Flüchtlingshilfe sieht Projekt auf Kurs

GASTFAMILIEN ⋅ Nach harzigem Beginn gewinnt die Unterbringung von Flüchtlingen bei Privatpersonen an Fahrt. Das Gastfamilienkonzept stösst aber nicht in allen Kantonen auf offene Ohren.
14. November 2016, 05:00

«Ich habe mich entschlossen, dass wir einen Flüchtling aufnehmen», sagt Angelika Hartmann, worauf sich ihr Mann Richard vor Schreck am Rotwein verschluckt. Die Szene ist im Film «Willkommen bei den Hartmanns» zu sehen, der zurzeit in den Kinos läuft. Die deutsche Komödie greift auf etwas plakative Art ein Thema auf, das auch in der Schweiz aktuell ist: die Unterbringung von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Privathaushalten.

Im Oktober 2013 rief der damalige Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH), Beat Meiner, Schweizerinnen und Schweizer dazu auf, Schutzsuchende bei sich aufzunehmen. In der Folge gingen bei der Organisation Dutzende Angebote von Privatpersonen ein, die sich zu einer Aufnahme bereit erklärten. Doch bei der Realisierung haperte es, im März 2015 konnte die SFH erst eine erfolgreiche Platzierung vermelden. Die Kantone hätten kein Gehör für das Engagement Privater, erschwerend hinzu komme die «unglaubliche Bürokratie», kritisierte die Flüchtlingshilfe. Heute tönt es anders. In der aktuellen Ausgabe seines Magazins zieht der Verband eine positive Zwischenbilanz, das Gastfamilienprojekt sei «ein voller Erfolg».

Falsche Vorstellungen bei den Gastfamilien

Die nackten Zahlen deuten allerdings nicht auf einen solchen Vollerfolg hin. Nach Angaben der SFH sind im Rahmen des Pilotprojekts derzeit 71 Flüchtlinge bei 50 Familien untergebracht. Die Gastfamilien verteilen sich auf die vier Kantone Waadt, Genf, Bern und Aargau, die sich am Pilotprojekt beteiligen. Im Verhältnis zu den bisher 23 500 Asylgesuchen im laufenden Jahr und den knapp 40 000 Asylgesuchen im Vorjahr sind die Zahlen bescheiden. «Es geht beim Gast­familienkonzept nicht in erster Linie darum, das Problem der knappen Unterkunftsplätze zu lösen», sagt SFH-Mediensprecher Stefan Frey. Im Vordergrund stehe die einfachere und schnellere Integration der Flüchtlinge. Und die bisher gemachten Erfahrungen deuteten tatsächlich darauf hin, dass die Integration schneller verlaufe als in den kollektiven Unterkünften. «Über die Familien und deren Netzwerke lernen die Flüchtlinge unsere Kultur besser kennen als über den Kontakt mit dem Betreuungspersonal und den Behörden», sagt Frey.

In der Waadt hat die SFH die Verantwortung für das Projekt im April in die Hände des Kantons gelegt. Zusätzlich zu den bereits platzierten Flüchtlingen konnten seither über 100 Personen vermittelt werden. «Damit werden die kantonalen Asylstrukturen durchaus entlastet», sagt Frey. Nach dem Vorbild des SFH-Gastfamilienkonzepts sind zudem in weiteren Kantonen ähnliche Projekte entstanden. «Wir schätzen, dass insgesamt bis zu 500 Flüchtlinge bei 200 bis 300 Gastfamilien untergekommen sind», sagt Frey.

In Basel-Stadt wohnen derzeit 20 Flüchtlinge bei 18 Familien, vermittelt hat sie die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel. Die Erfahrungen seien «grossmehrheitlich positiv», sagt Geschäftsführer Dieter Erb. «Die Flüchtlinge lernen sehr schnell Deutsch.» Unmittelbar nach dem Start seien viele Anmeldungen eingegangen, oft waren dabei aber falsche Vorstellungen im Spiel. «Die Gastfamilien hatten flüchtende Frauen mit Kindern im Kopf, tatsächlich galt es aber vor allem junge Männer unterzubringen.» Heute decke das Angebot die Nachfrage zwar nicht ganz, sagt Erb. «Dafür wissen die Leute, die sich melden, was sie erwartet.»

«Anerkannte Flüchtlinge brauchen keine Gastfamilie»

Bei den Gastfamilienprojekten prallen Welten aufeinander. Da gibt es beispielsweise die Geschichte des Guineers, der sich beim Kennenlerngespräch vor der Katze der Familie ekelte und anmerkte, in seiner Heimat traktiere man solche Tiere mit Fusstritten. Das Zusammenleben funktioniert dann meist problemlos, im Pilotprojekt der SFH kam es in weniger als zehn Fällen zum vorzeitigen Abbruch. Interessierte Familien verpflichten sich für mindestens ein Jahr. «Zu Beginn des Projekts betrug die Mindestdauer noch sechs Monate. Wir haben dann gesehen, dass das für die Integration zu kurz ist», sagt Frey. Gelockert hat man dafür die Anforderungen. War für die Aufnahme einer Einzelperson zunächst neben einem abschliessbaren, möblierten Zimmer auch ein separates Bad Pflicht, ist dies mittlerweile nur noch erwünscht.

Frey lobt insbesondere die Zusammenarbeit mit den Westschweizer Kantonen. Schwieriger ist es in den Kantonen Bern und Aargau. Unter anderem gibt es Unstimmigkeiten bei der Frage, wer für eine Platzierung in Frage kommt. In den Augen der Flüchtlingshilfe sollten vor allem neu angekommene Asylsuchende bei Privaten unterkommen. «Bei ihnen ist die Motivation, sich zu integrieren, am grössten», sagt Frey. In Bern stünden die Gast­familien aber nur anerkannten Flüchtlingen oder vorläufig Aufgenommenen offen. «Anerkannte Flüchtlinge haben freie Wohnsitzwahl, sie brauchen keine Gastfamilien», sagt Frey. Der Geschäftsleiter des Berner Migrationsamts, Markus Aeschlimann, hält dagegen: Asylsuchende müssten im Fall eines negativen Entscheids eine Privatunterkunft sofort verlassen. «Wird dies nicht umgesetzt, machen sich die Drittpersonen strafbar», sagt Aeschlimann. Der Ausschluss von Asylsuchenden von der privaten Unterbringung diene deshalb auch dem rechtlichen Schutz der Gastfamilien. Frey hält dieses Argument für fadenscheinig. «Wir vermitteln in erster Linie Asyl­suchende aus Ländern mit einer hohen Anerkennungsquote wie Syrien oder Eritrea. Bei diesen Personen ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bleiben können.»

Inner- und Ostschweiz sind zurückhaltend

«Unser Ziel ist es, dass die private Unterbringung zu einem wichtigen Bestandteil des Schweizer Asylwesens wird», sagt Frey. Voraussetzung dafür sind schweizweit gültige Standards für die Selektion der Flüchtlinge oder auch für die Entschädigung der Gastfamilien. Eine wichtige Rolle schreibt die Flüchtlingshilfe dabei den kantonalen Sozialdirektoren (SODK) zu, zumal diese ein Interesse an einer besseren Arbeitsmarktintegration und ­tieferen Sozialkosten haben müssten. SODK-Präsident Peter Gomm sagt dazu: «Sofern in den Kantonen Bedarf besteht, können wir im Rahmen von Empfehlungen auf eine gewisse Har­monisierung der Standards hinarbeiten.» Gomm begrüsst das Gastfamilienkonzept grundsätzlich. Die Flüchtlinge erführen dabei sehr «rasch und unmittelbar», wie die Schweizer Gesellschaft funktioniere, so der Solothurner SP-Regierungsrat. «Das Projekt ist aber relativ bedächtig gestartet.»

Insbesondere in der Ost- und Zentralschweiz ist die Idee der privaten Unterbringung von Flüchtlingen bisher auf wenig Resonanz gestossen. Der Kanton Luzern will im kommenden Jahr aber ein Konzept ausarbeiten. Keinerlei Handlungsbedarf sieht man im Kanton St. Gallen.

Tobias Bär


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