Nächster Anlauf für Olympische Spiele

WINTERSPIELE ⋅ Die Schweiz soll sich für Olympia 2026 bewerben. Das hat das Sportparlament entschieden. Doch bis hierzulande das olympische Feuer entzündet wird, ist es ein steiniger Weg.
12. März 2016, 05:00

Roman Eberle, SDA

Auf ein Neues: Drei Jahre nach dem Nein des Bündner Stimmvolks zu den Winterspielen 2022 gaben die Mitglieder des Sportparlaments gestern an einer ausserordentlichen Versammlung im Haus des Sports in Ittigen grünes Licht, um eine Schweizer Kandidatur für die in zehn Jahren stattfindenden Olympischen Spiele zu entwickeln.

Swiss Olympic informierte dabei über die Rahmenbedingungen bezüglich Nachhaltigkeit, denen eine Kandidatur in den Bereichen Politik, Sport, Umwelt, Wirtschaft und Tourismus nachzukommen hat. Mit dem in Ittigen initiierten Kandidaturprozess will Swiss Olympic ein Olympia-Projekt entwickeln, das vom ganzen Land getragen wird. Für den Projektierungsprozess wurde vom Sportparlament ein Budget von 1 Million Franken gutgeheissen, verteilt über vier Jahre (2016 bis 2019). Es handelt sich dabei um Geld aus den Reserven von Swiss Olympic.

Zwei Hauptforderungen

Um im Spätsommer 2017 den Zuschlag auf nationaler Ebene zu erhalten, muss eine Kandidatur folgende Hauptforderungen von Swiss Olympic erfüllen: a) Die «Host City» und die entsprechende Region wie auch die gesamte Schweiz müssen von der Kandidatur stark profitieren. b) Die Kandidatur muss so überzeugend und attraktiv sein, dass sie 2019 anlässlich der 132. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eine Mehrheit der Stimmen der IOC-Mitglieder auf sich vereinen kann. Schliesslich sei das beste nationale Projekt wertlos, wenn es nicht das Potenzial hat, auf internationaler Ebene Erfolg versprechend zu sein.

Vier verschiedene Projektideen

In den vergangenen Monaten sind an Swiss Olympic drei Projekte für Kandidaturen herangetragen worden: eines unter der Federführung von FC-Sion-Präsident Christian Constantin aus dem Wallis, ein aus Wirtschaftskreisen lanciertes aus Graubünden und ein Projekt einer Interessengemeinschaft um den Gstaader Bauingenieur Kurt Iseli, die die bestehende Infrastruktur der Wintersportorte in der ganzen Schweiz nutzen will. Dem Vernehmen nach soll es auch aus der Region Genfersee eine Projektidee geben.

Details zum Nominierungsverfahren auf nationaler Ebene werden am 20. April in Lausanne erläutert. Innerhalb eines Monats müssen sich danach die interessierten Städte respektive Regionen entscheiden, ob sie offiziell an diesem Verfahren teilnehmen wollen. Zwischen Juni und Oktober finden schliesslich vier Workshops statt, bei denen die wichtigsten Voraussetzungen und Anforderungen von Swiss Olympic an eine Kandidatur im Detail erläutert werden.

Erst nach vorhergehenden Volksabstimmungen entscheidet Swiss Olympic, welches Schweizer Kandidaturdossier beim IOC eingereicht werden soll. Nur Kandidaturen von Städten und Regionen, in denen Volksabstimmungen im Frühjahr 2017 pro Olympia ausfallen, verbleiben im Nominierungsverfahren.

Swiss Olympic hofft dergestalt, im September 2017 ein Projekt vorliegen zu haben, das sämtliche Rahmenbedingungen beziehungsweise die beiden Hauptforderungen erfüllt. Andernfalls wird auf das Einreichen einer Kandidatur beim IOC verzichtet. «Wir sind aber zuversichtlich, mit einem überzeugenden Projekt an den Start gehen zu können», sagte Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild vor dem Sportparlament in Ittigen.

Bundesrätlicher Support

Olympische Winterspiele seien eine Chance, die Schweiz international zu präsentieren, sagte Sportminister Guy Parmelin zu Beginn der Versammlung in seiner Grussbotschaft. «Sie stiften Identität.» Bewerbungen kleinerer Länder wie der Schweiz seien nicht nur wieder möglich, sondern sogar ausdrücklich erwünscht, gab derweil Schild zu bedenken. «Mit unseren Bergen und einer langen Tradition im Wintersport sind wir geradezu prädestiniert, Olympische Winterspiele auszurichten.»

