Neat-Bauherrin Alptransit schielt auf Gotthard-Strassentunnel

GOTTHARD ⋅ Ist die Neat gebaut, wird die Alptransit AG aufgelöst. Eigentlich. Denn jetzt meldet die Firma mit Sitz in Luzern Ambitionen auf ein weiteres Grossprojekt an.

19. März 2016, 05:00

Kari Kälin

Die Vorfreude ist greifbar. Am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel (Kosten: 12,5 Milliarden Franken) feierlich eingeweiht, im Dezember sollen dann die ersten Züge fahrplanmässig die 57 Kilometer lange Strecke im Berg befahren. Und wenn im Jahr 2020 auch noch der Ceneri-Basistunnel (3,5 Milliarden Franken) in Betrieb genommen wird, ist die Neat fertiggestellt.

Bauherrin und verantwortlich für das Jahrhundertprojekt ist die Alptransit AG (ATG). Die Tochtergesellschaft der SBB mit Sitz in Luzern beschäftigt 160 Mitarbeiter. Doch was passiert mit dem qualifizierten Personal, vom Bauingenieur bis zum Juristen, wenn die Neat vollendet ist? Die Statuten sind klar. Die Alptransit AG wird liquidiert.

Brief an Doris Leuthard

Das letzte Wort scheint allerdings noch nicht gesprochen. Voraussichtlich um 2020, gleichzeitig mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels, startet der Bund am Gotthard das nächste Grossprojekt: den Bau des zweiten Gotthard-Strassentunnels inklusive Sanierung des bestehenden. ATG-Geschäftsführer Renzo Simoni wäre nicht abgeneigt, die Bauherrschaft zu übernehmen. «Es gibt durchaus Gründe, die für eine solche Lösung sprechen», sagte er letzte Woche am Rande eines Medientermins. Die ATG habe viel Know-how aufgebaut, sei mit der Region vertraut, kenne die Behördenvertreter der Kantone Uri und Tessin und besitze Erfahrung im Management von Milliardenprojekten, sagt Simoni.

Ihr Interesse hat die ATG Anfang März auch in einem Brief an Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP) signalisiert. Das Verkehrsdepartement sei nun daran, das Anliegen der ATG vertieft abzu­klären, sagt Sprecherin Annetta Bundi.

Bundesamt für Strassen zuständig

Politischen Support erhält Renzo Simoni von Nationalrat Thomas Müller (SVP, St. Gallen), dem Präsidenten der parlamentarischen Neat-Aufsichtsdelegation (NAD). «Die Frage, ob sich das mit Steuergeld aufgebaute Know-how der ATG weiterhin nutzen lässt, drängt sich geradezu auf», sagt Müller, der diese Woche eine Interpellation zur Bauherrschaft beim Gotthard-Strassentunnel eingereicht hat. Der Urner CVP-Ständerat und NAD-Vizepräsident Isidor Baumann teilt Müllers Überlegungen im Grundsatz. Es stelle sich allerdings die Frage, ob es ordnungspolitisch machbar sei, die ATG mit dem Bau der zweiten Röhre zu beauftragen.

In der Tat. Seit Inkrafttreten der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA) im Jahr 2008 ist nämlich das Bundesamt für Strassen (Astra) Bauherr bei Nationalstrassenprojekten. Der Personalbestand stieg deshalb um rund 400 Personen, insgesamt zählt das Astra heute rund 550 Angestellte. Die Planung für die zweite Gotthardröhre, die das Volk am 28. Februar guthiess, hat es bereits aufgegleist. Voraussichtlich im ersten Halbjahr wird der Bundesrat ein generelles Projekt mit den Eckwerten genehmigen. Danach wird das Ausführungsprojekt in Angriff genommen.

Je nach Verlauf der politischen Debatte droht dem Astra am Gotthard nun Konkurrenz durch die ATG. So lange der Bundesrat Thomas Müllers Vorstoss noch nicht beantwortet hat, äussert sich das Bundesamt nicht zu diesem Thema.

Es bräuchte eine Gesetzesänderung

Ob die ATG nach ihrem eigentlichen Verfalldatum mit dem Bau des Gotthard-Strassentunnels betraut wird, liegt in den Händen der Politik. Damit die Tunnelbauer aus Luzern zum Zug kämen, müsste konkret das Nationalstrassengesetz geändert werden. ATG-Geschäftsführer Renzo Simoni ist sich bewusst, dass dies «nicht einfach so über die Bühne gehen würde». Im Moment seien aber keine Entscheide gefallen, welche eine Bauherrschaft der ATG für den Strassentunnel ausschliessen würden.


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