Darknet: Politiker fordern nationale Koordinationsstelle

KRIMINALITÄT ⋅ Drogenhandel, Prostitution, Mail-Attacken: Verbrecher können im Darknet ziemlich ungehindert operieren, für Ermittler wird es immer schwieriger, sie zu überführen. Dies schreckt Politiker auf.
13. August 2017, 04:38

Die Ermittlungen erstreckten sich über Monate. Vergangenen Dienstag konnten die Aargauer Kantonspolizei und die Staatsanwaltschaften Brugg-Zurzach und Muri-Bremgarten nun einen Erfolg vermelden: Drei Schweizer im Alter zwischen 28 und 50 Jahren, die im Darknet im grösseren Stil mit Drogen handelten, wurden verhaftet und mehrere Konten gesperrt.

Die Ermittlungsbehörden in der Schweiz sind in letzter Zeit immer mehr mit Straftaten im so genannten Darknet konfrontiert. Beim Darknet handelt es sich um einen virtuellen Rückzugsraum im Internet, in den man nur mit einem speziellen Browser gelangt. Die Nutzer geniessen dabei beim Surfen weitgehend Anonymität. Neben Dissidenten und Datenschützern ziehen die verborgenen Seiten des Internets auch zunehmend Kriminelle an. Der «Beobachter»-Journalist Otto Hostettler, der während gut zwei Jahren auf verschiedenen Foren und anonymen Marktplätzen recherchierte und dieses Frühjahr ein Buch dazu veröffentlicht hat, spricht von der «Digitalisierung der Kriminalität».

Kantone sollen ihre Kräfte bündeln

Polizei und Staatsanwaltschaft macht gerade die Verschlüsselung zu schaffen. Sie müssen einen immer grösseren Aufwand betreiben, um Kriminelle überführen zu können. Marcel Dobler, St. Galler FDP-Nationalrat und Gründungsmitglied des Onlineshops Digitec Galaxus, sieht aus diesem Grund Handlungsbedarf. «Es braucht eine nationale Koordinationsstelle», fordert er. Das Know-how der Kantone in Sachen Verbrechensbekämpfung im Internet sei zu unterschiedlich. Der Föderalismus sei bei der Bekämpfung von Cyberattacken hinderlich: «Wir müssen unsere Kräfte bündeln, nur so sind wir erfolgreich», betont er.

Der Luzerner SVP-Nationalrat und Internetunternehmer Franz Grüter kann diese Forderung nur unterstützen. Er sorgt sich schon länger um die IT-Sicherheit in der Schweiz. «Wir haben die Gefahr unterschätzt und viel zu lange gewartet», sagt er. Zwar hat laut Grüter inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Besser macht dies die Sache für ihn nicht. Er wirft insbesondere dem Bund Konzeptlosigkeit vor: «Jedes Department pflegt sein Gärtchen, anstatt dass eines den Lead übernehmen würde.»

Zusammenarbeit mit Universitäten

Grüter fordert aus diesem Grund nicht nur ein nationales Cyber-Lagezentrum, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, sondern auch eine engere Zusammenarbeit mit Universitäten und Fachhochschulen. «Wir verfügen heute gar nicht über genügend Spezialisten für die Verbrechensbekämpfung im Internet», ortet der IT-Unternehmer ein weiteres grosses Problem.

Für Otto Hostettler kann dies sehr wohl ein möglicher Weg sein. Denn die Behörden würden einem Irrtum unterliegen, wenn sie der Meinung seien, dem Problem der Internetkriminalität könne man mit der Anstellung eines IT-Cracks begegnen. Dazu sei das Problem viel zu komplex. «Bei vielen Ermittlungsbehörden herrscht klar Nachholbedarf, was die grundlegenden Kenntnisse im Bereich der Cyberkriminalität betrifft.»

Hostettler, dem die von der Aargauer Polizei verhafteten Drogendealer von seiner Recherche her ein Begriff waren, schätzt, dass es derzeit noch mehrere Dutzend weitere Drogendealer in der Schweiz gibt, die ihre Dienste über das Darknet abwickeln. «Die Verhafteten waren auf jeden Fall nicht die grössten Fische, die sich in diesem Teich tummeln», betont er. Gerade der Drogen- und Medikamentenhandel blühe im anonymen Internet enorm, und die «Serviceleistungen» seien schon fast erschreckend gut. Ho­stettler: «Ich habe auf gewissen anonymen Marktplätzen im Dark­net den besseren Kundenservice angetroffen als auf manch einer herkömmlichen Onlineplattform», gibt er zu bedenken.

 

Dominik Buholzer

Hinweis

Otto Hostettler: Darknet – Die Schattenwelt des Internets; das Buch ist im Verlag NZZ Libro erschienen.


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