Allan Guggenbühl: «Die Kesb hat einen zu schlechten Ruf»

IN DER KRITIK ⋅ Keine staatliche Stelle ist so umstritten wie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Im Interview erklärt der Psychologe Allan Guggenbühl (64), weshalb viele Angst vor einer Begegnung mit der Behörde haben.
08. Februar 2017, 07:16

Interview: Livio Brandenberg

Die Volksinitiative, die die Befugnisse der Kindes- und Erwachsenenschutz­behörden (Kesb) beschränken soll, steht zwei Jahre nach der Ankündigung noch immer nicht. An einem Anlass der Initianten im schwyzerischen Rothenthurm referierte der Psychotherapeut Allan Guggenbühl. Im Interview schildert der Kesb-Kenner seine Erfahrungen mit der umstrittenen Behörde.

Fachpersonal, das vom Pult aus Massnahmen anordnet, Kinder, die frühmorgens «abgeführt» werden, lauter Widerstand aus der Politik – ist die Kesb so schlecht wie ihr Ruf?

Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einige Kesb arbeiten tadellos, bei anderen wiederum gibt es Verbesserungspotenzial. Generell finde ich, die Kesb haben einen zu schlechten Ruf.

Was läuft gut, was schlecht?

Das ist schwierig zu beurteilen, weil es immer um Einzelfälle geht. Allgemein kann man aber sicher sagen, dass die Juristifizierung ein problematischer Aspekt ist. Die Sprache gegenüber den Leuten ist zu juristisch. Das führt oft zu einer Entfremdung oder schreckt die betroffenen Personen sogar ab. Einige geraten ob eines Briefes der Kesb mit lauter Paragraphen fast schon in Panik. Gerade bei Ausländern, die sich bei uns sowieso fremd fühlen, ist das problematisch. Das geht so weit, dass einige Angst bekommen, sie würden ausgewiesen, wenn die Kesb sich bei ihnen meldet. Die Kommunikation war also bisher nicht immer optimal, doch das Kernproblem sind die Fälle, in denen die «weichen Faktoren» nicht genügend berücksichtigt wurden.

Was meinen Sie damit?

Dass die Kesb-Verantwortlichen die reale Situation einer Familie, eines Kindes nicht kennen, sondern vom Pult aus ­einen Entscheid fällen. Dabei ist die Kenntnis des Nahraums der Kern der Psychologie: Man will herausfinden, was los ist. Für psychologische Hilfe braucht es aber zuerst Vertrauen und Nähe. Man muss auch schauen, was jemand, der Hilfe braucht, an Hilfe überhaupt annehmen kann. Das ist schwierig zu erfassen, und dafür muss man näher ran und auch zwischen den Zeilen lesen, sozusagen.

Können Sie ein konkretes Beispiel für diese Entfremdung machen?

Ich hatte einen Fall, in den ich als Berater eines Buben intensiv involviert war. Mit ihm hatte ich viel gesprochen, ich kannte seine Situation gut. Es hatte eine ­Meldung einer Lehrerin gegeben, die befürchtete, der Junge drohe Amok zu laufen, weil er nächtelang Com­puter-­Ballerspiele spiele. Ich habe ihn aber überhaupt nicht als gefährlich eingeschätzt. Die Kesb ordnete eine Abklärung bei einem psychiatrischen Dienst an. Weder dieser noch die Behörde selbst hat Rücksprache genommen mit mir als verantwortlichem Psychotherapeuten.

Weshalb taten sie dies nicht?

Die Kesb befolgte ein internes Prozedere, richtete sich nach professionellen Standards, oder vielleicht war sie schlicht überlastet. Doch in diesem Fall hätten die Verantwortlichen mit den Eltern und mir reden sollen. Ein Telefonanruf hätte genügt. Sie wussten, wie involviert ich war. Wenn es aber so abläuft wie in diesem Fall, werden oft Entscheide gefällt, die in der Realität nicht helfen

Gibt es weitere Kritikpunkte?

Ja, ich stelle fest, dass die Digitalisierung für viele Betroffene ein Problem ist. Die Leute haben Angst, dass ein Dossier ­angelegt wird, dass Daten gespeichert werden und diese dann irgendwann ins Internet gelangen oder weitergegeben werden. Viele befürchten, dass diese persönlichen Daten noch in zehn Jahren abgerufen werden könnten.

Aber ein Dossier legen ja auch Sie an, wenn Sie Personen betreuen?

Natürlich, aber ich schreibe alles nur auf Papier, und das kann man schreddern. Das sage ich den Leuten, und ich tue dies eben genau aus diesem Grund. Sie wissen, dass nichts ins Netz oder in irgendeine Cloud geht. Bei staatlichen Institutionen ist hingegen klar, dass alles digital abgespeichert wird.

Die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, ist also höher, weil es sich um eine staatliche Behörde handelt?

Ja, die Hemmschwelle ist höher. Die Leute haben das Gefühl, diese Daten seien dann «beim Staat». Vor allem auch bei Ausländern ist das stärker der Fall. Einige meinen, bei der Kesb handle es sich um eine Art Bundespolizei. Und ich betreue nicht wenige Leute, die keine positive Beziehung zum Staat haben. Sie beschönigen dann gegenüber den Sozialprofis ihre Situation, damit sie nicht zu einem Fall werden.

Kommen wir zum Positiven. Was macht die Kesb gut?

