Staatsanwalt: «Das sind Kindergarten-Spiele»

PYRO-WERFER ⋅ Thomas Hansjakob, Erster Staatsanwalt des Kantons St.Gallen, ist zufrieden mit dem Urteil des Bundesstrafgerichts gegen den Pyro-Werfer. Er spricht über die Protestaktion der Espen-Fans am Mittwoch und die Kritik der Fananwältin am Urteil.
11. August 2017, 16:03

Daniel Walt Drei Jahre Gefängnis, die Hälfte davon unbedingt, für einen St.Galler Pyro-Werfer – sind Sie zufrieden mit diesem Urteil?
Thomas Hansjakob: Ja. Und es überrascht mich auch nicht. Es ging um einen Angriff auf Menschen und eine schwere Körperverletzung, nicht einfach um das Zünden von Pyros. Aus meiner Sicht ist das Urteil überzeugend.

Erhoffen Sie sich vom Urteil eine Signalwirkung an die Fanszenen in der Schweiz?
Hansjakob: Ich denke, jedem, der Pyros wirft, ist klar, dass er Menschen gefährdet. Von daher frage ich mich, ob eine solche Signalwirkung überhaupt nötig ist.

Am Heimspiel des FC St.Gallen vom Mittwoch war von Faneinsicht wenig zu spüren. Beide Fanblocks zündeten Pyros und Rauchpetarden – auch, um gegen das Urteil gegen den St.Galler Anhänger zu protestieren.
Hansjakob: Das sind Kindergartenspiele – die Fans wollten demonstrieren, dass sie sich vom Urteil nicht beeindrucken lassen. Aber das war etwas ganz anderes als das, was der verurteilte Fan gemacht hatte. Klar, Rauchtöpfe sind lästig, aber ungefährlich. Gefährlicher sind Pyros, aber die wurden am Mittwoch nur gezündet, nicht geworfen. Die Fans wollten einfach zeigen, dass sie sich vom Urteil nicht beeindrucken lassen. Und ich lasse mich von ihrer Protestaktion nicht beeindrucken.

In Fankreisen wird das Urteil gegen den FCSG-Chaoten als zu hart empfunden.
Hansjakob: Das Opfer des Knallpetarden-Wurfs ist lebenslänglich geschädigt mit einer massiven Hörverminderung. Und ein Tinnitus ist nicht gerade etwas Lustiges. Zudem hätte es noch schwerere Verletzungen geben können. Was auch eine Rolle spielte, war, dass beim Täter offenbar kein Funke Einsicht vorhanden ist – auch wir in St.Gallen kennen ihn als besonders hartnäckig.

Inwieweit ist der Mann denn schon anderweitig negativ aufgefallen?
Hansjakob: Er war immer dabei, wenn es irgendwo Probleme gab, und liess sich von Massnahmen nicht beeindrucken. Und zwar seit Jahren. Sogar aus Fankreisen höre ich, dass sich Anhänger von ihm distanziert haben.

Wie zwei Gutachten zeigen, wies der vom Knallkörper geschädigte Zuschauer schon vor dem Vorfall eine Hörbeeinträchtigung auf. Die Anwältin des Fans kritisiert nun, diese Gutachten seien unter den Teppich gekehrt worden.
Hansjakob: Der Gutachter hat beim Opfer keine Vorschäden, sondern nur eine leicht beginnende Altersbeeinträchtigung festgestellt, die das Gericht berücksichtigt hat. Er hat festgestellt, dass der Hörverlust links von 67 Prozent kausal auf den Böller zurückging.

Die Anwältin ist überzeugt, dass ihr Mandant eine tiefere Strafe erhalten hätte, wenn die beiden Gutachten gewürdigt worden wären. Ihr Mandant habe niemanden konkret gefährdet – und falls doch, höchstens fahrlässig.
Hansjakob: Diese Argumentation kann ich schon aufgrund des objektiven Schadens nicht nachvollziehen. Dazu kommt die subjektive Seite: Der Mann konnte vor dem Wurf unmöglich genau abschätzen, dass der Gegenstand so weit von einem Menschen entfernt detonieren würde, dass mit grösster Wahrscheinlichkeit niemanden verletzt würde. Er wusste, dass er Menschen gefährdete, und hat einen Mann schwer verletzt. Ich kenne die Anwältin: Ihre Argumentation ist auch bei uns in St.Gallen in der Regel nicht erfolgreich.

Dann wäre unter Berücksichtigung der Gutachten keine wesentlich tiefere Strafe ausgesprochen worden?
Hansjakob: Das Gutachten wurde berücksichtigt.

Das Abfeuern von Böllern und das Werfen von Pyrofackeln sind in Fankreisen weitgehend verpönt…
Hansjakob: … zum Glück!

Es gab schon Fälle, in denen Anhänger von eigenen Fans verprügelt worden sind, weil sie Böller abgefeuert haben.
Hansjakob: Ich gehe davon aus, dass der überwiegende Teil der Fanszene Böller und Pyrowürfe nicht gut findet. Der betreffende FCSG-Fan gehört zu einer ganz kleinen Minderheit, die sich darüber hinwegsetzte – es war ihm egal, was seine Kollegen sagten. Auch dies dürfte bei der Strafzumessung eine Rolle gespielt haben.

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