Seine Vorbilder sind Autofahrer und Rafael Nadal

KIRCHE ⋅ Pater Martin Werlen meldet sich mit einem Buch zurück. Darin verrät er, wie man die Kirche aus der Sackgasse führen könnte – und dass er sich nicht wirklich als Bischof vorstellen kann.
28. September 2016, 05:00

Er hat etwas zu sagen. Und kann es gut erzählen. Pater Martin Werlen, ehemaliger Abt des Klosters Einsiedeln (2001 – 2013), ist gesegnet mit einem flüssigen Schreibstil. «Wo kämen wir hin?», heisst sein neues Buch, das er gestern in einer Pizzeria am Zürcher Hauptbahnhof vorstellte. Der 54-Jährige behelligt die Leser nicht mit theoretischen theologischen Abhandlungen, sondern überrascht sie mit seinen Alltagserfahrungen, aus denen er eine Art Leitfaden entwirft, wie die Kirche einen Weg findet aus der Sackgasse.

Vorbilder findet er überall – auch bei Sportlern, zum Beispiel bei Rafael Nadal. Der spanische Tennisspieler verlor am US Open 2015 erstmals ein Spiel nach einer 2:0-Satzführung. Journalisten fanden, er könnte seinen Betreuerstab umkrempeln. Nadal reagierte gereizt. «Wenn ich schlecht spiele, ist das nicht die Schuld anderer Leute. Ich bin selber schuld. Du musst dich selber im Spiegel anschauen und dir sagen, dass es dein Fehler ist.» Eine solche Haltung, so Pater Martin, sei Vorbild für alle Getauften, sogar für die Bischöfe.

Den Fehler bei sich selber suchen: Macht das die Kirche, von der sich in unseren Breitengraden immer mehr Schäfchen abwenden, in genügendem Mass? Dass sie sich in einer dramatischen Lage befindet, die zur Umkehr ruft, ist für Pater Martin klar. Eines seiner Rezepte auf dem Weg zur Genesung lautet: Jeden Menschen als etwas Einzigar­tiges, als Geschenk Gottes wahrnehmen und bei sich selber anfangen, denn: «Wenn wir im Kleinen versagen, versagen wir wohl auch im Grossen.»

Seit dem 15. Lebensjahr als Autostopper unterwegs

Pater Martin bemüht sich, das Motto vorzuleben. Auch hinter Klostermauern menschelt es, Ordensmitglieder gehen sich auf die Nerven. Ein Mitbruder hat das Talent, Pater Martin in jeder Hinsicht zu missfallen. Er will ihn geduldig ertragen und betet für ihn. «Er selbst erinnert mich daran.»

Pater Martin ist nahbar, ex­trovertiert, volksnah. Beschweren sich Leute per Brief persönlich bei ihm, ruft er sie an. Beim Satiriker Viktor Giacobbo macht er eine ebenso gute Figur wie in der «Schweizer Illustrierten», in der er über seine Genesung nach seinem schweren Badminton-Unfall berichtet. In Einsiedeln erzählen einem viele Menschen, meist mit leuchtenden Augen: «Weisst du, wer im gleichen Zugabteil gesessen ist wie ich? Rate mal, wen ich als Autostopper mitgenommen habe? Abt (respek­tive Pater) Martin!» Der im Wallis aufgewachsene Benediktiner, der als Teenager einst aus dem Religionsunterricht flog, weil er einen Papierflieger bastelte, ist seit seinem 15. Altersjahr mit dem ÖV und per Autostopp unterwegs.

Aus den ungeplanten Begegnungen, schreibt Pater Martin, habe er mehr gelernt als bei «allen Sitzungen, an denen ich teilgenommen habe». Zum Beispiel, dass ein Bischof nicht mit einem grossen Wagen protzen sollte. Dies gab ihm ein Mann zu bedenken, der selber wenig mit der Kirche am Hut hatte und Anhalter Martin zu einer Veranstaltung chauffierte, an dem dieser in den Anfängen seiner Abtzeit ein Referat zum Thema «Berufungspastoral» hielt. Der Autofahrer, den Martin später im Kloster Einsiedeln anstellte, meinte: «Sagen Sie dem Bischof: Ein normales Auto zu haben und nicht so einen Luxuswagen, wäre schon ein grosser Beitrag zur Berufungspas­toral.» Leider habe er sich nicht getraut, diesen Satz in seinen Vortrag einzubauen. «Ich war nicht mutig genug», erinnert sich Pater Martin. Das Referat schlug nicht ein, warf keine Wellen.

Gleichberechtigung und Homosexualität

Das dürfte ihm mit seinem neuen Werk nicht passieren. Er kritisiert den Umgang mit Homosexuellen. In der Kirche werde das Thema wenn möglich totgeschwiegen oder ablehnend und einengend debattiert. Aussagen wie jene von Vitus Huonder machten es vielen schwer, zur Kirche zu gehören. Dass Getaufte applaudierten, als der Churer Bischof an einem Vortrag eine Bibelstelle zitierte, in der Homosexualität mit dem Tod bestraft wird, kann er nicht nachvollziehen. Homosexuelle Menschen seien wie alle Menschen zu Liebe und Heiligkeit berufen. Pater Martin schildert einen E-Mail-Dialog mit einem jungen homosexuellen Mann, der sich von der Kirche ausgegrenzt, missverstanden, nicht akzeptiert fühlt. Der Benediktiner spendet Trost, sagt, Jesus verurteile niemals Liebe, zumal sie grundlegend nichts mit dem Geschlecht, sondern mit der Beziehung zwischen zwei Menschen zu tun habe.

Pater Martin bricht eine Lanze für mehr Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche. Er bedauert es auch, dass Papst Franziskus ins Schreiben «Amoris laetitia («Die Freude der Liebe») nicht den Vorschlag der deutschsprachigen Bischöfe aufgenommen hat, die Kirche solle um Verzeihung bitten – für die Verletzungen und unbarmherzigen Haltungen gegenüber ledigen Müttern, ausserehelich geborenen Kindern, homosexuellen Menschen und geschiedenen Widerverheirateten. Er verstehe den Papst, schiebt Pater Martin nach. «Zu wenige Verantwortungsträger gehen den Weg der Umkehr wirklich überzeugt mit.»

Anecken mit abgeschliffenen Kanten

Und wenn es konkret wird, man zum Beispiel fragt, ob Homosexuelle heiraten dürfen sollen? Pater Martin lässt sich nicht auf Ja-/Nein-Positionen festnageln. Das sei eine verengende Fragestellung, geprägt von Systemdenken und äusseren Dingen. Vielleicht kann er als Vertreter der katholischen Kirche nicht anders. Vielleicht würde er gerne rei­neren Wein einschenken, man weiss es nicht. Dennoch bleibt er ein kreativer Denker, der aneckt – manchmal einfach nur mit abgeschliffenen Kanten.

Im nächsten Jahr muss der umstrittene Churer Bischof Vitus Huonder altershalber abtreten. Mit seinem Profil könnte Pater Martin die Nachfolge antreten. Bereits jetzt kursiert sein Name. Die Vorstellung weckt in ihm aber mehr Angst – weil er in der Schweiz wenig von der Dynamik spüre, mit der Papst Franziskus die Kirche beflügle.

Hinweis

Martin Werlen. Wo kämen wir hin? (Herder, 2016), 28.90 Franken.


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