Kantis könnten digitalen Wandel verschlafen

BILDUNGSWESEN ⋅ An den Gymnasien soll das Fach Informatik eingeführt werden. Das sei höchste Zeit, sagt Marc König, Präsident der Konferenz der Gymnasialdirektoren. Er warnt: Die Schweiz müsse aufpassen, dass sie von anderen Ländern nicht abgehängt werde.
20. Mai 2017, 08:25

Interview: Michel Burtscher

Marc König, Wirtschafts­minister Johann Schneider-­Ammann hat gesagt, er hätte lieber weniger, dafür bessere Maturanden. Haben die Schweizer Gymnasien ein Qualitätsproblem?

Ich halte diese Aussage für ab­wegig. 70 Prozent der Schweizer Maturandinnen und Maturanden studieren an einer der 200 besten Universitäten der Welt. In Deutschland liegt diese Quote bei 20 Prozent, in Frankreich oder Italien ist sie noch tiefer. Absolventenbefragungen verschiedener Schulen zeigen, dass die Gymnasiasten selbst sehr zufrieden sind mit ihrer Ausbildung. Sie sagen, sie seien gut vorbereitet worden auf das Studium und auch auf gesellschaftliche Aufgaben.

An die Jahresversammlung der Konferenz Schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren nächste Woche in Einsiedeln haben Sie die Präsidenten der vier Bundesratsparteien eingeladen. Was erwarten Sie von der Politik?

Mein Anliegen ist es, dass man den Gymnasien weiterhin Gestaltungsraum lässt, um ihren umfassenden Bildungsauftrag zu erfüllen: den Schülern, den Lehrern und den Schulen. Die Schüler müssen Sachen ausprobieren können. Bei uns etwa betreiben sie ein Schülerradio, machen eine Schülerzeitung und eine Kulturplattform Das muss auch in Zukunft möglich sein.

Sehen Sie diesen Spielraum denn in Gefahr?

Ja, es gibt Zentralisierungstendenzen. Ich verstehe das Bedürfnis nach Vergleichbarkeit. Aber die gymnasiale Bildung lebt davon, dass jede Schülerin und jeder Schüler über den Erwerb von Wissen und Kompetenzen Wahlmöglichkeiten hat, kritisches Denken entwickeln, seine eigenen Begabungen und den eigenen Studienweg finden kann.

Was sind denn die grossen Herausforderungen, mit denen sich die gymnasiale Bildung im Moment konfrontiert sieht?

Eine der grössten Herausforderungen ist sicher das Lernen in einer digitalisierten Welt. Es geht nicht nur um den Einsatz eines zusätzlichen Geräts im Schul­betrieb. Auch die Art der Pro­blemlösung verändert sich, es gibt neue Formen des Lernens und Lehrens – und zum Teil gibt es dadurch auch eine neue Rolle für Lehrpersonen.

Wie reagieren die Gymnasien auf diesen Wandel?

Es ist im Moment ein schweizerischer Rahmenlehrplan in der Vernehmlassung, bei dem es um die Einführung eines Faches Informatik am Gymnasium geht. Wir gehen im Moment davon aus, dass dieses mit vier Stunden pro Woche dotiert sein wird.

Was lernen die Schüler in diesem Fach genau?

Es geht um eine breite informatische Grundbildung als Basis für ein fundiertes Verständnis der Hintergründe der Informationsgesellschaft. Die Schüler sollen sich mit neuen Technologien und den verschiedenen Anwendungen befassen oder programmieren lernen. Wir wollen sie aber auch sensibilisieren und ihnen vermitteln, wie sie mit den neuen Medien umgehen müssen, welche Gefahren es gibt in der digitalen Welt. Gerade auch was beispielsweise die Weitergabe der persönlichen Daten im Internet anbelangt.

Die Digitalisierung hat ja nicht erst gestern begonnen. Warum reagiert man denn erst jetzt?

Das ist eine berechtigte Frage, die Schweiz ist diesen Bereich spät angegangen. Man muss aber auch sehen, dass die einzelnen Schulen dieses Thema schon ­angegangen sind. Bisher wurde Informatik vor allem integriert vermittelt, also im Rahmen der anderen Fächer. Während der Mathestunde wurde den Schülern etwa der Umgang mit Excel beigebracht, in der Deutsch­stunde war Word ein Thema.

Und das reicht jetzt nicht mehr?

Nein. Andere Länder sind da schon weiter. In vielen Ländern wird Informatik schon seit län­gerer Zeit intensiv unterrichtet. Dort werden die künftigen Konkurrenten unserer Schüler ausgebildet. Wir müssen aufpassen, dass die Schweiz nicht abgehängt wird. Es ist darum höchste Zeit, dass auch hierzulande ein eigenes Fach Informatik geschaffen wird.

Welche Herausforderungen gibt es sonst noch?

Englisch ist die Wissenschaftssprache, schon heute führen viele Schulen einen Viertel oder gar einen Drittel ihrer Ausbildungsgänge bilingual, also deutsch-englisch. Zunehmend besuchen auch Schüler das Gymnasium, für die Deutsch die Zweitsprache ist. Darauf müssen die Gymnasien reagieren. Diese Schüler sollten von Anfang an unterstützt und gefördert werden. Sie sollen gute Deutschkenntnisse haben, wenn sie das Gymnasium abschliessen.

Das Frühfranzösisch ist im Moment ein grosser Streitpunkt. Was sagen Sie zu dieser Debatte?

Die Deutschschweizer Gymnasien stehen zum Französisch. Uns ist bewusst, dass das zentral ist für den Zusammenhalt der Schweiz. Für unsere Schüler beispielsweise ist ein Aufenthalt in französischem Sprachgebiet obligatorisch.

Die Gymnasialquote in der Schweiz beträgt im Schnitt 20 Prozent. Einige halten diese Zahl für zu tief, andere für zu hoch. Wer hat recht?

Die jetzige Quote von 20 Prozent wird sich so halten. Ich gehe aber davon aus, dass sich die grossen kantonalen Unterschiede ausgleichen. Es ist wichtig, dass wir die gymnasiale Bildung und die Berufsbildung nicht gegenein­ander ausspielen. Die Berufsbildung funktioniert nur mit der Maturaquote, die wir im Moment haben. Das heutige Zusammenspiel von Berufsbildung und ­akademischer Bildung ist aus­gezeichnet und weltweit einzigartig. Wir müssen dem heutigen System Sorge tragen.

Zur Person

Marc König (60) hat Deutsch und Französisch studiert und war in den 1990er-Jahren Direktor der Schweizer Schule Rom. Seither arbeitet er an der Kantonsschule Burggraben in St. Gallen, seit 2007 ist er dort Rektor. Seit dem Jahr 2015 amtet er als Präsident der Konferenz Schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren. Die Konferenz vertritt die Interessen der Gymnasien auf Bundesebene und auf interkantonaler Ebene.


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