Vom Kloster- zum Minarettverbot: Ein Vergleich

KULTURKAMPF ⋅ Wie viel Religion darf es im Alltag sein? Im 19. Jahrhundert bekämpften sich Liberale und Konservative heftig. In einem neuen Buch ziehen zwei renommierte Historiker Parallelen zur Islamdebatte.

26. November 2016, 11:16

Ein Komitee aus SVP-Kreisen sammelt Unterschriften für ein Burkaverbot. Zwei muslimische Schüler aus Therwil BL sorgen als Handschlagverweigerer für Schlagzeilen. Gerichte befassen sich mit Schwimmunterrichtsdispensen und der Frage, ob muslimische Mädchen an der Schule ein Kopftuch tragen dürfen. Den Bau von Minaretten hat das Volk Ende 2009 verboten. Wie viel Einfluss soll die Religion auf das Alltagsleben haben? Gelten göttliche oder weltliche Gesetze? Die Islamdebatte katapultiert diese Fragen mit voller Wucht auf die Agenda der Tagespolitik. Wir erleben einen neuartigen Kulturkampf.

Kulturkampf? Neuartig? Genau. Im 19. Jahrhundert standen sich der liberal-fortschrittliche Freisinn und der politische Katholizismus einander gegenüber. Erst vor etwas mehr als 40 Jahren entsorgte die Schweiz die letzten Relikte aus der ­prägenden Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts. 1973 wurden das Jesuitenverbot und das Verbot, neue Klöster zu gründen, aus der Verfassung gestrichen.

Welche Lehren lassen sich heute aus dem damaligen Kulturkampf ziehen? Mit dieser Frage haben sich zwei bekannte Historiker befasst. Josef Lang, ehemaliger Zuger Nationalrat (Alternative), und Pirmin Meier aus Rickenbach LU, Biograf von Niklaus von Flüe, haben beide einen Essay* geschrieben.

Der Kulturkampf in einem weiten Sinne dauerte von den 1830er- bis in die 1880er-Jahre. Geprägt war er nicht so sehr durch die konfessionelle Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken. Gegenüber standen sich vielmehr ein überkonfessioneller Liberalismus und der ultramontane, papsttreue Katholizismus. Dieser betont das Primat der Kirche vor dem Staat.

Liberale Katholiken entscheidend für Bundesstaat

Fortschritt versus Tradition. Vernunft versus Glauben. Nation versus Konfession: Das sind einige Konfliktlinien des Kulturkampfes, deren wichtigste Stationen Josef Lang zu einem stringenten, gut geschriebenen Text verwebt. Unter dem Einfluss der französischen Juli­revolution beginnt 1830 die Regeneration. In zahlreichen Kantonen, darunter Luzern, werden liberale Verfassungen eingeführt, die alten Eliten entmachtet. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen, einen Bundesstaat auf liberalen Grundsätzen zu gründen. Dieses «patriotische Werk», so Lang, «konnte nur gelingen, wenn der Liberalismus von Angehörigen beider Konfessionen getragen wurde». Die Religion als Grundlage eines gemeinsamen Staates kam so nicht in Frage. Entscheidend für die Gründung des Bundesstaates 1848 war eine relativ starke liberal-katholische Basis, deren Köpfe im Freisinn ein grosses Gewicht besassen. Sogar im katholischen Klerus gab es zu dieser Zeit viele dissidente Priester, die Rom offen kritisierten.

Ab den 1830er-Jahren vergiftete sich das Klima zwischen den beiden ideologischen Lagern zusehends. Der Weg zur modernen Schweiz war blutig und gipfelte 1847 in einem Bürgerkrieg, in dem sich die Tagsatzung gegen den katholisch-konservativen Sonderbund, der aus den Zentralschweizer Kantonen sowie Freiburg und Wallis bestand, durchsetzte. Bekannteste Marksteine des Kulturkampfes sind die beiden Freischarenzüge 1844 und 1845. Mit militärischen Mitteln wollten liberale Kräfte die konservative Luzerner Regierung umstürzen, weil diese die Jesuiten zur Priesterausbildung nach Luzern berufen hatte.

