«Sie haben ein verklärtes Schweiz-Bild»

ERITREA ⋅ Die meisten Asylbewerber in der Schweiz stammen aus Eritrea. Der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi hat das Land bereist – und versteht die Auswanderer.

09. Februar 2016, 05:00

Mehr als 30 000 Eritreer leben mittlerweile in der Schweiz. Und die Diaspora wächst. Im letzten Jahr haben fast 10 000 Personen aus dem ostafrikanischen Land ein Asylgesuch gestellt. Eritrea ist international schlecht beleumdet und gilt als Nordkorea Afrikas. In diesen Tagen macht sich eine Gruppe von Schweizer Politikern aus linken (zum Beispiel die grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli) und bürgerlichen Parteien (zum Beispiel der Waadtländer CVP-Nationalrat Claude Béglé)ein Bild von Ort. Auch der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi weilte vom letzten Dienstag bis gestern in Eritrea. Mit einem geländegängigen Toyota ging es zunächst auf nach Mendefera, eine Stadt im Süden des Landes, und nach Adi Kwala, in der Nähe der äthiopischen Grenze. Es folgte ein Ausflug nach Massawa, einem touristischen Ort am Roten Meer. Bis auf eine Nacht übernachtete die Schweizer Delegation immer in der Hauptstadt Asmara.

Thomas Aeschi, welche Eindrücke haben Sie von Eritrea gewonnen?

Thomas Aeschi*: Eritrea ist ein sehr abwechslungsreiches Land. Entlang des Roten Meeres dominiert die Fischerei. In Richtung Sudan ist das meiste Gebiet eine Wüste, es ist drückend heiss, die Menschen leben in Rundhäusern mit Strohdächern. Die Hauptstadt Asmara liegt auf einem 2300 Meter über Meer gelegenen Hochplateau. Es herrscht eine städtische Atmosphäre, einige Bauten erinnern an die italienische Kolonialzeit. Ausserhalb der Hauptstadt ist Eritrea sehr landwirtschaftlich geprägt. Frauen sind häufig mit Lasteseln unterwegs, man begegnet überall Ochsengespannen, Traktoren sind eine absolute Rarität. Das Land ist generell sehr schwach industrialisiert. Es gibt einige Textilfabriken, dennoch werden die meisten Kleider aus China und Indien importiert.

Konnten Sie frei mit den Menschen reden, ohne Aufpasser?

Aeschi: Ich weiss: Man wirft uns Politikern jetzt vor, wir würden instrumentalisiert, weil Toni Locher, der regimenahe Schweizer Honorarkonsul in Eritrea, die Reise organisiert hat.

Aber?

Aeschi: Wir konnten uns weitestgehend ein unabhängiges Bild machen. Wir haben mit sehr vielen Eritreern absolut frei sprechen können. Die Menschen sind sehr kontaktfreudig, viele sind relativ gut gebildet. Die Menschen wissen sehr gut Bescheid über Europa und die Schweiz. Fast alle kennen einen Angehörigen, der ausgewandert ist. Der Wunsch, sein Glück selber im Ausland zu versuchen, ist greifbar.

Was für ein Bild haben die Eritreer von der Schweiz und von Europa?

Aeschi: Ein verklärtes. Das hat damit zu tun, dass zum Teil Exil-Eritreer in ihren Ferien im Heimatland ihren Reichtum zur Schau stellen, mit Golduhren sowie Euro- und Dollarscheinen protzen. In der Bar sind sie die Könige. Sie vermitteln das Bild, dass in Europa und in der Schweiz alles viel einfacher ist als in einem Land, in dem man im Monat je nach Job vielleicht 40, 150 oder, wenn es hoch kommt, 300 Dollar im Monat verdient.

Rund 5000 junge Eritreer verlassen laut UNO-Berichten monatlich das Land. Auch wegen solcher «Erfolgsstorys»?

