Vermögenssteuer wirkt unerwartet stark

STEUERGERECHTIGKEIT ⋅ Die Schweizer Kantone erheben die höchsten Vermögenssteuern in den Industrienationen. Eine Studie zeigt nun erstmals, wie empfindlich die Steuerzahler darauf reagieren.
19. Februar 2017, 05:00

Fabian Fellmann


Die Schweizer diskutieren derzeit eifrig darüber, wie sich Steuern auf den Wohlstand des Landes auswirken. Trotz der politischen Brisanz dieser Fragen und der grossen Tragweite der Antworten klaffen jedoch riesige Lücken im Wissen über die Wirkungsweise von Steuern. Eine davon stopft nun eine Untersuchung über die Besteuerung von Vermögen.

Auf Erhöhungen oder Senkungen der Vermögenssteuer reagieren die Zahler doppelt so stark wie bei den Einkommenssteuern. Das zeigen die Ökonomen Marius Brülhart, Jonathan Gruber, Matthias Krapf und Kurt Schmidheiny von den Universitäten Lausanne und Basel sowie der US-Universität MIT.

Die Forscher haben erstmals Zugang zu anonymisierten, individuellen Steuerdaten für den Kanton Bern erhalten und in Kombination mit schweizweiten Daten ausgewertet. Demnach führt zum Beispiel eine Erhöhung der Vermögenssteuer um einen Promillepunkt dazu, dass die deklarierten Vermögen um 3 Prozent sinken. Allerdings verlegen die Steuerzahler bei Veränderungen des Satzes nicht gleich ihren Wohnsitz oder arbeiten weniger, wie Marius Brülhart sagt. Vielmehr schichten sie das Vermögen offenbar so um, dass weniger Steuern fällig werden. «Die Leute reagieren eher so, dass sie das Vermögen im Unternehmen lassen, mehr in die zweite oder dritte Säule einzahlen, andere Formen von steuerbefreiten Anlagen nutzen – oder Vermögen einfach nicht deklarieren», sagt Brülhart.

Auch weniger Vermögende senken Steuerlast

Erstaunt haben die Wirtschaftswissenschaftler zwei weitere Erkenntnisse aus ihrer Studie. «Wir haben beim besten Willen keinen Hinweis darauf gefunden, dass Vermögende stärker auf Veränderungen der Steuerlast reagieren als weniger Vermögende», sagt Brülhart, der gleich einschränkt, dieser Befund sei nicht eindeutig. Deutlich hingegen sei, dass auch weniger Vermögende darauf bedacht sind, ihre Steuerlast möglichst klein zu halten. Ebenfalls überrascht nahm Brülhart zur Kenntnis, dass Steuern auf das Vermögen wirtschaftlich nicht verzerrender wirken als jene auf Erbschaften. Bisher gingen Ökonomen vom Gegenteil aus: Langt der Fiskus beim Vermögen zu, bestraft er Leistung. Das ist bei Erbschaften anders, da die Empfänger gemäss reiner Lehre nichts dazu beigetragen haben. «Vielleicht ist ein Mix aus Vermögens- und Erbschaftssteuer gar nicht so schlecht», sagt Brülhart.

Der Lausanner Ökonom will nun vertiefte Studien anstellen, was die Wirkung der Vermögenssteuern angeht. Im Kanton Bern sind die Unterschiede der Steuersätze nicht sehr ausgeprägt. Interessieren würde Brülhart darum, ob die Reaktion der Steuerzahler bei grösseren Abweichungen noch stärker ausfallen würde. «Aufschlussreich wäre ein Vergleich mit den Zentralschweizer Kantonen», sagt Brülhart.

Die Vermögenssteuer ist derzeit im Blickfeld der Schweizer Politik, weil die SP bei der Neuauflage der Unternehmenssteuerreform eine neue Abgabe auf Kapitalgewinne fordert. Die Bürgerlichen lehnen dies ab und verweisen darauf, dass dann im Gegenzug die Vermögenssteuer abgeschafft werden müsste. Diese ist in den vergangenen Jahren zu einer Eigenheit der Kantone geworden, weil Industrienationen wie Deutschland und Italien darauf verzichtet haben. In der Schweiz hingegen bringt die Vermögenssteuer 3,5 Prozent der Steuereinnahmen ein, was ein internationaler Rekordwert ist.

Neues Interesse an alter Steuer

Bei Ökonomen war die Steuer in Verruf, weil sie eine Substanzsteuer ist – Jahr für Jahr wird dasselbe Vermögen frisch besteuert. In jüngster Zeit ist das Interesse der Gilde aber wiedererwacht, etwa durch die Schriften des Franzosen Thomas Piketty. Der linke Ökonom erhob die Forderung, Vermögen müssten in vielen Ländern der Welt umverteilt werden, weil die Schere zwischen Arm und Reich sich zu sehr öffne.


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