Die Kesb-Stellen versuchen, objektiv und professionell vorzugehen. Das ist sicher wichtig. Auch sind die Behörden stark professionalisiert. Professionalisiert heisst natürlich auch, dass man alles sauber protokolliert und Akten anlegt. Die Kehrseite der Medaille ist, dass durch die Professionalisierung eben ein wenig die Nähe verloren geht. Gut ist hingegen, dass die Kesb immer mehr dem Prinzip zu folgen scheinen, dass sich Bedürftige in einem ersten Schritt freiwillig Hilfe holen sollen, in der Gemeinde, in ihrem Umfeld, bei einer Beratungsstelle. Das muss auch aus meiner Sicht der Anfang einer Problemlösung sein.

Sie sprechen die Professionalisierung an. Die haben Sie aber auch schon kritisiert. Etwa, dass nur noch Sozialhilfeprofis über Kindesschutzmassnahmen befinden würden. Die Laiendenkweise werde nicht mehr berücksichtigt.

Ich kritisiere die zunehmende Professionalisierung im Sozialbereich und bei der Kesb, weil oft Ideologien beziehungsweise ideologisch getriebene Vorgehensweisen entstehen, wenn etwas professionell organisiert ist. In einem Gremium, und so sind die Kesb-Behörden ja organisiert, braucht es eben auch eine andere Betrachtungsweise als die professionelle. Es sollten nicht nur Fachpersonen in einem Gremium sitzen, das darüber entscheidet, ob ein Kind in einem Heim plaziert werden soll. Ein Bauingenieur etwa hat einen ganz anderen Blick auf die Sache und denkt an Aspekte, die den Profis nicht auffallen.

Wie sollten die Gremien denn zusammengesetzt sein?

Die Sozialhilfeprofis dürfen ruhig in der Mehrheit sein, denn diese Leute bringen wichtiges Wissen in die Gremien und schauen, dass keine unüberlegten Entscheide gefällt werden. Es sollte aber auch Platz für Laien haben, sonst fehlt diese Stimme und es droht akute Gefahr von Betriebsblindheit. Das ist ja in allen Berufen so.

Wo liegen heute eigentlich die Probleme für Familien?

Viele sind schlicht überfordert, es kommt zu Scheidungen, der Streit wird über die Kinder ausgefochten. Auch Alkoholismus oder Drogen sind oft im Spiel. Kinder werden beispielsweise einfach nicht mehr in die Schule geschickt. Allein im Kanton Bern gibt es 5000 Kinder, die in einer problematischen Familie aufwachsen, geschlagen werden, Traumas erleben. Die Gründe für solche Situationen sind vielschichtig. Wie gesagt: Über­forderung, Depressionen, Psychosen, Suchtprobleme und so weiter. Man darf nicht vergessen: Ein gewisser Prozentsatz der Menschen, etwa fünf Prozent, sind mit dem Leben generell überfordert.

Warum bewegt die Kesb viele Leute so intensiv, die überhaupt nicht betroffen sind?

Die Familie ist die allerwichtigste Bezugsgruppe für einen Menschen. Man definiert sich über sie. Die Familie ist fast ein Heiligtum. Und es ist auch fast der einzige Ort, wo man sich offen äussern kann. Etwa auch in diktatorischen Staaten war die Familie immer der Raum, in dem offen gesprochen wird. Die Familie möchte auch möglichst autonom funktionieren. Sie betrifft alle. Werden beispielsweise neue Vorschriften für Garagisten erlassen, dann betrifft dies nur die Garagisten. Doch die Familie betrifft alle.

Zur Person
Allan Guggenbühl (64) ist Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt. Er leitet das Institut für Konfliktmanagement in Zürich und doziert an der dortigen Pädagogischen Hochschule. Guggenbühl ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder.

Neue Beratungsstelle für Kesb-Betroffene

Die ersten Jahre verliefen harzig für die Kesb. Seit sie 2013 die Vormundschaftsämter ersetzte, gab es zahlreiche strittige Entscheide, die den Weg in die Medien fanden und heftig kritisiert wurden. Vor zwei Jahren eskalierte eine Situation im Zürcherischen Flaach, als eine Mutter ihre beiden Kinder umbrachte, weil sie diese in ein Heim zurückbringen sollte. Die Kesb hatte den Eltern zwei Monate zuvor die Obhut entzogen. Eine neue Anlaufstelle für Kesb-Betroffene soll nun in schwierigen Fällen bei der Verständigung helfen, wie der Unternehmer Guido Fluri Ende Januar bei der Lancierung sagte. Durch die mediale Dauerkritik sei das latente Misstrauen gegenüber der Behörde gestärkt worden. Da sei es für ihn klar geworden, dass es eine unabhängige Anlaufstelle brauche, so Fluri, der selbst einen Teil seiner Kindheit im Heim verbrachte. Hinter der Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha) steht die Guido-Fluri-Stiftung, zusammen mit fünf weiteren in diesem Feld tätigen Organisationen. Laut Fluri geht es darum, Eskalationen zu verhindern. Es hänge alles von der Kommunikation ab, die Betroffenen müssten sich verstanden fühlen. Die Verantwortlichen sehen die Kescha als Verständigungshilfe – nicht nur für die Betroffenen, sondern sie soll auch die öffentliche Wahrnehmung der Kesb verbessern. Dafür zuständig sind zwei Pädagogen, die auch am Telefon oder per E-Mail beraten. Sie bieten psychologische Unterstützung oder vermitteln eine rechtliche Vertretung. Weitere Anlaufstellen sind schweizweit geplant. Wissenschaftlich begleitet wird die Kescha von der Universität Freiburg. Dadurch sollen Erkenntnisse aus der täglichen Arbeit an die Kesb-Stellen zurückfliessen. (lb)


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