Türken kämpfen mit Strafanzeigen

DROHUNGEN ⋅ Die Emotionen unter den Türken in der Schweiz gehen hoch. Ein Journalist im Kanton Luzern geht mit Anzeigen gegen seine Widersacher vor – und wird selbst bestraft.
16. April 2017, 00:10

Fabian Fellmann

Der Streit zwischen Anhängern und Gegnern des türkischen Präsidenten Erdogan beschäftigt nun auch die Strafjustiz in der Schweiz. Die Staatsanwaltschaft Sursee hat den 53-jährigen Türken Mehmet Cek zu einer Busse von 450 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 1800 Franken verurteilt.

Der Mann hatte ein Gespräch mit einem Kontrahenten heimlich mit dem Mobiltelefon aufgezeichnet; das ist jedoch verboten. Mehmet Cek bestätigt Informationen über den Strafbefehl, die der «Tages-Anzeiger» am Samstag publiziert hat.

Markige Worte auf regierungsnaher Plattform

Cek, der im Luzerner Hinterland wohnt, arbeitet 50 Prozent als Fabrikarbeiter und 50 Prozent als Journalist, wie er selbst sagt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er den türkischen Präsidenten Erdogan unterstützt – auch mit markigen Worten, wie seine Beiträge für die regierungsnahe Internetzeitung «Haber 10» zeigen.

Deswegen werde er bedroht, sagt Cek. Darum wolle er den Wohnort der Familie nicht in der Zeitung preisgeben. «Es gab einen terroristischen Angriff auf meine Wohnung. Sie haben an die Türen und Fenster geschlagen und Drohnachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen», sagt Cek. Er habe daraufhin Anzeige erstattet bei der Polizei. Als Beleg händigte er den Beamten unter anderem die Aufzeichnung des Gesprächs aus, für die er nun gebüsst worden ist. Die Anzeige wegen Drohungen, die Cek gegen zwei Personen eingereicht hat, ist hängig.

Hunderte Reaktionen auf Facebook

In den sozialen Medien wird der Justizstreit zwischen den Schweizer Erdogan-Anhängern und -Gegnern eifrig diskutiert, umso mehr, als die Verfassungsabstimmung über mehr Macht für Erdogan heute Sonntag stattfindet. Ceks Nachricht über seine Verurteilung wurde am Samstag innert weniger Stunden Hunderte Male angeklickt, kommentiert und geteilt. Er solle die Busse als Ehrung betrachten, kommentieren einige. Cek fühlt sich von den Medien ungerecht behandelt. «Viele Schweizer Journalisten und Politiker haben Vorurteile gegen Türken, türkische Journalisten und Erdogan», sagt er. Der «Tages-Anzeiger» bezeichnete ihn als Provokateur, der Hasstiraden schreibe. Cek erwidert darauf, einige Schweizer Zeitungen seien «ferngesteuert von Terroristen», womit er die kurdische Rebellengruppe PKK und die Anhänger von Erdogan-Intimfeind Fethullah Gülen meint. Cek sass als linker Journalist selbst sieben Jahre in der Türkei im Gefängnis, ehe er in der Schweiz Asyl erhielt. Mit nun unter Erdogan inhaftierten Journalisten will er deswegen nicht sympathisieren. Wer verhaftet worden sei, habe türkische Gesetze gebrochen, sagt Cek.

Mit einer Medienreise will Cek nun die Sichtweise der türkischen Regierung Schweizer Journalisten näherbringen. Mitte Mai reise eine Gruppe mit ihm in die Türkei. Das Informationsbüro des türkischen Ministerpräsidenten kümmere sich um die Logistik und die Finanzierung.


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