Wegen Einbrechern: Rumänien bittet Luzerner Dozenten um Hilfe

KRIMINALTOURISMUS ⋅ Rumänische Einbrecher beschäftigen die Schweizer Justiz reihenweise – und schaden dem Ruf ihrer Landsleute. Ein Dozent und Osteuropa-Experte der Hochschule Luzern gibt nun Gegensteuer.

16. Oktober 2016, 07:42

Er verübte 54 Einbrüche in Luzern und Umgebung klaute Sachen im Wert von 50 000 Franken, ehe die Luzerner Polizei den 31-jährigen Rumänen im April in flagranti verhaftete. Im Juli stoppte die Zuger Polizei in Baar drei Rumänen, die in ein Geschäft eingedrungen waren. Im September verhaftete die Schwyzer Polizei einen Rumänen bei einem Einbruchversuch.

Ein Tour d’horizon durch Polizeimeldungen der letzten Monate zeigt: Immer wieder veranstalten Rumänen Raubzüge durch die Schweiz. Fast 98 Prozent der 1877 rumänischen Delinquenten, die im Jahr 2014 wegen eines im Strafgesetzbuch aufgeführten Delikts verurteilt wurden, haben ihren Wohnsitz aber nicht in der Schweiz. Kurzum: Die Rumänen, welche die hiesige Justiz beschäftigen, sind fast ausschliesslich Kriminaltouristen. Dem Ansehen der hierzulande gut 12 000 wohnhaften Rumänen sind die Aktivitäten ihrer kriminellen Landsleute nicht förderlich. Das hat auch Michael Derrer, Dozent an der Luzerner Hochschule für Wirtschaft und Osteuropaexperte, erkannt. Im August besuchte er während zehn Tagen Bukarest. In rund 30 Zeitungen sowie Radio- und TV-Stationen lancierte er eine Medienkampagne mit der immer gleichen Botschaft: Die Schweiz hat entgegen dem Ruf, der ihr in Rumänien vorauseilt, keine Kuscheljustiz. Kriminelle werden hart bestraft, Einbrecher landen oft ein halbes oder ein ganzes Jahr in U-Haft und werden zur Rechenschaft gezogen.

«Zeitungsartikel allein reichen nicht»

Derrer machte nicht nur Medienarbeit, sondern kontaktierte auch das rumänische Aussenministerium und schilderte die Problematik des Kriminaltourismus in der Schweiz. Der rumänische Staat lud Derrer darauf ein, ein Projekt zur Verbrechensprävention einzureichen. Voraussichtlich Anfang nächsten Jahres wird er entscheiden, ob Derrer einen entsprechenden Auftrag ausführen darf. Rumänien möchte sein Image mit Derrers Unterstützung aufpolieren.

Derrer hat von Amtes wegen regelmässig Kontakt zu rumänischen Kriminellen Er wirkt als Dolmetscher für die Bundesanwaltschaft sowie für Gerichte, Staatsanwaltschaft und Polizei in fünf Kantonen (beide Basel, Aargau, Solothurn, Bern), zudem amtet er als Richter in Rheinfelden AG. Erhält Derrer den Zuschlag vom rumänischen Staat, will er die Präventionsbemühungen verstärken. «Zeitungsartikel allein reichen nicht», sagt er. Ihm schwebt vor, einen Youtube-Film zu produzieren, «der sich idealerweise viral verbreitet». Er kann sich auch vorstellen, mit rumänischen Nichtregierungsorganisationen zusammenzuarbeiten und eine Liste von Ortschaften zu erstellen, aus denen besonders viele Einbrecher in Richtung Westeuropa und Schweiz aufbrechen.

Rund 30 Prozent sind Mitläufer

Derrer macht sich keine Illusionen: «Berufsverbrecher kann man mit einer Kampagne nicht davon abhalten, ihr Metier auszuüben.» Er will sich auf jene «naiven und leichtgläubigen» Rumänen konzentrieren, die sich zu einer Einbruchtournee über­reden lassen mit dem Argument, es passiere ja nichts, wenn man erwischt werde. Derrer schätzt, dass rund 30 Prozent der rumänischen Einbrecher in der Schweiz solche Mitläufer sind, die dann aus allen Wolken fallen, wenn sie in der Schweiz längere Zeit hinter Gitter wandern.

Derrer interessiert sich seit seiner Studienzeit in Lausanne für Osteuropa im Allgemeinen und Rumänien im Speziellen. Er berät heute Schweizer Firmen, die nach Osteuropa expandieren möchten. 1992 und 1993, wenige Jahre nach dem Fall des Ceau­sescu-Regimes, verbrachte er zwölf Monate im Land. Derrer ist überzeugt: Die Sprach- und Landeskenntnisse verleihen seinen Präventionsbemühungen die nötige Glaubwürdigkeit.

Kari Kälin


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