Der Dichter Gottfried Keller unterstützte die Aktion, den zweiten Freischarenzug kommandierte der spätere Bundesrat Ulrich ­Ochsenbein. Doch die Aufständischen scheiterten. Weniger bekannt ist das Blutbad am Trient im Kanton Wallis vom 24. Mai 1844. In einem Gefecht erschossen die Konservativen 24 Freisinnige. Im liberalen Lager brachte man das Massaker jedoch mit einem anderen Ereignis in Verbindung: nämlich der Exkommunikation der freisinnigen Jungschweizer durch den Bischof. Obwohl den Jesuiten, verschrien als ultramontane Speerspitze, keine direkte Mitverantwortung nachzuweisen war, bildete das Blutbad den Auftakt zur Antijesuitenkampagne, die 1847 in der Ausweisung und dem Verbot des Ordens mündete. Ein heftiger Kulturkampf entbrannte im bikonfessionellen Kanton Aargau. Augustin Keller, liberaler Katholik, Gross- und später Regierungs-, National- und Ständerat, war die treibende Kraft hinter einer Aufsehen erregenden antiklerikalen Aktion im Januar 1841. Acht Klöster wurden aufgehoben, die vier Frauenklöster zwei Jahre später wieder eingesetzt. In der politischen Auseinandersetzung kannten die Kulturkämpfer bisweilen keine Schamgrenze, wie Pirmin Meier in seinem mit unterhaltsamen Episoden gespickten Beitrag treffend analysiert.

Kultivierung politischer Feindbilder

In seiner Antiklosterrede im Grossen Rat des Kantons Aargau geisselt Keller die Mönche als Müssiggänger, verunglimpft sie als «schlechte und verdorbene Geschöpfe», die das Volk auf verderbliche Pfade führten und einen ewigen Kampf gegen den Frieden und die Republik nährten. Man kultivierte – auf beiden Seiten – politische Feindbilder, um die eigenen Reihen zu schliessen.

1870 entbrannte der Kulturkampf erneut, weil der Papst seine Unfehlbarkeit erklären liess. Auch in dieser Zeit lieferten Klöster hinreichend Stoff für Polemik. Die «Lenzburger Zeitung» witterte im Kloster Einsiedeln ein Mittel zur Ultramontanisierung der Massen, pilgerten doch 1871 Tausende Aargauer Katholiken zur Muttergottes. Sie beteten für den Papst, der soeben seine weltliche Macht 1870 verloren hatte. Die Abstimmung über einen eidgenössischen Schulsekretär, genannt Schulvogt, markierte in den 1880er-Jahren das Ende des Kulturkampfes. Punktuell flackerte er aber auch zu späteren Zeitpunkten immer wieder auf.

Pirmin Meier verweist auf eine Episode, die sich vor 30 Jahren in einer Gemeinde im Luzerner Seetal zutrug und kulturkämpferischen Geist versprüht. 40 Bewerberinnen meldeten sich für eine Stelle als Unterstufenlehrerin. Als Auswahlkriterium schlug der Schulpräsident die Konfession vor. Er wollte nur Katholikinnen einladen, wurde dann aber zurückgepfiffen.

Eine heterogene eingewanderte Minderheit

Gehen wir zurück zum Ausgangspunkt. Rund 450 000 Muslime leben heute in der Schweiz. 12 bis 15 Prozent von ihnen praktizieren ihren Glauben, davon vier Fünftel «pragmatisch und ohne Widerspruch zu den hiesigen gesellschaftlichen Verhältnissen», wie der Bundesrat in einem aktuellen Bericht zum Thema schreibt. Im Umkehrschluss verbleiben gut 10 000 Muslime, die dies nicht tun. Darunter fallen wohl die «sektiererischen Randgruppen wie die Salafisten», wie der Bundesrat schreibt. Diese Gruppen bilden quasi die Ultramontanen des 21. Jahrhunderts.

Mit den Katholiken von gestern lassen sich die Muslime von heute jedoch nur bedingt vergleichen. Es handelt sich um eine eingewanderte Minderheit, die deutlich heterogener und viel schlechter organisiert ist als die Katholiken im 19. Jahrhundert. Was lehrt uns der Kulturkampf? Für den Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus nennt Josef Lang zwei Aspekte. «Auch die radikalsten Antiklerikalen haben nie die Glaubensinhalte ihrer Konfession in Frage gestellt», sagt er. Man solle aufhören, die Ursachen für den islamistischen Terror im Koran zu suchen. Zudem hätten die liberalen Kantone dafür gekämpft, den Einfluss des Vatikans auf die Priesterausbildung zu kappen. Für Lang ist klar: Man muss die Schulung von Imamen und Religionslehrern in der Schweiz unterstützen.

Pirmin Meier ist skeptisch. «Eine staatliche Imam-Ausbildung setzt Entscheidungen betreffend islamische Richtungen voraus und Entscheidungen im innerislamischen Kulturkampf.» Der Staat könne nicht künstlich einen «fortschrittlichen» Islam herstellen. Meier verweist auf den Kulturkampf im 19. Jahrhundert. Im Bereich der Priesterausbildung sei dieser gescheitert. «Es gelang damals nicht, die katholische Kirche zu liberalisieren», sagt er.

Hinweis: Kulturkampf. Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute. Mit Essays von Josef Lang und Pirmin Meier. Verlag Hier und Jetzt, 39 Franken.

Kari Kälin


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