Berset verärgert die Psychologen

PSYCHISCHE GESUNDHEIT ⋅ Seit Jahren drängen die Psychologen darauf, dass sie ihre Therapien einfacher über die Grundversicherung abrechnen können. Sie warnen vor schwerwiegenden Folgen, weil der Bund das Anliegen vor sich herschiebt.
15. November 2017, 07:33

Wenn die Tage kurz werden und trüb, sich der Nebel und Kälte ins Land schleichen, dann hinterlässt das in den Köpfen der Leute seine Spuren. «Im November haben wir Hochbetrieb», sagt Yvik Adler, Psychotherapeutin und Co-Präsidentin der Föderation der Schweizer Psychologen (FSP). Das Problem ist nur: Längst nicht alle Schweizer, die eine Behandlung bräuchten, bekommen diese auch. Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, für Migranten und für Menschen mit wenig Geld.

Das konstatiert eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG), in der auch steht, dass die ländlichen Gebiete im Gegensatz zu den Städten «klar unterversorgt» sind. Und dass es an Behandlungsplätzen fehlt, die via Grundversicherung finanziert sind. Yvik Adler sagt, dass es dieses Problem eigentlich nicht geben müsste: «Es gibt genug Psychologen, die diese Lücke füllen könnten. Der Bund muss sie nur endlich lassen.»

Seit Jahren schon setzt sich die FSP für einen Systemwechsel ein, der es Psychologen erlauben würde, ihre Leistungen vermehrt über die Grundversicherung abzurechnen. Heute können sie das nur tun, wenn sie bei einem Psychiater oder einem Arzt angestellt sind und in dessen Räumlichkeiten arbeiten. Künftig, so die Forderung der FSP, sollen Psychologen mit dem so genannten Anordnungsmodell abrechnen können. Patienten müssten dann vom Arzt nur noch überwiesen werden, damit die Grundversicherung zahlt. Ein ähnliches Modell gibt es etwa für die Physiotherapeuten.

BAG sieht keine Unterversorgung

Schon seit mehreren Jahren liegt das Dossier mittlerweile beim Bundesamt für Gesundheit von Innenminister Alain Berset. Getan hat sich nichts, trotz verschiedener anders lautender Ankündigungen. So war bereits 2013 von einer baldigen Neuregelung die Rede; 2016 kündigte Berset dann an, sich im Herbst zum Thema zu äussern. Seither ist schon wieder ein Jahr vergangen. Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es auf Anfrage, man sei nach wie vor daran, Studien zum Thema zu analysieren und vertiefte Abklärungen zu treffen. Danach solle ein Entscheid bezüglich eines allfälligen Wechsels vom Delegations- zum Anordnungsmodell gefällt werden.

Ständerat Joachim Eder hat kein Verständnis dafür, dass sich das BAG so lange Zeit lässt. «Der Stillstand ist für mich unverständlich, es muss zwingend endlich etwas passieren. Man darf die psychisch Kranken nicht hängen lassen», sagt der Zuger. Eder glaubt nicht, dass sich der Bund bei akuten medizinischen Krankheiten so lange Zeit lassen und eine Unterversorgung für gewisse Bevölkerungsgruppen hinnehmen würde. Das deutet in seinen Augen darauf hin, «dass man psychisch Kranke auf oberster Ebene zu wenig ernst nimmt». Das BAG dagegen sieht keine Unterversorgung. Es gebe zwar Verbesserungsbedarf, «jedoch nicht eine Versorgungslücke in dem Sinne, dass die Versorgung nicht für alle Personen gewährleistet wäre», schreibt es.

Hauptgrund dafür, dass das BAG noch nicht entschieden hat, dürfte die Angst vor einer zusätzlichen Belastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung sein. Zusatzkosten sind in Zeiten stetig steigender Krankenkassenprämien das Letzte, was Gesundheitsminister Alain Berset brauchen kann. Derzeit macht die psychische Grundversicherung in der Schweiz knapp 10 Prozent der gesamten Gesundheitskosten aus, was im Vergleich mit anderen Ländern wenig ist. Yvik Adler von der FSP warnt allerdings davor, aus Kostengründen auf eine Einführung des Anordnungsmodells zu verzichten. «Jede Behandlung, die wir heute nicht machen können, kostet später auch Geld, weil chronische Beschwerden und gar Invalidität drohen, wenn psychische Erkrankungen nicht rechtzeitig behandelt werden», sagt Adler.

 

Dominic Wirth


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