Vor 150 Jahren eröffnet: Die bewegte Geschichte der Schweizer Botschaft in Berlin

DEUTSCHLAND ⋅ Jahrelang stand die Schweizer Botschaft im Niemandsland, Bern wollte das Haus verkaufen. Dann fiel die Mauer, und die Schweiz war im Zentrum der Macht. Die bewegte Geschichte der Schweizer Botschaft in Berlin, die vor 150 Jahren eröffnet wurde.
15. April 2017, 08:43

Christoph Reichmuth, Berlin

«Wie ein Sinnbild der Heimat, die auch wie ein Wunder, inmitten einer durch Krieg verwüsteten Umgebung, unversehrt dastand.» Dies notierte ein Mitarbeiter der Schweizer Gesandtschaft wenige Wochen nach Kriegsende 1945 beim Anblick des Gebäudes der Schweizer Botschaft in seinem Tagebuch. Fast gespenstisch mutete dieser Anblick einer fast unversehrt dastehenden Villa auf dem Gelände vor dem Reichstag an. Rundherum war alles zerstört, niedergebrannt, lagen sämtliche Gebäude in Schutt und Asche, waren Ruinen stumme Zeugen eines einst blühenden Viertels.

Solche eindrücklichen Aussagen von Zeitzeugen hat der ehemalige Schweizer Gesandte in Berlin und Historiker Paul Widmer in jahrelanger akribischer Forschung für sein Buch «Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin» zusammengetragen. Der heute 67-jährige St. Galler leitete in der ersten Phase des wiedervereinigten Deutschlands von 1992 bis 1999 die Schweizer Vertretung an der Otto-von-Bismarck-Allee 4 in Berlin. Am 17. April 1867, vor exakt 150 Jahren, hatte der Bundesrat in Bern beschlossen, eine diplomatische Vertretung in der Hauptstadt des damaligen Königreichs Preussen zu eröffnen (siehe Box).

Im Herzen der Macht

Seit Oktober 1919 gehört die altehrwürdige Villa im Herzen Berlins der Eidgenossenschaft. Die Schweiz als kleine Nation, die weder in der EU noch in der Nato ist, ist mit ihrer Botschaft prominenter vertreten als wichtige Staaten wie die USA oder Russland. In unmittelbarer Nachbarschaft zu der 1870 im Auftrag eines renommierten Mediziners erbauten Villa stehen Kanzleramt und Reichstag, blickt die Kanzlerin aus dem Fenster in ihrem Arbeitszimmer, sieht sie im Osten die im Winde wehende Schweizer Flagge. Die Geschichte des Gebäudes und seiner Bewohner ist gleichermassen bewegt wie beeindruckend. Während der Zeit des Kalten Krieges war das Gebäude in Berlin vorwiegend Generalkonsulat, dann Aussenstelle der Schweizer Botschaft in Bonn. Das Haus an der Otto-von-Bismarck-Allee befand sich im geteilten Berlin im Niemandsland, unmittelbar hinter der Botschaft erstreckte sich im Osten die Mauer.

«Als ich 1992 nach Berlin kam, war die Botschaft in der verlassensten Ecke der gesamten Stadt», erinnert sich Widmer. «Im Umkreis von mindestens einem Kilometer war kein einziges Haus bewohnt.» Noch während der Zeit des Kalten Krieges versuchte die Eidgenossenschaft, ihr nun unattraktiv gelegenes Gebäude zu verkaufen, doch nicht einmal der Berliner Senat signalisierte Interesse. «Der Fall der Mauer schüttelte die Liegenschaft dann aber aus ihrem Dornröschenschlaf», erzählt Widmer. Die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sollte abermals Berlin werden, das Regierungsviertel mit Kanzleramt und Bundestag sollte im ehemals so vornehmen Alsenviertel im Spreebogen hochgezogen werden. Das Gelände um den Reichstag sollte Kerngebiet des neuen Machtzentrums werden – nun plötzlich interessierte sich Deutschland doch wieder für den Sitz der Eidgenossenschaft. Doch Bern konnte den Avancen widerstehen, die Städteplaner nahmen das historische Gebäude in ihre Neubaupläne auf, das historische Haus fügte sich gut in das Bild des Regierungsviertels ein.

