Plötzlich fehlt von ihnen jede Spur

ASYL ⋅ Die Schweiz ist keine Ausnahme: Auch hier verschwinden jugendliche Migranten. Politiker fordern nun bessere Kontrollen.

07. Februar 2016, 00:00

Sermîn Faki

Am vergangenen Sonntag sorgte der Stabschef der EU-Polizeibehörde Europol für Aufregung: In Europa seien in den letzten zwei Jahren mindestens 10 000 unbegleitete Flüchtlingskinder verschwunden, so Brian Donald gegenüber der britischen Zeitung «The Observer».

Die europäische Polizeibehörde befürchtet, ein Teil könnte Opfer von Menschenhändlern geworden sein. Nach Donalds Angaben gibt es inzwischen eine regelrechte paneuropäische «kriminelle Infrastruktur» zur Ausbeutung von Flüchtlingen. Menschenhändler hätten sich beispielsweise darauf spezialisiert, illegale Einwanderer als Arbeitssklaven oder Prostituierte zu missbrauchen.

Die Kinder und Jugendlichen verschwinden nicht nur auf dem Weg nach Nord- und Westeuropa. Das deutsche Bundeskriminalamt nannte diese Woche die Zahl von 4700 allein für Deutschland, die italienischen Behörden eine ähnlich hohe Zahl. Selbst in Schweden lassen sich 1000 Kinder und Jugendliche nicht auffinden.

Zweifel an den Zahlen des Bundes

Und in der Schweiz? Recherchen der «Zentralschweiz am Sonntag» ergeben, dass 2015 total 83 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (sogenannte UMA) im Alter zwischen 13 und 17 Jahren verschwunden oder abgetaucht sind. Dies belegen Zahlen aus dem zentralen Migrationsinformationssystem (Zemis) des Staatssekretariats für Migration (SEM). Wie die Sendung «10 vor 10» am Freitag publik machte, sind in den letzten vier Jahren 240 Jugendliche verschwunden.

Diese Zahlen überzeugen nicht alle. «Wie die Erfahrungen mit Sans-Papiers zeigen, werden manche Migranten hier gar nicht registriert», sagt Nathalie Poehl von der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht. Sie hält die Zahlen, die das SEM angibt, für zu tief. «Dass Kinder und Jugendliche verschwinden, ist nicht neu. Allerdings kennen wir das Ausmass nicht, weil es keine guten Zahlen gibt.» Dass Kinder in der Schweiz Opfer von Ausbeutung werden, wie das der Europol-Chef für Europa annimmt, glaubt sie hingegen nicht. «Es ist nicht auszuschliessen, aber ist sicher ein Randphänomen», so Poehl (siehe Artikel unten).

Bern kann die meisten verfolgen

Wie Zahlen aus Bern zeigen, dürfte der grösste Teil der verschwundenen Jugendlichen in sicheren Händen sein. Von den 500 UMA, die dem Kanton im letzten Jahr zugewiesen wurden, sind 4 verschwunden. Davon ist nur einer wirklich abgetaucht. Ein Geschwisterpaar reiste nach Deutschland, wo sich dessen Eltern unterdessen befanden, wie Katrin Pfrunder vom Zentrum Bär­egg sagt, welches für alle UMA im Kanton zuständig ist. Die zuständigen Vertrauenspersonen hatten dies bereits vermutet und liessen sich von den deutschen Behörden bestätigen, dass die Kinder dort angekommen sind. Ein dritter Jugendlicher ist gemäss Pfrunder auf eigene Faust wieder nach Italien gegangen, wo er sich jetzt in einer Einrichtung für jugendliche Asylsuchende befindet. Bei dem einen untergetauchten Jugendlichen geht das Zentrum Bäregg von einem kriminellen Hintergrund aus. «Zusätzlich zur polizeilichen Vermisstmeldung haben wir eine Gefährdungsmeldung bei der Kinderschutzbehörde Kesb gemacht. Diese hat in Abwesenheit des Jugendlichen eine Beistandschaft errichtet, sodass Schutzmassnahmen verfügt werden könnten, sollte er wieder auftauchen», so Pfrunder.

Das Problem ist: Nicht alle Kantone wissen so genau, wo sich die verschwundenen Kinder aufhalten. Zürich und Luzern sagen beispielsweise, dass ihnen kein solcher Fall bekannt sei – was bei 83 Verschwundenen schweizweit zumindest erstaunt. Der Kanton Aargau bestätigt, dass die Fälle pro Jahr «an einer Hand abzuzählen sind». Gelte ein Kind einen Monat nach seinem Verschwinden immer noch als vermisst, ginge eine entsprechende Meldung an die Migrationsbehörden, das Staats­sekretariat für Migration prüfe dann die Abschreibung des Asylgesuches, und das Dossier werde geschlossen.

Zahlen schrecken Politiker auf

Für Flüchtlingsorganisationen ist das zu wenig. «Mit dem Untertauchen fallen die Jugendlichen in einen rechtlosen Raum und sind potenziell jeder Art von Ausbeutung ausgesetzt», sagt Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe. Seine Forderung ist klar: «Die Behörden müssen die Augen offen halten, wenn wieder ein Jugendlicher verschwindet, und besser recherchieren. Wie Bern zeigt, ist es in vielen Fällen durchaus möglich, her­auszufinden, ob sich die Jugendlichen in Sicherheit befinden.»

