Die Schweizer Schützen rüsten sich für den nächsten Kampf

WAFFENRECHT ⋅ Sie wehren sich wieder einmal gegen schärfere Regeln und lassen dabei die Muskeln spielen. Doch die Bedeutung der Schweizer Schützen schwindet. Das zeigt sich auch am Nachwuchsproblem.
06. Oktober 2017, 07:53

Dominic Wirth

Im Berner Kirchenfeld-Quartier stehen Häuser voller alter Schätze ganz nah zusammen. Nur ein paar Schritte trennt die Nationalbibliothek vom Bernischen Historischen Museum. Und dann gibt es da noch dieses Haus mit den vielen Gewehren, den Pokalen in allen Formen, den Fahnen, aus denen die Farbe verschwindet: das Schützenmuseum. Dort, inmitten dieses Sammelsuriums, das in alternden Vitrinen liegt, steht Regula Berger. Seit ein paar Monaten erst leitet sie das Museum. Nun steht bald die erste Ausstellung an. «Lasse deine Schätze funkeln», so hat Berger sie getauft. Es geht dann darum, dem Museum neues Leben einzuhauchen. «Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen», sagt Berger. Sie meint damit auch, dass das Schweizer Schützenwesen einen neuen Anstrich vertragen könnte.

Das ist eine grosse Aufgabe, doch damit ist Berger nicht allein: Auch drüben im Bundeshaus, nur einen Spaziergang vom Museum entfernt, haben die Schweizer Schützen derzeit alle Hände voll zu tun. Wieder einmal wehren sie sich gegen eine Verschärfung des Waffenrechts. Es war zwar der Bundesrat, der vor kurzem dargelegt hat, wie diese erfolgen soll. Doch eigentlich kommt die Hand, die nach den Schweizer Waffen greift, aus Brüssel. Dort hat man angesichts der Terrorattacken der letzten Jahre ein schärferes Waffenrecht beschlossen. Und das macht die Sache noch komplizierter, als sie ohnehin schon ist. Denn die Schweiz muss die Gesetzesänderung als Schengen/Dublin-Mitglied nachvollziehen, sonst droht der Ausschluss aus dem Vertragswerk, mit dem europäische Staaten etwa bei der Sicherheits- oder der Asylpolitik zusammenarbeiten.

Beschwichtigende Worte vom Bundesrat

Die Schweizer Schützen machen schon seit Monaten klar, dass sie gewillt sind, Schengen/Dublin zu opfern, um das freiheitliche Schweizer Waffenrecht zu retten. Sie drohten bei jeder Gelegenheit mit einem Referendum, und sie tun das auch jetzt noch. Dabei hat ihr Druck eigentlich Wirkung gezeigt. Als der Bundesrat darlegte, wie er die EU-Waffenrichtlinie umsetzen will, tat er das in einem auffällig beschwichtigenden Ton. Von einer «pragmatischen Lösung» war da die Rede, davon, den «bestehenden Spielraum auszuschöpfen», um der «Tradition des schweizerischen Schiesswesens» Rechnung zu tragen. Tatsächlich sind viele Befürchtungen der Schützen nicht eingetroffen: Es gibt etwa ­keine psychologischen Tests, keine generelle Vereinspflicht und kein zentrales Waffenregister. Eine Kröte, die sie schlucken müssen, ist eine Nachmeldepflicht für gewisse Waffen. Das betrifft schätzungsweise 200'000 Personen.

Doch die Schützen, darauf lassen ­zumindest ihre ersten Wortmeldungen schliessen, lassen nicht locker. Ohne «erhebliche Korrekturen», so sagte es Werner Salzmann, als Präsident des ­Berner Schiesssportverbands und SVP-Nationalrat einer ihrer wichtigsten Vertreter, müsse man «die Kündigung von Schengen/Dublin in Kauf nehmen». Dabei gibt es eigentlich nicht mehr viel abzuschwächen. Das zeigt, wie mächtig die Schützen immer noch sind. Wie sehr man in Bern eine Abstimmung fürchtet, bei der die Waffenlobby – vielleicht noch unterstützt von der SVP – gegen das Brüsseler Diktat in die Schlacht zieht.

Das grösste Problem sind die fehlenden Jungen

Die Schweizer Schützen lassen also wieder einmal ihre Muskeln spielen, doch Fakt ist auch: Sie verlieren zusehends an Bedeutung. Das zeigt sich etwa an ihrem Nachwuchsproblem. In einer Untersuchung des Observatoriums Sport und Bewegung Schweiz kann man nachlesen, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen in den Schützenvereinen deutlich tiefer ist als in anderen Sportvereinen im Land. Und dass in den Schützenvereinen der fehlende Nachwuchs das grösste Problem ist. Dazu kommt, dass ihnen nicht nur die Jungen, sondern auch ­andere Mitglieder abhandenkommen. Noch 1985 waren im Schweizer Schützenverband, der 2002 im Schweizer Schiesssportverband (SSV) aufging, fast 590'000 Personen organisiert. Heute hat der SSV noch 130'000 Mitglieder. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass bis 1995 jeder Mann, der das Obligatorische schiessen musste, automatisch Mitglied eines Schützenvereins war. Als diese Praxis geändert wurde, verloren die Schützenvereine rund 300'000 Mitglieder. Allein damit lässt sich der Mitgliederschwund allerdings nicht erklären. Noch 2002 hatte der SSV 220'000 Mitglieder, 90'000 mehr als heute.

