Papiere: Einfacherer Wechsel von Mann zu Frau oder umgekehrt

GESELLSCHAFT ⋅ Der Bund will es Transmenschen einfacher machen, die Geschlechtsangabe offiziell zu ändern. Das wäre eine Verbesserung, sagt die Transgender-Organisation. Doch drängender seien andere Probleme.
06. November 2017, 05:00

Maja Briner

In ihren Papieren ist sie männlich eingetragen, doch sie weiss innerlich, dass sie eine Frau ist: Transmenschen identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen von aussen bei der Geburt zugeordnet wurde. Ihr Anteil an der Bevölkerung sei zwar klein, die betroffenen Personen und ihre Angehörigen aber seien oft grossem psychischem Druck ausgesetzt, schreibt das Eidgenössische Justizdepartement (EJPD). Es prüft derzeit eine Gesetzesänderung für Transmenschen: Sie sollen im Personenstandsregister ihren Vornamen und die Geschlechtsangabe einfacher ändern können.

Heute ist der Weg über ein Gericht nötig, um das offizielle Geschlecht zu wechseln. «Das ist relativ umständlich und teuer und wird heute von Gericht zu Gericht unterschiedlich gehandhabt», sagt Michael Schöll, Vizedirektor des Bundesamts für Justiz. Denkbar sei, dass künftig eine Erklärung direkt beim Zivilstandsamt genügen könnte, um den Eintrag zu ändern. «Wie das neue Verfahren genau aussehen soll, ist noch Gegenstand vertiefter Abklärungen», sagt er. Klar sei, dass geschlechtsanpassende Operationen oder andere medizinische Behandlungen nicht Bedingung sein sollen. Inspiration holte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga kürzlich in Luxemburg, wo die Arbeiten schon weiter fortgeschritten sind.

Wiederkehrendes Coming-out

Wie viele Transmenschen in der Schweiz leben, ist nicht bekannt. Gemäss der Organisation Transgender Network Switzerland (TGNS) haben einige Hundert Menschen in der Schweiz eine geschlechtsangleichende Operation machen lassen. Da sich nicht alle operieren lassen, ist die Zahl der Transmenschen höher. Die Änderung des Namens und der Geschlechtsangabe ist für sie wichtig: Denn stimmen die Angaben noch nicht, müssen sie sich jedes Mal, wenn sie ihren Ausweis zeigen, erklären – ein immer wiederkehrendes Coming-out.

Dennoch ist TGNS nur halb zufrieden mit den Plänen des Bundes. «Ein klar festgelegtes Verfahren wäre eine Verbesserung, aber es ist nicht das dringendste Problem», sagt Alecs Recher. Der Jurist gründete 2010 das TGNS und leitet heute dessen ehrenamtliche Rechtsberatung. Während mehrerer Jahre sass er im Zürcher Gemeinderat – und outete sich in dieser Zeit öffentlich als Transmann. Recher stellt klare Bedingungen an das geplante Verfahren: Es müsse für alle Transgender offen sein, insbesondere unabhängig von Alter, Nationalität und finanziellen Mitteln. Wichtig sei die Selbstbestimmung: Es sollen keine Stellungnahmen von anderen Personen nötig sein. TGNS fordert zudem, bei der Angabe des Geschlechts müsse es künftig mehr Optionen geben als nur weiblich und männlich. Das ist beim Bund derzeit aber kein Thema. «Die binäre Unterscheidung zwischen Frau und Mann ist gesellschaftlich nach wie vor stark verwurzelt», sagt Schöll.

Gerichte haben ihre Praxis bereits geändert

«Ein grosser Schritt ist die geplante Änderung nicht mehr», sagt Recher. «Diesen haben wir in den vergangenen Jahren bereits gemacht.» Früher sei es bei vielen Gerichten nicht möglich gewesen, Name und Geschlechtsangabe zu ändern, ohne sich sterilisieren zu lassen. Inzwischen verlangen die Gerichte aber praktisch keine geschlechtsangleichende Operationen oder Hormone mehr. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte solche Zwangsbehandlungen im Frühling in einem Urteil zu Frankreich als Menschenrechtsverletzung.

Recher hätte sich gewünscht, dass der Bund die Situation von Transgendern in der Schweiz umfassender betrachtet. Handeln müsse der Bund laut Recher beispielsweise beim Schutz vor Diskriminierung durch Private. Ein weiteres Problem: TGNS erhält mehr Meldungen über Transmenschen, bei denen die Krankenkasse geschlechtsanpassende Operationen nicht bezahlen will. Eigentlich müsste sie die Kosten übernehmen, sofern ein Psychiater die entsprechende Diagnose gestellt hat und eine Bestätigung vorliegt, dass die Massnahme notwendig ist. Aus willkürlichen Gründen weigerten sich die Krankenkassen aber immer wieder, die Kosten zu übernehmen, sagt Recher. Um sich zu wehren, müssten die Betroffenen sich meist einen Anwalt nehmen – was kostet. «Hier müsste der Bund eingreifen», fordert er.


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