Der Eierkocher der Nation wird 75

ALTBUNDESRAT ⋅ Adolf Ogi feiert morgen seinen 75. Geburtstag – und er ist auch über 15 Jahre nach seinem Rücktritt aus der Landesregierung noch ein gefragter Mann.
17. Juli 2017, 07:54

Adolf Ogi stand neben einem Tannenbäumchen im Schnee. Zu Beginn des Jahres 2000 war das, und als Bundespräsident war es seine Aufgabe, die Bevölkerung auf das neue Jahr einzustimmen. Ogi tat dies wie immer auf seine eigene Art, vor dem Portal des Lötschbergtunnels. Es schneite, war kalt, und er konnte den Text auf dem Teleprompter kaum lesen. Holprig sprach er dann über das Volk und das Tannenbäumchen: «Wir sind die Äste dieses Baums.» Als der damalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens das Video sah, wollte er auf die Ausstrahlung verzichten – doch Ogi beharrte darauf. Heute ist der Auftritt legendär.

Der Altbundesrat, der morgen seinen 75. Geburtstag feiert, kam mit seiner bodenständigen, humorvollen und teils eigenwilligen Art bei der Bevölkerung an. Unvergessen sind auch sein Fernsehauftritt, bei dem er einem Millionenpublikum erklärte, wie man sparsam Eier kocht, oder sein Ferngespräch mit dem Schweizer Astronauten Claude Nicollier, als er sein heute berühmtes «Freude herrscht!» ausrief. Ogi wurde zu einem der beliebtesten Bundesräte der letzten Jahrzehnte. Dabei war er ein politischer Quereinsteiger. Aufgewachsen ist er in Kandersteg, später absolvierte er die Handelsschule. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er in den 1970er-Jahren als Direktor des Schweizerischen Skiverbandes, als die Schweizer Sportler bei den Olympischen Winterspielen in Sapporo zehn Medaillen gewannen. Der Sport war Ogis Lebensschule: Man lerne zu gewinnen, ohne überheblich zu werden, sagte er einmal.

Erst 1978 trat Ogi der SVP bei und wurde bereits ein Jahr später in den Nationalrat gewählt. Ab 1988 amtete er in der Landesregierung. Dort wurde er zuerst Vorsteher des Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements und gleiste das Jahrhundertprojekt Neat auf. 1995 übernahm er das Militärdepartement, das er während seiner Zeit zum Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport umbaute und in dem er Reformen aufgleiste. Das Verhältnis zu seiner eigenen Partei war nicht immer rosig: Schon während seiner Zeit als Bundesrat gab es Spannungen, auch später kritisierte er immer wieder die Radikalität des Zürcher SVP-Flügels um Christoph Blocher. Doch Ogi blieb der Partei treu – auch nach der Abspaltung der BDP. Nach seinem Rücktritt als Bundesrat Ende 2000 wurde Ogi UNO-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Seinen traurigsten Tag erlebte er 2009, als sein Sohn Mathias im Alter von nur 35 Jahren an Krebs starb.

Der Altbundesrat ist auch heute noch ein gefragter Mann. Er erhält täglich Post aus der Bevölkerung, wird zu Veranstaltungen eingeladen. «Ich mache, was mir Freude bereitet, was mich fordert», sagte Ogi kürzlich in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten». Er trete gerne auf, rede gerne mit Studenten. Seinen Geburtstag feiert er aber im Kreis seiner Familie. Das Festmahl findet im Hotel statt, das von seiner Tochter Caroline und ihrem Mann geführt wird, wie er der «Glückspost» anvertraute. Unlängst erschien ein Buch, in dem Ogi von 75 Weggefährten gewürdigt wird – darunter sind Beiträge des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, des früheren britischen Premierministers Tony Blair und des Ex-SP-Nationalrats Jean Ziegler. Für Letzteren ist klar: «Adolf Ogi ist einer der wenigen grossen Staatsmänner der jüngeren Geschichte der Eid­genossenschaft.»

 

Michel Burtscher

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Der Alt-Bundesrat Adolf Ogi wird am Dienstag 75. Zur Feier des Tages zeigen wir einige Stationen aus seinem ereignisreichen Leben.

Video: Adolf Ogi wird 75

Adolf Ogi feiert morgen seinen 75. Geburtstag – und er ist auch über 15 Jahre nach seinem Rücktritt aus der Landesregierung noch ein gefragter Mann. (, )




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