«Flüchtlingsströme stellen Europa nicht vor unüberwindbare Probleme»

ROTES KREUZ ⋅ Im Jahr 1871 nahm die Schweiz innert dreier Tage 87 000 französische Soldaten auf. Solch eine Aktion könnte sie auch heute leisten, sagt IKRK-Präsident Peter Maurer.

26. Januar 2015, 08:05

Interview Kari Kälin

Die Zahlen sind beeindruckend. Vom 1. bis 3. Februar 1871, in nur drei Tagen, überquerten 87 000 französische Soldaten die Schweizer Grenze bei Les Verrières, Sainte-Croix, Vallorbe und im Vallée de Joux. Die desorganisierten und demoralisierten Truppen, geschunden durch den deutsch-französischen Krieg, wurden interniert und auf die Kantone verteilt. Im März kehrten die Männer wieder zurück in ihre Heimat. Frankreich überwies der Schweiz für die grösste humanitäre Aktion, die sie je durchführte, 12,1 Millionen Franken. Edouard Castres hat den Grenzübertritt in einem Rundbild im Luzerner Bourbaki-Panorama festgehalten.

Vergangene Woche sprach Peter Maurer in Luzern über humanitäre Werte. Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) war Gast im Rahmen der Themenmonate Menschlichkeit, einer Veranstaltungsreihe des Bourbaki-Panoramas in Luzern zur 150-jährigen Geschichte des IKRK und der Genfer Konventionen.

Peter Maurer, wir stehen vor dem Wandbild im Bourbaki-Panorama in Luzern. Was geht Ihnen durch den Kopf?

Peter Maurer*: Dieses Ereignis aus dem 19. Jahrhundert fällt in die gleiche Periode wie die Gründung des IKRK 1863. In dieser Zeit entstanden die Genfer Konventionen, und das Humanitäre avancierte zu einem wichtigen Bereich der Politik. Die Internierung der Bourbaki-Armee war eine der ersten grossen humanitären Aktionen, bei denen die Genfer Konventionen praktisch umgesetzt wurden. Dabei kam die Solidarität der Schweizer Bevölkerung mit den gestrandeten Soldaten zum Ausdruck.

Wenn Sie heute ein Bourbaki-Bild malen müssten, wie sähe es aus?

Maurer: Ich würde viele bewaffnete, nichtstaatliche Gruppierungen und Gewalt in Städten malen. Ich würde IKRK-Delegierte darstellen, die um Zugang zu Verwundeten und Kriegsgefangenen verhandeln. Man würde sehen, wie in Spitälern Hilfe geleistet wird oder wie Lebensmittel, zum Beispiel in Syrien, im Irak oder im Südsudan, verteilt werden. Des Weiteren würde ich versuchen zu illustrieren, wie schwierig es heute für Helfer ist, bis zur Zivilbevölkerung zu gelangen. Sie ist oft umzingelt von Armeen und wird immer häufiger Opfer militärischer Attacken.

Die Schweizer Bevölkerung nahm die französischen Soldaten 1871 grosszügig auf. Welche Lehren kann man in der heutigen Zeit aus dieser humanitären Aktion ziehen?

Maurer: Das Bourbaki-Bild zeigt, dass ein Land in kürzester Zeit sehr viele Menschen aufnehmen konnte – ganz einfach, weil es nötig war. Es ist jedoch immer schwierig, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Die riesigen Migrationsströme stellen viele Staaten vor grosse logistische, politische und humanitäre Herausforderungen. Primär betroffen sind die Nachbarländer von Konfliktzonen, aber natürlich auch Europa. Die Diskussionen um die Aufnahme von Menschen in Not gestalten sich heute schwieriger, weil die Zahlen grösser sind und die Aufnahme länger dauert als damals bei der Bour­baki-Armee.

Wäre die Schweiz heute überhaupt in der Lage, zum Beispiel auf einen Schlag 100 000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen?

Maurer: Alle europäischen Länder wären dazu in der Lage. Die heutigen Flüchtlingsströme stellen sie nicht vor unüberwindbare logistische Probleme. Für die Aufnahme fehlt es jedoch an politischer Akzeptanz. Andere Länder haben derweil keine andere Wahl. Der Libanon zum Beispiel, ein Nachbarland Syriens, beherbergt mehr als eine Million Flüchtlinge. Oder Äthiopien, alles andere als ein reiches Land, hat in den letzten Monaten rund 600 000 Flüchtlinge wegen des Konflikts im Südsudan aufgenommen.

Gilt die Schweiz international immer noch als humanitäre Avantgarde, ist unser Ruf intakt?

Maurer: Die Schweiz gehört zu jenen 15 bis 20 Ländern, die sich im humanitären Bereich sehr stark engagieren. Sie leistet ausserdem einen wichtigen finanziellen Beitrag ans IKRK. Zum Glück ist die Schweiz nicht mehr unbedingt Avantgarde – auch andere Staaten engagieren sich mit viel Einsatz. Angesichts der sich ausdehnenden Konflikte ist das auch nötig.

Inwiefern wird die Arbeit des IKRK durch zahlreiche nichtstaatliche Akteure wie etwa die Terrormiliz IS oder die Terrororganisation el Kaida verkompliziert?

Maurer: Je mehr Beteiligte es gibt und je weniger strukturiert die Akteure sind, desto schwieriger und komplexer gestalten sich die Verhandlungen. Wenn sich zwei Armeen gegenüberstehen und man mit den Chefs beider Armeen sprechen kann, dann bestehen gute Chancen, dass unseren Anliegen rasch Rechnung getragen wird. Wenn man Dutzende Gruppierungen kontaktieren muss, werden die Verhandlungen für die Gewährleistung der Sicherheit unserer Mitarbeitenden und den Zugang zu den Opfern viel komplizierter. In gewissen Konfliktzonen dauert es deshalb Wochen und Monate, bis wir endlich Kriegsgefangene besuchen und Verwundeten helfen können.

Das IKRK ist zu absoluter Neutralität verpflichtet. Würde es Sie manchmal reizen, die Welt über die Bösartigkeiten verschiedener Gruppierungen aufzuklären?

Maurer: Wir haben ein klares Mandat und klare Prinzipien. Wir können so lange arbeiten, wie wir als neutral und unparteiisch wahrgenommen werden. Dass wir uns zu gewissen Sachen nicht äussern, ist auch nackte Interessenpolitik des IKRK. Denn wir wollen jenen, die es wirklich nötig haben, unter allen Umständen Hilfe leisten können.

HINWEIS

* Peter Maurer (58) ist seit dem 1. Juli 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) mit Sitz in Genf.

Mehr Informationen zu den Themenmonaten Menschlichkeit des Bourbaki-Panoramas finden Sie unter: www.bourbakipanorama.ch


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: