Bern ohne Moutier: Auswirkungen auf die Zweisprachigkeit?

ABSTIMMUNG ⋅ Mit der Abspaltung der Gemeinde Moutier sinkt der Anteil der Romands im Kanton Bern unter die Zehn-Prozent-Marke. Welche Folgen hat das für die Zweisprachigkeit im Kanton?
20. Juni 2017, 04:39

Der Wechsel von Moutier zum Kanton Jura kratzt am Berner Selbstverständnis. Seine Vertreter bezeichnen sich gerne als Brückenbauer zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Vor der Abstimmung hielt der Leitartikler im Berner «Bund» fest, dass eine Schwächung des Berner Juras der Zweisprachigkeit des Kantons Bern schade – und damit letztlich auch der Schweiz. 7700 Einwohner zählt Moutier. Im Vergleich zur Berner Gesamtbevölkerung von über einer Million ist das schon fast eine «quantité négligeable». Doch der Anteil der Berner Romands fällt mit dem Kantonswechsel unter die Zehn-Prozent-Grenze. Und betrachtet man nur den Berner Jura, wird der Bedeutungsverlust noch besser sichtbar. Das Gebiet verliert 14 Prozent seiner Bevölkerung. Das sei verkraftbar, sagt der bernjurassische SVP-Nationalrat Manfred Bühler. «Doch als politisches Signal für den zweisprachigen Kanton gefällt mir das nicht», meint der Proberner. SP-Ständerat Hans Stöckli sieht das kritischer: «Politik ist auch Arithmetik. Wenn es weniger Romands gibt, werden wir stärker für die Zweisprachigkeit kämpfen müssen.» Der ehemalige Bieler Stadtpräsident wertet das Abstimmungsergebnis ebenfalls als Signal: «Bern hat zu wenig gemacht und wurde den Erwartungen der Bevölkerung Moutiers nicht gerecht.»

Dabei hat der Berner Jura einen Sonderstatus. Etwa einen garantierten Sitz im siebenköpfigen Regierungsrat und eine überproportionale Vertretung im Kantonsparlament. An diesen Privilegien mochte gestern aber niemand rütteln. «Eine Diskussion um den Sonderstatus wäre dumm», sagt der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr. Tatsächlich machte sich eine andere Stimmung breit: «Jetzt erst recht», lautet die Berner Reaktion. «Die Zweisprachigkeit muss gestärkt, die Minderheiten besser geschützt werden», fordert Stöckli. Ähnlich tönt es beim Berner Regierungssprecher Christian Kräuch. Er bedauert den Wegzug von Moutier sehr – findet aber auch einen positiven Aspekt: «Jetzt können wir uns auf unsere Proberner-Gemeinden im Jura konzentrieren.»

Unbegründete Sorgen der Französischsprachigen?

Selbst in Biel, der grössten zweisprachigen Stadt der Schweiz, reagiert man gelassen auf den Entscheid Moutiers. Er könne verstehen, sagt Stadtpräsident Fehr, wenn sich die Französischsprachigen im Kanton nun Sorgen machten, doch diese seien unbegründet. «Der Kanton Bern macht bereits viel für die Zweisprachigkeit. In dieser Phase braucht es allerdings einen zusätzlichen Effort.» Stöckli wird eine wichtige Rolle spielen, wenn es um die Förderung der Zweisprachigkeit geht. Die Berner Regierung ernannte ihn bereits im Mai zum Präsidenten einer entsprechenden Expertengruppe. Sie muss bis in einem Jahr Massnahmen vorschlagen. Die Schaffung der Kommission hat ihren Ursprung in einem Bericht der Interjurassischen Versammlung. Sie hatte 2009 vorgeschlagen, entweder ein neues Kantonsgebilde zu schaffen – was die Bevölkerung ablehnte – oder die Zweisprachigkeit stärker zu fördern. Manfred Bühler macht sich deshalb weniger Sorgen um die Bernjurassier als um die Proberner in Moutier: «Jetzt hat der Jura ein Minderheitenproblem.»

 

Doris Kleck


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