Das Haus der Schützen im Berner Museumsquartier ist eines, das Grösse ausstrahlt, auch wenn es ein wenig in die Jahre gekommen ist. Es hat eine schöne Treppe aus Holz und hohe Räume; in die Fenster sind Wappen eingearbeitet. Von der Aussenwand leuchtet eine Wandmalerei, auch eine rot-weisse Fahne ist Teil von ihr, es geht um die Schützen und ihre Bedeutung für das Land. Einst waren ihre Zusammenkünfte, die Eidgenössischen Schützenfeste, nationale Höhepunkte. Im Museum ist diesen Festen viel Platz gewidmet. Bilder hängen dort an Stellwänden und Zeichnungen, Medaillen sind ausgestellt und ein Silberpokal, den ein holländischer König für das Fest von 1876 anfertigen liess. Die Schützenfeste haben auf dem Weg zur Gründung des Schweizer Bundesstaats im Jahr 1848 eine wichtige Rolle gespielt. Dort verwischten kantonale Grenzen und gesellschaftliche Unterschiede, ­dafür entstand ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zur Entstehung der modernen Schweiz beitrug.

Die Waffe gehört nach Hause

Es ist wichtig, um die alte Grösse der Schützen zu wissen. Denn sie wirkt bis heute nach, und sie erklärt ein Stück weit auch den Eifer, mit dem sie sich gegen jede Gesetzesverschärfung wehren. Sie sorgen sich um das Schweizer Miliz­system, die Tradition des wehrhaften und eigenverantwortlichen Bürgers. In der Schweiz gehört die Waffe nach Hause, so sehen die Schützen das. Und dafür kämpfen sie standhaft. Das war etwa im Jahr 2011 so, als eine Initiative unter anderem verlangte, dass die Armeewaffe nicht mehr zu Hause aufbewahrt werden soll. Und das ist auch jetzt, bei der Debatte über die Umsetzung der EU-Waffenrichtlinie, wieder so. Die Schützen haben einst mitgewirkt bei der Gründung des Bundesstaats, doch die Zeiten, in denen sie etwas erschaffen haben, sind vorbei. Heute, wo der Kalte Krieg längst Geschichte ist, die Gesellschaft Waffen skeptischer betrachtet und die Armee immer kleiner wird, geht es für sie darum, alte Rechte zu bewahren.

Das Gefühl, kriminalisiert zu werden

Regula Berger, die Frau, die das Schützenmuseum wieder auf Vordermann bringen will, hatte früher nicht viel mit den Schützen am Hut. Doch seit sie sich durch die Becher und Fahnen und Bilder im Keller wühlt, hat sie ein Gespür für sie entwickelt. Und sie hat festgestellt, dass die Schützen sich nicht immer wieder rechtfertigen mögen für ihr Hobby. «Sie sehen sich als seriöse Leute, die Sport ­betreiben, und nicht als jemand, vor dem man sich fürchten müsste», sagt sie. Auch Jakob Büchler, CVP-Nationalrat und Präsident des St. Gallischen Kantonalschützenverbands, kommt schnell darauf zu sprechen, dass gesetzliche Eingriffe für ein Misstrauen stehen, das die Schützen ärgert: «Wir wehren uns dagegen, dass man uns kriminalisiert und immer mehr Rechte wegnimmt.»

Und das – sich wehren für das liberale Waffenrecht – machen die Schützen nach wie vor erfolgreich. Erst in der Herbstsession haben sie im Bundeshaus ihren letzten Sieg errungen. Das Parlament hat damals einen erneuten Versuch der Linken verworfen, die Armeewaffen aus den Schweizer Haushalten zu verbannen. Auch gegen ein umfassendes Waffenregister haben sich die Schützen immer wieder erfolgreich zur Wehr gesetzt. Derzeit sind in der Schweiz gegen 900'000 Waffen registriert. Doch wie viele es tatsächlich gibt im Land, weiss niemand, weil die allgemeine Registrierungspflicht erst seit 2008 existiert. Der Bundesrat ging 2013 davon aus, dass es insgesamt etwa zwei Millionen Feuerwaffen sind. Die Schweiz gehört damit nach wie vor zu den Ländern mit der höchsten Waffendichte weltweit.


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