Aeschi: Ja. Ganze Familien und Sippen sparen die rund 10 000 Dollar zusammen, die es für den Gang nach Europa braucht. Die Gefahren, die Gewalt auf der Reise oder die gefährliche Überfahrt auf dem Mittelmeer werden ausgeblendet. Man ist auf der Suche nach einem besseren Leben und hört immer nur Erfolgsgeschichten von Exil-Eritreern. Auf den Auswanderern lastet jedoch ein enormer Druck. Wenn eine ganze Familie und Sippe so viel Geld auf eine Person setzt, dann darf diese nicht scheitern. Man erwartet, dass sie Geld zurückschickt, die sogenannten Rimessen.

Können Sie den Entscheid der Eritreer, ins Exil zu gehen, nachvollziehen?

Aeschi: Klar. Die jungen Menschen streben nach einer Wohlstandsmaximierung und haben daheim keine Perspektiven. Mit weniger als 100 Dollar Lohn im Monat kommt man nicht weiter. Das ist frustrierend. Dass die junge Generation dem Land den Rücken kehrt, verstehen viele ältere Menschen nicht, nachdem sie für das Erreichen der Unabhängigkeit von Äthiopien einen hohen Blutzoll bezahlt haben.

In Eritrea herrscht Diktator Isaias Afewerki, das Land gilt als Unrecht- und Willkürregime, als Nordkorea von Afrika. Zu Recht?

Aeschi: Dass es Menschenrechtsverletzungen gibt, steht ausser Frage. Von einem Nordkorea kann aber keine Rede sein. Wir konnten offen mit den Menschen reden. Einzig bei Fragen zum Wehrdienst respektive dem National Service weichen sie aus, das ist tabu. Für systematische Menschenrechtsverletzungen haben wir zumindest keine Anzeichen erhalten.

Das heisst?

Aeschi: Wir sind durch das ganze Land gefahren und sahen nirgends Dutzende Armeeangehörige, die gezwungen würden, Strassen zu bauen. Der EU-Botschafter in Asmara, der Österreicher Christian R. Manahl, hat sehr offen gesprochen und gesagt, dass man die meisten eritreischen Asylsuchenden in Europa als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen müsse.

Die Schweiz gewährt praktisch allen Eritreern ein Bleiberecht. Was schlagen Sie vor?

Aeschi: Die Schweiz müsste unbedingt den Dialog mit Eritrea intensivieren. Yemane Gebreab, der Berater des Präsidenten Afewerki, hat gesagt, Rückkehrer seien sehr willkommen. Das Ziel muss lauten, ein Abkommen abzuschliessen, das es erlaubt, eritreische Asylsuchende in ihr Land zurückzuführen, wenn sie keine Asylgründe gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention haben. Um dies zu erreichen, müsste sich eine hochrangige Delegation vor Ort ein Bild machen, zum Beispiel Mario Gattiker, der Staatssekretär des Staatssekretariats für Migration. Zielführend wäre es auch, eine offizielle parlamentarische Delegation zu entsenden, die nicht wie wir im Verdacht steht, instrumentalisiert zu werden. Justizministerin Simonetta Sommaruga sollte etwas mehr Feingefühl zeigen und Eritrea nicht bei jeder Gelegenheit als Unrechtregime geisseln, während sie gleichzeitig Staaten wie Äthiopien, gewiss keine Musterdemokratie, besucht. Schliesslich lohnt sich auch ein Blick nach Israel.

Erklären Sie.

Aeschi: Israel pflegt mit Eritreern eine sehr harte Asylpraxis. Die Eritreer befinden sich in einem Camp in der Negev­Wüste und haben die Wahl, entweder dort zu bleiben oder in ihr Land zurückzukehren. Über 1000 Eritreer haben es in der Vergangenheit vorgezogen, mit etwas israelischer Rückkehrhilfe heimzugehen. Wenn Deserteure dort tatsächlich so hart verfolgt würden, wie viele internationale Organisationen sagen, hätten sie das bestimmt nicht getan.
 

Interview Kari Kälin

 

Hinweis

* Thomas Aeschi (37) ist SVP-Nationalrat aus dem Kanton Zug.


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