Meinung

Ausländerkriminalität: Der Bürger und drei Affen

Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik Regionalmedien, zum Entscheid von Zürichs Polizeivorsteher Richard Wolff, dass die Polizei die Nationalität mutmasslicher Delinquenten nur noch auf Anfrage nennen darf.
12. November 2017, 07:57

Das Bild wird Konfuzius zugeschrieben, und es zeigt, wie man mit Unangenehmem umgehen kann. Drei Affen sind darauf zu sehen. Einer hält sich die Augen zu, der andere die Ohren, der dritte den Mund. Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen. Gewiss können die drei Affen im persönlichen Umgang mit anderen Personen zuweilen Vorbild sein: Man kann einmal einen Fünfer gerade sein lassen, über etwas Störendes hinwegsehen. Wer an der Welt nicht verzweifeln will, der besinnt sich zwangsläufig gelegentlich darauf.

Darf das auch der Staat? In gewissen Bereichen muss er: Sähe und hörte er alles, so würde er zum Überwachungsstaat. Und sagte er alles, was er weiss, so gefährdete er womöglich sich selber und die Bürger. Wann die drei Affen in Aktion treten dürfen und müssen, ist in einem Rechtsstaat indes nicht politischer Willkür unterworfen, sondern gehorcht Gesetzen und Regeln. Eine Regel heisst: Was er nicht aus zwingenden Gründen verschweigen muss, das hat der Staat dem Bürger mitzuteilen. Denn je besser der Bürger informiert ist, desto vernünftiger entscheidet er.

Zürichs Polizeivorsteher Richard Wolff sieht das anders. Er hat vergangene Woche entschieden, Infor­mationen systematisch zu unterschlagen. Nur noch, wenn ein Journalist nachfragt, soll die Polizei die Nationalität eines mutmass­lichen Delinquenten nennen. Sonst wird geschwiegen. In Wolffs Stadt soll man die Dinge also nicht mehr hören und sehen, wie sie sind. Die Nennungen der Nationalitäten, so sagt Wolff, könnte Vorurteile ­gegenüber Ausländern schüren. Wolff ist die Debatten um Ausländerkriminalität leid. Deshalb macht er den Bürger zum dreifachen Affen: Sieht er nichts und hört er nichts, so wird er dann wohl auch den Mund halten.

Wer so regiert, der hält wenig von der Urteilskraft seiner Bürger. Wolff glaubt offenbar, dass es in Zürich von undifferenzierten Rassisten nur so wimmelt. Er misstraut dem öffentlichen Diskurs so sehr, dass er auf volks­pädagogisch begründetes Schweigen setzt.

Ganze Bevölkerungsgruppen für einige Kriminelle in Sippenhaftung zu nehmen, ist falsch. Und falsch ist es auch, dass zwischen Pass und Delinquenz ein stringenter ursächlicher Zusammenhang bestünde. Fakt ist aber auch: Ausländer delinquieren im Durchschnitt weit häufiger als Schweizer, Angehörige gewisser Nationalitäten weit mehr als andere. Darüber darf und muss man reden – und, ja, auch politisch streiten. Man kann das auch den Zürchern zutrauen.

Indem Zürich die systematische Information abschafft, spielt es jenen in die Hände, die schon immer behaupteten, der Staat und die Medien wollten die Ausländerkriminalität unter den Teppich kehren. Die neue Regelung nützt damit der fremdenfeindlichen und schadet der sachlichen Debatte.

Welche Ironie! Durchaus gut meinend, liefert Antirassist Wolff den Fremdenfeinden also Munition. Wer das Volk zum Affen machen möchte, macht sich letztlich eben selber dazu.

Pascal Hollenstein


Leserkommentare

Anzeige: