Bargeldverbot bei Tankstellen

SICHERHEIT ⋅ Im Kanton Tessin häufen sich bewaffnete Raubüberfälle. Sicherheitsdirektor Norman Gobbi will deshalb das Bargeld von den Tankstellenshops verbannen. Die Betreiber sind nicht begeistert.
12. November 2017, 10:02

Kari Kälin

«Jetzt», twitterte Norman Gobbi am letzten Sonntagmorgen, «ist der Moment gekommen, Bargeld von den Tankstellen zu verbannen. Zumindest entlang der Grenze, wo wegen weniger tausend Franken Raubüberfälle stattfinden.» Der Tessiner Sicherheitsdirektor formulierte seine Idee als Reaktion auf zwei Vorfälle vom letzten Wochenende. Am Freitagabend hatte ein 61-jähriger Italiener, bewaffnet mit einem Messer, eine Tankstelle in Novazzano überfallen. Die Polizei erwischte den Mann kurz nach Mitternacht. Am Sonntagmorgen schlugen zwei Räuber in einem Tankstellenshop in Brusino Arsizio zu, ebenfalls in Grenznähe. Sie erbeuteten Bargeld und fügten der Verkäuferin leichte Verletzungen zu, als sie ihr das Messer an den Hals hielten.

Die Zahl der Überfälle auf Tankstellenshops ist im Kanton Tessin in diesem Jahr gestiegen. Bis Mitte November registrierte die Polizei 15 Raubüberfälle. Die Polizei hat deshalb in den letzten Monaten mit Tankstellenbetreibern über neue Präventionsmassnahmen – auch über ein Bargeldverbot – und deren Machbarkeit, gesprochen. Für Gobbi ist die Zeit reif für diesen Schritt. «Bereits jetzt werden 80 Prozent der Zahlungen bei Tankstellen mit der Bank- oder Kreditkarte getätigt», sagte der Lega-Politiker gegenüber dem Onlineportal www.tio.ch . In der Vergangenheit habe man das Sicherheitspositiv zwar verbessert. Meistens würden die Täter schnell erwischt. «Aber das genügt nicht. Wenn wir auf Bargeldzahlungen verzichten, lösen wir das Problem definitiv.» Wie genau Gobbi seinen Vorschlag umsetzen will, bleibt offen. Weitere Kommentare dazu gibt er derzeit nicht ab.

Kunden sollen über Zahlungsmittel entscheiden

Dies hat dafür die Vereinigung der Tankstellenbetreiber im Kanton Tessin getan. Sie halte es nicht für opportun, Sicherheitspolitik via Twitter zu betreiben, teilte sie mit. Schon seit längerem stehe die Vereinigung in Kontakt mit den zuständigen Behörden, um alle möglichen Präventionsmassnahmen aufzugleisen. Auch die Firma Socar, eine der grössten Tankstellenbetreiber der Schweiz, kritisiert Gobbis Pläne: «Der Kunde soll die Wahlfreiheit haben, wie er an unseren Tankstellenshops bezahlen möchte – unabhängig ob in Grenznähe oder nicht. Ein Bargeldverbot erachten wir aus Kundensicht als nicht praktikabel», sagt Sprecher Anthony Welbergen. Ähnlich reagierten Tankstellenverkäufer in einem Beitrag von «Teleticino». Es sei unrealistisch, dass Kunden ein Päckchen Kaugummi, Zigaretten oder eine Dose Bier flächendeckend mit der Bank- oder Kreditkarte begleichen würden, lautete der Tenor.

Die Tessiner Polizei markiert derweil schon seit längerer Zeit mehr Präsenz, um Raubüberfälle zu verhindern. Auch die Behörden, konkret eine Arbeitsgruppe, haben schon Tipps zur Überfallprävention formuliert. Sie rät etwa, möglichst wenig Bargeld in der Kasse zu haben oder Überwachungskameras zu installieren.


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