Im Zweifel für den Aktionär

UNTERNEHMEN ⋅ Trotz Frankenschock und Gewinneinbussen: Die Schweizer Konzerne schütteten im vergangenen Jahr erneut mehr Dividenden aus.

27. März 2016, 05:00

Daniel Zulauf

Der Frühling ist Erntezeit für Aktionäre, und der Ertrag fällt auch heuer üppig aus. Die 30 wertvollsten Unternehmen an der Schweizer Börse schütten in diesen Tagen und Wochen 40,6 Milliarden Franken an Dividenden aus. Das ist rund eine Milliarde Franken mehr als im vergangenen Jahr, wie die jüngste Auswertung unserer Zeitung zeigt. Die Steigerung um 2,6 Prozent ist keine Selbstverständlichkeit, denn im vergangenen Jahr mussten viele Unternehmen wechselkursbedingte Gewinneinbussen hinnehmen. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses am 15. Januar 2015 hatte eine schlagartige Aufwertung des Frankens zum Euro und zu anderen ausländischen Währungen bewirkt. Für die Firmen, die ihre im Euroraum erwirtschafteten Erträge am Jahresende in Franken umrechnen, ergaben sich daraus empfindliche Umrechnungsverluste von durchschnittlich rund 10 Prozent. Fast genau in diesem Ausmass haben sich 2015 auch die Gewinne der untersuchten Firmen zurückgebildet.

Immer weniger Gewinn

Insgesamt wiesen die im Swiss Leader Index (SLI) der Schweizer Börse enthaltenen Gesellschaften ein kumuliertes Ergebnis von 58,3 Milliarden Franken aus. Das sind rund sechs Milliarden Franken oder 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die tieferen Gewinne in Verbindung mit dem gestiegenen Dividendenniveau führen rechnerisch zu einer höheren Aus­- schüttungs­quote. Diese erreichte 2015 einen rekordverdächtigen Wert von 69,5 Prozent. Im Jahr 2010 hatten sich die Eigentümer noch mit 45 Prozent der Unternehmensgewinne zufrieden gegeben. Im Jahr darauf stieg die Quote auf 60 Prozent. Auch damals gaben deutlich tiefere Gewinne den Ausschlag für den Anstieg der sogenannten Pay-out-Ratio.

Über den ganzen sechsjährigen Beobachtungszeitraum hinweg ist das Gewinnniveau der 30 SLI-Konzerne um rund 7 Prozent gefallen, während das Ausschüttungsniveau um die 40 Prozent zugenommen hat. Offensichtlich haben die meisten Unternehmen die Ängste abgelegt, die sie während und unmittelbar nach der Finanzkrise zu einem besonders sparsamen Umgang mit ihrem Kapital und ihren Gewinnen bewogen hatte.

Trotz des aktuell rückläufigen Gewinnniveaus präsentieren sich die Konzerne im Grossen und Ganzen in einem sehr soliden Zustand. Immerhin konnten zwölf Firmen das Ergebnis trotz Frankenschock steigern. Der mit Abstand grösste Gewinnsprung gelang Novartis, wobei dieser mit Vorsicht zu geniessen ist. Der optische Fortschritt täuscht insofern, als er vor allem die Gewinne aus Desinvestitionen im Zusammenhang mit dem grossen Konzernumbau spiegelt. Operativ konnte sich Novartis nur knapp auf Vorjahresniveau halten.

Korrekturen drücken auf die Zahlen

Umgekehrt sagen auch die teilweise hohen Verluste nicht viel über die Leistungsfähigkeit der Unternehmen aus. LafargeHolcim musste im Zug der Fusion der beiden Zementriesen erhebliche Bewertungskorrekturen zu Lasten der Erfolgsrechnung vornehmen, was die Ertragskraft des Konzerns aber nicht schmälert. Auch im Fall der Credit Suisse waren Bewertungskorrekturen der Grund für den negativen Gewinnausweis. Doch die Grossbank kämpft auch sonst mit vielen Schwierigkeiten, und diese haben in der Regel betriebliche Ursachen.

So gesehen ist es durchaus ein Kraftakt, dass die Credit Suisse ihre Dividende pro Aktie auch heuer auf dem Vorjahresniveau halten will. Weil die Bank im Rahmen einer Kapitalerhöhung im November viele neue Aktien geschaffen hat, könnte die Ausschüttung um bis zu 245 Millionen Franken steigen. Auch LafargeHolcim trägt seit der Fusion ein viel grösseres Aktienkleid und schüttet deshalb mehr als doppelt so viel Dividende aus, als dies die schweizerische Holcim zuvor alleine tat. Ob die Zementfusion ihren Aktionären den erhofften Mehrwert bringen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur, dass der Einbezug der französischen Lafarge die Schweizer Unternehmens- und Börsenlandschaft wie auch die vorliegende Statistik noch etwas voluminöser aussehen lässt, als sie es ohnehin schon ist.