Schon einmal drohte die Schweiz ihren heutigen Standort beim Reichstag zu verlieren, das Haus stand den Plänen Adolf Hitlers und seines Architekten Albert Speer für die Hauptstadt Germania im Wege. Hitler beauftragte Speer, auf dem Gelände mit der «grossen Halle» für 150000 Menschen das grösste Gebäude der Welt als gigantisches Symbol für das Tausendjährige Reich zu errichten. Speer wollte die Schweizer Delegation in ein Gebäude im Tiergarten unterbringen, ein entsprechendes Haus wurde tatsächlich errichtet, 1943 im Bombenhagel allerdings zerstört.

Der Kriegsverlauf verhinderte die Umsetzung der Pläne Hitlers für Germania, ein Teil der Schweizer Delegation hielt bis Kriegsende mit einigen Dutzend Mitarbeitern in dem Gebäude aus. Das Botschaftsgebäude wurde in den Kriegswirren zunehmend Zufluchtsort für Menschen, die vor den Bombenangriffen Schutz im Keller der Botschaft suchten. Wie durch ein Wunder wurde das Gebäude mit der Schweizer Flagge als einziges kaum beschädigt, während sämtliche Häuser in dem Viertel dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Historiker Widmer hält die These, dass die Alliierten die Schweiz absichtlich verschonten, für nicht plausibel. «Die Schweizer Gesandtschaft hatte zweifelsohne ausser­ordentliches Glück», schreibt er in seinem Buch. Der Gesandte Frölicher notierte nach Kriegsende: «Welches die Gründe für diese Schonung waren, habe ich bisher noch nicht erfahren. Für uns war es ein Glück, denn die Erfahrungen zeigten, dass Zwei-Meter-Bunker Bombentreffern mittleren Kalibers nicht mehr standhielten.» Während der Schlacht um Berlin und zur Vorbereitung des Sturms auf den Reichstag nahm die Rote Armee die Schweizer Botschaft als Hauptquartier in Beschlag. Die verbliebenen Botschaftsmitarbeiter gerieten während einiger Zeit in sowjetische Gefangenschaft.

Symbol für «schweizerische Kontinuität»

Die bewegte Geschichte des Hauses macht sich für seine Bewohner bis heute bemerkbar. «Das Gebäude hat eine enorme Ausstrahlungskraft, der man sich kaum entziehen kann», sagt alt Botschafter Widmer. Für Tim Guldimann, von 2010 bis Sommer 2015 Schweizer Botschafter in Berlin, ist das Gebäude im «Zentrum des Berliner Machtapparats mit all den Brüchen der deutschen Geschichte» ein Symbol für «schweizerische Kontinuität». Der 66-Jährige spricht von einem der attraktivsten Orte, die eine Botschaft zu bieten habe. «Allein schon das Interesse, dieses stadt­bekannte Gebäude von innen zu sehen, wirkt verführerisch.» Nur das Leben in der «riesigen Residenzwohnung im ersten Stock», wo er mit seiner Familie fünf Jahre habe leben müssen, sei «eine Zumutung». Guldimann hat im kühlen Regierungsviertel das lebendige Quartierleben mit Cafés, Bäckereien und Restaurants vermisst: «Zum Brötchenholen muss man zum Hauptbahnhof hinüber.»

Die aktuelle Schweizer Botschafterin in Berlin, Christine Schraner Burgener, weiss die unmittelbare Nähe zum Reichstag zu nutzen: «Unser Haus ist günstig gelegen, um Bundestagsabgeordnete zu einem Arbeitsfrühstück einzuladen; sie müssen dann nur einen kurzen Fussweg zum Reichstag zurück­legen.» Die Schweiz könne im politischen Berlin «im wörtlichen Sinn nicht übersehen werden», so die Diplomatin, die seit August 2015 in Berlin die Schweizer Interessen vertritt.


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