.

Beurkundung, aber keine Rechtsfolgen für die Eltern

Konkret bedeutet dies, dass künftig nicht nur tot geborene Kinder im Personenstandsregister eingetragen werden sollen, sondern – auf Verlangen der Eltern – auch fehlgeborene. Das heisst, dass Eltern ihr «Engelskind» auf Wunsch beurkunden lassen und ihm einen Vor- und einen Familiennamen geben können. Auch wenn damit keine Rechtsfolgen bezüglich Familienzulagen und Mutterschaftsversicherung verbunden sind. Für Postulantin Streiff ist die Möglichkeit der Beurkundung gleichwohl ein wichtiger Vorgang: «Es mag nach wenig tönen, doch ein standesamtlicher Eintrag ist für die betroffenen Eltern von grossem Wert und ein wichtiger Schritt im Verarbeitungsprozess.»

Dass es neben dem formalen einen psychologischen Hintergrund in den Bemühungen gibt, die zivilstandsamtliche Behandlung fehlgeborener Kinder zu verbessern, ist unbestritten. Diesen sieht auch der Bundesrat: Eine Eintragung im Personenstandsregister könne die Trauerarbeit der Eltern erleichtern und dazu beitragen, kantonale Regelungen über die Bestattung und kommunale Formalitäten zu vereinfachen. In der Tat sehen sich Eltern häufig mit Schwierigkeiten konfrontiert, weil es an der Beurkundung fehlt. Das ändert sich mit dem freiwilligen Eintrag, weil dadurch ein Ereignisnachweis geschaffen wird, der für das Zivilstandswesen zentral ist.

Das beurteilt auch Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes, so: «Das ist nicht nur für die Eltern ein Fortschritt, sondern erleichtert auch den Gemeinden die Arbeit.» Dies umso mehr, als der Bundesrat eine Lösung vorschlägt, die zum einen nur eine Verordnungs- und keine Gesetzesänderung bedingt und zum andern am Informatiktool anschliesst, das bereits bei der Beurkundung von Totgeburten im elektronischen Personenstandsregister zur Anwendung kommt.

Kirchenrecht kennt keine Unterscheidung

So technisch die Lösung für den Umgang mit fehlgeborenen Kindern auch anmutet, so vielschichtig ist sie gleichzeitig. Psychologisch, gesellschaftlich, aber auch kirchlich. Giuseppe Gracia, Sprecher des Bistums Chur, begrüsst die vom Bundesrat vorgeschlagene Neuregelung – vor allem mit Blick auf die Bestattung von fehlgeborenen Kindern. Denn das Kirchenrecht kennt die Unterscheidung zwischen Fehl- und Totgeburt nicht. Keine offizielle Position zur Frage des Umgangs mit fehlgeborenen Kindern hat der Schweizerische Evangelische Kirchenbund. Recht sei «auch eine soziale Konvention», sagt Anne Durrer. In Anbetracht des Leidens von Eltern versuchten Pfarrer denn auch, seelsorgerliche Unterstützung zu leisten. In verschiedenen Kirchgemeinden gibt es – zum Teil auch ökumenische – Grabfelder und Gedenkstätten für «Engelskinder».

Eine gute Entwicklung, findet Anna Margareta Neff, Leiterin der Fachstelle Kindsverlust. Im Wissen, dass noch vor wenigen Jahren sowohl bei Angehörigen als auch unter Fachleuten die Meinung vorherrschte, es sei besser, Kind und Ereignis möglichst rasch zu vergessen. Dass diese Art der Verdrängung allmählich abgelöst wird, findet Neff hilfreich. «Heute ist klar, dass vielen Eltern mehr gedient ist, wenn sie darin unterstützt werden, die kurze Zeit mit ihrem Kind möglichst bewusst zu erleben.»


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