Nur vier senken die Dividende

Den grössten Dividendensprung machte 2015 die UBS, die auch in puncto Gewinn mächtig zulegen konnte. Obschon auch diese Verbesserung nicht frei von Sondereinflüssen war, die wenig bis gar nichts über die Erfolge im Tagesgeschäft aussagen, zeigt sich die Bank doch in einer weit robusteren Verfassung als ihre Lokalrivalin. Alles in allem haben nur vier der 30 untersuchten Gesellschaften ihre Dividenden gesenkt, und in drei dieser Fälle war die Senkung lediglich die Folge des Wegfalls von Sonderausschüttungen, die sie den Aktionären im Vorjahr zugestanden hatten.

Auch die Konzernchefs mussten 2015 nicht darben. Gesamthaft erreichten die Bezüge der CEOs im vergangenen Jahr knapp 197 Millionen Franken oder rund 6,6 Millionen Franken pro Kopf. Auffallend ist das Comeback der Bankchefs: UBS-Chef Sergio Ermotti ist regulär der bestverdienende Manager der Schweiz. Gegen die 15 Millionen Franken des Tessiners hat Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam mit seinem ordentlichen Gehalt von 4,6 Millionen Franken für die sechs Monate seit seinem Amtsantritt keine Chance. Nimmt man aber Thiams Antrittsentschädigung hinzu, steht der Ivorer mit fast 19 Millionen Franken weit über seinen Berufskollegen. 14,3 Millionen Franken erhielt der frühere Prudential-Chef in Form von «aufgeschobenen aktienbasierten Ansprüchen». Die Höhe entspricht den aufgeschobenen Vergütungsansprüchen, die der frühere Arbeitgeber aufgrund von Thiams Wechsel annulliert hatte.

Auch die Chefs von Nestlé, Roche und Novartis verdienen üppige zweistellige Millionengehälter. Gehaltsveränderungen der CEOs müssen auch in Zeiten der gestärkten Aktionärsmacht nicht zwingend mit den Leistungen der Unternehmen korrelieren. Das klassische Beispiel dafür liefert der Chef des Zollfreihändlers Dufry. Dieser wächst zwar seit geraumer Zeit kräftig mittels Übernahmen, was dem CEO auch heuer eine Lohnaufbesserung um fast 12 Prozent auf 7,7 Millionen Franken eingetragen hat. Doch die Dufry-Aktionäre müssen ihren Besitz mit immer mehr Minderheitsaktionären teilen. 2015 resultierte für Dufry-Aktionäre sogar ein Jahresverlust, ohne dass eine Dividende bezahlt worden wäre.

Mehr Dividende auch in Deutschland

Interessant ist auch der Vergleich der Dividendenausschüttungen mit Deutschland. Die 30 nach Börsenwert grössten Konzerne des Landes, deren Aktien im Dax-Index enthalten sind, dürften ihren Aktionären nach Schätzungen von Bankanalysten einen weitaus grösseren Dividendensegen bescheren als im Vorjahr. 2014 hatten die Dax-Konzerne 29,5 Milliarden Euro an ihre Eigentümer abgeführt – nicht einmal die Hälfte dessen, was die Unternehmen an Gewinnen ausgewiesen hatten (67,3 Milliarden Euro). Wenn die Analysten Recht behalten, müsste sich die Ausschüttungsquote in diesem Frühjahr auch in Deutschland stark nach oben bewegen, denn das Gewinnniveau der Firmen ist rückläufig. Das zeigt eine Analyse der Beratungsgesellschaft EY, nach der die 30 Dax-Firmen 2015 bei 8 Prozent mehr Umsatz kumuliert 5 Prozent weniger Betriebsgewinn eingefahren haben.

Milliarden für die Wirtschaft

Der Gewinnabfall mag mit Blick auf den für deutsche Firmen positiven Einfluss des schwachen Euro erstaunen. Aber auch hier haben Einzelereignisse wie die Riesenverluste der Deutschen Bank und des Energiekonzerns EON eine entscheidende Wirkung auf die Statistik. Offenkundig wird aus dem Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz, dass Grossunternehmen in der Eidgenossenschaft ein weitaus höheres volkswirtschaftliches Gewicht haben als im Nachbarland. Von den Dividendenzahlungen dieser Firmen profitiert fast jeder Schweizer Haushalt, wenn auch oft nur indirekt über die Pensionskasse. Ausgehend von der Schätzung, dass die Grossfirmen zu rund 40 Prozent im Durchschnitt von Schweizer Aktionären kontrolliert werden, könnten der Schweizer Wirtschaft heuer rund 16 Milliarden Franken an Dividendeneinnahmen zufliessen.

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit den höchsten Direktinvestitionen im Ausland. Die Kapitaleinkommen aus diesen Investitionen sind entscheidend für den heimischen Dividendensegen. Die Kehrseite dieser Medaille ist aber, dass diese Kapitalflüsse dem Franken eine stetige Stütze liefern und damit für die Überbewertung der Währung in hohem Mass verantwortlich sind.

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Daniel Zulauf

 


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