Zweimal wurden in der Schweiz Winterspiele durchgeführt

Zwei Olympioniken duellieren sich beim 18-Kilometer-­Langlauf bei den Winterspielen 1928 in St. Moritz. Zoom

Zwei Olympioniken duellieren sich beim 18-Kilometer-­Langlauf bei den Winterspielen 1928 in St. Moritz. | Keystone

Rückblick Es ist ja nicht so, dass in der Schweiz noch nie Olympische Spiele ausgetragen worden wären. Als 1928 Holland das Anrecht auf Austragung der Winterspiele nicht wahrnehmen konnte, weil dort im selben Jahr schon Sommerspiele stattfanden, bewarben sich die beiden Bündner Orte St. Moritz und Davos sowie Engelberg. St. Moritz machte schliesslich das Rennen. Der Bündner Kurort war noch einmal Austragungsort von Olympischen Winterspielen. Dies 20 Jahre später, im Jahr 1948. Das Olympische Komitee entschied sich damals für die Bündner und gegen Lake Placid.

Sion bleibt in Erinnerung
Die Liste der gescheiterten Bewerbungen ist indes viel länger: St. Moritz bewarb sich als Austragungsort für Winterspiele bereits für 1936, dann nochmals für 1960. Lausanne bemühte sich sogar fünfmal erfolglos: Es wollte Austragungsort von Sommerspielen sein. Dies 1936, 1944, 1948, 1952 und 1960. Und dann ist da noch Sion, das sich für die Spiele 1976, 2002 sowie 2006 bewarb.

Vor allem die jüngste Sittener Kandidatur für die Winterspiele 2006 ist auch heute noch nicht vergessen. Damals, im Sommer 1999, scheiterte nicht nur der Austragungsort Sion, sondern ein Bundesrat, nämlich Adolf Ogi, und mit ihm ein ganzes Land. So jedenfalls war die Stimmung damals. Unvergessen die Bilder aus dem südkoreanischen Seoul, als IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch verkündete: «And the winner is Torino!»

Ein bodenlos enttäuschter Adolf Ogi ist zu sehen, die ebenfalls anwesende ehemalige Skirennfahrerin Maria Walliser weint. Die Schweizer Delegation war als Favoritin nach Seoul gereist. Man wähnte sich klar vor der Konkurrentin Turin. Das Konzept war gut – und immerhin weibelte ein Regierungsmitglied mit besten Verbindungen in die Sportwelt für den Austragungsort Sion. Ogi sagte später, er habe am Vorabend der Wahl bemerkt, dass etwas gegen die Schweizer Kandidatur im Gange sei, und versucht, Gegensteuer zu geben – ohne Erfolg, wie sich tags darauf zeigen sollte. Es gibt Leute, die meinen, Ogi habe diese Schlappe bis heute nicht verwunden.

Bereits im Anlauf gescheitert
Auch gescheiterte Anläufe für eine Kandidatur gab es immer mal wieder. In Erinnerung ist aus jüngerer Zeit etwa «Bern 2010» (Winterspiele), von den Stimmbürgern des Kantons Ende September 2002 versenkt: Die entsprechende kantonale Abstimmung über einen Kredit von 7,5 Millionen Franken zur Mitfinanzierung der Olympia-Kandidatur erzielte über 75 Prozent Nein-Stimmen. Fünf Tage nach diesem wuchtigen Volks-Nein warfen die Verantwortlichen das Handtuch und zogen das Projekt Olympia-Kandidatur «Bern 2010» offiziell zurück, die dafür gebildete Aktiengesellschaft wurde umgehend liquidiert.

Auch Zürich war schon mal im Gespräch, nämlich im Jahr 2004. Es ging um die Winterspiele 2014. Die Swiss Olympic Association sprach sich im Frühjahr 2004 für eine Kandidatur der Limmatstadt und gleichzeitig gegen jene von Davos aus. Weil es aber an politischem Willen und vor allem an Geld fehlte, wurde die Idee für eine Kandidatur schon im Herbst desselben Jahres wieder aufgegeben.

Bündner Stimmbürger sagten Nein
Nicht anders ging es ein gutes Jahrzehnt später dann auch der Bündner Kandidatur für die Winterspiele 2022. Nach einem von den Befürwortern mit beträchtlichen Mitteln geführten heftigen Abstimmungskampf sprachen sich die Bündner Stimmbürger trotz versprochener Defizitgarantie durch den Bund klarer als erwartet, nämlich mit 52,7 Prozent Nein, gegen eine Olympia-Kandidatur mit den Austragungsorten St. Moritz und Davos aus. Mit dem Nein der Bündner war diese Kandidatur definitiv vom Tisch. Das schlechte Image des Olympischen Komitees habe wohl den Ausschlag für das Nein gegeben, meinten die Kommentatoren.

Richard Clavadetscher
 
schweiz@luzernerzeitung.ch

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