Die Zahlen haben auch die Politik aufgeschreckt. «Es ist wichtig, dass die Behörden sensibilisiert werden», findet beispielsweise die St. Galler SP-Nationalrätin Claudia Friedl. «Das Verschwinden von Kindern darf nicht einfach eine Akte sein, die geschlossen werden kann», kritisiert sie und fordert, dass Bund und Kantone diese Fälle weiterverfolgen. Auch die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist alarmiert und fordert bessere Kontrollen. «Dass unterschiedliche Regimes gelten, sobald die Asylsuchenden auf die Kantone verteilt sind, ist unbefriedigend», sagt sie. Eine gewisse Standardisierung sei wünschenswert und werde mit dem neuen Asylgesetz angestrebt. «Die Verfolgbarkeit von registrierten Asylsuchenden muss gewährleistet sein.»

Für den Bündner SVP-Nationalrat Heinz Brand ist das illusorisch – und nur ein weiterer Beweis, dass das Dublin-System nicht funktioniert: «Sonst könnte gar niemand verschwinden, weil er an seinen Fingerabdrücken überall in Europa identifiziert werden würde.»

Gefahren lauern auf der Balkan-Route – und in der Schweiz

Kinder und Jugendliche, die allein auf der Flucht sind, sind besonders gefährdet, Opfer von Ausbeutung zu werden, warnte Europol diese Woche. Eine Einschätzung, mit der die EU-Polizeibehörde nicht allein steht. Im Gegenteil wird sie von vielen Hilfsorganisationen, die im Kinderschutz tätig sind, geteilt. «Wir wissen von Kindern, die bereits in Libyen Zwangsarbeit verrichten mussten, um die Flucht zu finanzieren», sagt Sarah Frattaroli von der Organisation Save the Children. «So kommen sie schon durch Menschenhändler nach Europa, etwa nach Italien, wo sie auf Schwarzmärkten arbeiten müssen oder in der Prostitution landen.»

Kinderhandel ist kein neues Phänomen, das erst mit der Flüchtlingswelle aufgekommen ist. Dennoch profitierten Kriminelle von der aktuellen Überforderung der europäischen Staaten, sagt Frattaroli. Dass die Fluchtroute über den Balkan führe, vergrössere das Risiko noch zusätzlich: «In Regionen mit einer Kriegsvergangenheit wie in Ex-Jugoslawien können sich kriminelle Strukturen besser herausbilden, weil die Staatsgewalt fehlt.» Eine Auflösung dieser Strukturen sei auch Jahre später schwierig.

Politik in der Verantwortung

Gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef trägt jedoch auch die Politik dazu bei, dass Flüchtlingskinder in Gefahr geraten. «Die restriktive Grenzpolitik und die ständigen Verschiebungen der Route erhöhen das Risiko, dass Kinder, die von ihren Eltern getrennt werden oder allein unterwegs sind, in die Fänge von Kinderhändlern und Ausbeutern gelangen», sagt Sprecherin Charlotte Schweizer. Unicef fordert daher ein Monitoring-System, mit dem die Kinder besser geschützt werden können. Das Hilfswerk selber bietet Familien, die auf der Flucht getrennt worden sind, Hilfe beim Auffinden der Verwandten an.
Das Risiko, dass Flüchtlingskinder in der Schweiz Opfer von Ausbeutung werden könnten, hält auch Unicef für gering. «Kinder, die über ein reguläres Asylverfahren in die Schweiz kommen, sind einem kleineren Risiko ausgesetzt», sagt Schweizer. Auch das Bundesamt für Polizei hat keine Anzeichen dafür. Allerdings gibt eine Sprecherin zu bedenken, dass das Phänomen noch jung ist und man daher erst verzögert entsprechende Hinweise erhalten könnte. Tatsächlich wurden im Zentrum Bäregg, das im Kanton Bern für die Betreuung von minderjährigen Asylsuchenden zuständig ist, bei einzelnen Kindern und Jugendlichen Auffälligkeiten festgestellt, denen nachgegangen wurde, um Risiken im Kontext von Menschenhandel auszuschliessen, wie Sprecherin Katrin Pfrunder sagt. 

Anfragen von Drogenhändlern

Dennoch sind die Jugendlichen auch in der Schweiz Risiken ausgesetzt. «Wir wissen von den Jugendlichen, dass es in den Empfangszentren zum Teil Rekrutierungsversuche von Drogenhändlern und anderen Kriminellen gibt», sagt Katrin Pfrunder vom Zentrum Bäregg in Bern. 
Von Drogenhandel unter den Augen des Bundes hat kürzlich auch ein Undercover-Journalist in der «Sonntagszeitung» berichtet, der sich, getarnt als Asylsuchender, ins Empfangszentrum Kreuzlingen im Kanton Thurgau geschmuggelt hatte. Das für die Zentren zuständige Staatssekretariat für Migration weiss davon nichts. «Uns sind keine konkreten Vorfälle bekannt», so Sprecherin Léa Wertheimer. «In einer solchen Situation würden die Betreuungspersonen dem Jugendlichen raten, sich an die Polizei zu wenden, und ihn dabei begleiten und unterstützen.»


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