Allianz «Es reicht!» ruft zu Boykott gegen Bischof Huonder auf

BISTUM CHUR ⋅ Die Allianz «Es reicht!» wirft dem Bistum Chur «fundamentalistische Polemik» vor: Die Seelsorger sollen deshalb die Worte zum Tag der Menschenrechte, verfasst von der umstrittenen deutschen Autorin Birgit Kelle, nicht verlesen.
Aktualisiert: 
01.12.2017, 17:00
01. Dezember 2017, 11:43

Kari Kälin

kari.kaelin@luzernerzeitung.ch

Es handle sich um eine üble Polemik gegen die Menschenrechte und die Toleranz: Mit diesen Worten geisselt die Allianz «Es reicht!» das Wort zum Tag der Menschenrechte vom 10. Dezember, das die umstrittene deutsche Autorin Birgit Kelle im Auftrag des Churer Bischofs Vitus Huonder verfasst hat. Kelle geisselt im Einklang mit Huonder das Gender-Mainstreaming. «Gender-Mainstreaming» ist eine Strategie zur Erreichung der Gleichstellung der Geschlechter. Für Kelle stellt dieses Konzept jedoch eine Verwässerung des Mann- und Frauseins dar. Kelle nimmt den Tag der Menschenrechte zum Anlass, um gegen das Recht auf Abtreibung oder die Adoption von Kindern durch Homosexuelle zu kämpfen. Die Leihmutterschaft bezeichnet sie als «perfiden Service», der gerne von Homosexuellen genutzt werde.

Die Allianz «Es reicht!», eine Vereinigung von Huonder kritischen Kirchenverbänden, hat am Freitag  alle Seelsorger im Bistum Chur dazu aufgerufen, «dieses fundamentalistische Schreiben» im Gottesdienst nicht zu erwähnen. Stattdessen sollen sie von der Kanzel zum Beispiel die Aktion der drei Landeskirchen zum Tag der Menschenrechte erwähnen. Die Landeskirchen setzten sich unter anderem für Flüchtlinge ein. Als weitere Alternative schlagen die Reformkatholiken von der Allianz «Es reicht!» Informationen zur Kampagne von «Schutzfaktor M - Menschenrechte» vor. «Schutzfaktor M» ist der Dachverein von über 100 Nichtregierungsorganisationen, die sich gegen die SVP-Selbstbestimmungsinitiative (Landesrecht vor Völkerrecht) einsetzen. Eine Annahme der Initiative könnte zur Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention durch die Schweiz führen.

Markus Heil von der Allianz «Es reicht!» geht davon aus, dass die Seelsorger dem Appell der Allianz folgen und Kelles Worte nicht verlesen. Heil zeigt sich erstens irritiert, dass sich Bischof Huonder nicht selber zum Tag der Menschenrechte äussert. Zweitens verkünde Kelle keine versöhnliche Botschaft. Vielmehr entfremde sie verschiedene Geisteshaltungen voneinander, anstatt sie zusammenzuführen. «Unserem Anliegen, das gegenseitiges Verständnis zu fördern, trägt Kelle in keine Weise Rechnung.»

Bischofssprecher Giuseppe Gracia verteidigt derweil Huonders Vorgehen. Im Kern vertrete Kelle die gleiche Meinung zur Genderfrage wie Papst Franziskus. Auch ihre Aussagen zum Thema Abtreibung und Leihmutterschaft würden voll und ganz der Lehre der Kirche entsprechen. «Wer also diese Inhalte als fundamentalistisch oder menschenrechtswidrig betrachtet, sagt im Grunde genommen, der Papst und die katholische Kirche seien fundamentalistisch.»

Heil kontert den Vorwurf. Natürlich gebe es bezüglich der Gender-Forschung viele offene Fragen, über die er gerne mit dem Papst diskutieren würde. «Aber ich vermute, dass Franziskus Kelles polemischen Stil nicht gutheissen würde», sagt er. Wenn man einen ganzen Forschungszweig so diskreditiere wie das Bistum Chur, werde man den Verdiensten der Gender-Forschung nicht gerecht.

Mit Wohlwollen begegnet Papst Franziskus dem Thema Gender nicht. Er bezeichnet «Gender» ausdrücklich als «Ideologie», welche die Grundlagen der Familien aushöhle. Er befürchtet sogar, dass diese Ideologie Erziehungspläne und Gesetzgebungen unterwandere.


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