Pädophilenskandal: Bistumssprecher erhob Vorwürfe gegen Kapuzinerchef

KIRCHE ⋅ Der Pädophilieskandal bei den Kapuzinern ist zu einem innerkirchlichem Politikum mutiert. Giuseppe Gracia, Sprecher des Bistums Chur, erklärt seine Anschuldigungen gegenüber dem obersten Kapuziner Mauro Jöhri.
23. Februar 2017, 17:55

Dominik Weingartner

Wer hat wann was gewusst und dennoch nichts unternommen? Diese Frage beschäftigt den Kapuzinerorden seit den «Blick»-Enthüllungen rund um den pädophilen Pater Jöel. Wie unsere Zeitung am Samstag berichtete, wurde der Pater seit Bekanntwerden seines Falles mehrmals versetzt, zunächst nach Frankreich, 2005 wurde er schliesslich in die Schweiz zurückgeholt. Der Pater, der Dutzende Kinder vergewaltigt und davon auch pornografische Aufnahmen gemacht haben soll, musste sich jedoch nie einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen. Er lebt heute zurückgezogen im Kapuzinerkloster in Wil.

Unklar ist bis heute, was der oberste Kapuziner, Generalminister Mauro Jöhri, von dem Fall wusste. Jöhri war von 1995 bis 2001 und von 2005 bis 2006 oberster Kapuziner der Schweiz. 2005 wurde Pater Jöel in die Schweiz zurückgeholt. Gegenüber unserer Zeitung mutmasste ein Insider der katholischen Kirche über die Rolle Jöhris im Fall des pädophilen Paters. Jetzt outet sich der Mann in der Öffentlichkeit, nachdem in den letzten Tagen in verschiedenen Medien gemutmasst worden war, wer hinter den Aussagen steckt.

«Plattform für Ablenkungsmanöver»

In einem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, erklärt Giuseppe Gracia, Sprecher des Bistums Chur, wieso er sich mit seinem Verdacht an die Medien gewandt hat: «Ich empfand es als meine Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht allein Ephrem Bucher, sondern der heute weltweit oberste Kapuziner in Rom, Mauro Jöhri, während mehrerer Jahre des Wirkens von Pater Jöel für die Aufsicht verantwortlich war.» Ephrem Bucher, oberster Schweizer Kapuziner zwischen 2001 und 2004 sowie 2007 und 2013, hat sich letzte Woche im «Blick» dafür entschuldigt, im Fall des pädophilen Priester nichts unternommen zu haben. Gracia bezeichnet Bucher in seinem Schreiben als «Bauernopfer». Auf dem Online-Portal «kath.ch» wurde bereits Anfang Woche vermutet, dass Gracia hinter den Anschuldigungen gegenüber Jöhri steckt – und der Fall bekam eine politische Komponente. Gracia versuche Jöhri anzuschwärzen, um den Kapuzinerchef als apostolischen Administrator des Bistums Chur zu verhindern, sagte der Informationsbeauftragte der Schweizer Kapuziner Willi Anderau gegenüber «kath.ch». «Es geht gar nicht um sexuelle Übergriffe», so der Sprecher.

Das bestreitet Giuseppe Gracia. Der Artikel habe gezeigt, dass es «kath.ch» nicht an «echter Aufklärung» gelegen sei. Das Portal unterstütze mit diesem Vorgehen die Vertuschung, «indem es solchen Ablenkungsmanövern eine Plattform bietet. Nach alter Manier versucht man jene, die Missstände aufdecken, öffentlich zu desavouieren», schreibt Garcia, der betont, dass Bischof Vitus Huonder nicht über seinen Gang an die Medien informiert war. Er stehe zu seinem Handeln und hoffe, «dass die ganze Wahrheit über die Verantwortlichen ans Licht kommt», so Gracia. Mauro Jöhri selber will sich zum konkreten Fall nicht äussern. Auf Fragen dieser Zeitung zu seiner Rolle schreibt er: «Es ist sehr wichtig, dass die gemachten Fehler, welche diese schlimmen sexuellen Übergriffe ermöglicht haben, aufgearbeitet werden. Aber ich will mich jetzt nicht in die derzeit laufende Debatte in der Schweiz einmischen.»


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