Der lange Weg zur Integration

GLEICHSTELLUNG ⋅ Kinder mit einer Behinderung haben in der Schweiz Anspruch auf den Besuch einer Regelschule. Doch die Umsetzung der integrativen Schule ist eine Herausforderung – für die Kinder, Eltern, Lehrer und Schulen.
15. Mai 2017, 05:00

Michel Burtscher

Bereut hat Tamara Pabst den Entscheid nie, ihren Sohn Rishi in die Regelschule zu schicken. Er gehe gerne in die Schule, fühle sich dort wohl, sagt sie. Früher wäre der Fall klar gewesen, und der Knabe hätte eine Sonderschule besucht. Der Neunjährige aus Winterthur hat nämlich eine Beeinträchtigung: Trisomie 21, Down-Syndrom. Doch seit geraumer Zeit gilt in der Schweiz wie auch in an­deren Ländern das integrative Schul­modell. Die Idee dahinter: Alle Kinder – auch solche mit einer Behinderung, ­Verhaltensauffälligkeit oder Lernschwäche – gehen grundsätzlich zusammen in die gleichen Klassen in der Regelschule statt in eine Sonderschule oder in Kleinklassen.

Die integrative Schule ist eines der grossen Projekte, welche die hiesige Bildungslandschaft im Moment beschäftigen. Heute vor drei Jahren ist in der Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten, gemäss der die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem für Menschen mit Behinderungen auf allen Ebenen gewährleisten müssen. Ähnliche Bestimmungen enthalten auch das nationale Behindertengleichstellungsgesetz von 2004 sowie viele kantonale Schulgesetze. Wie hat sich die Situation diesbezüglich also entwickelt? «Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz recht gut unterwegs», sagt Peter Lienhard, Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. «Doch am Ziel sind wir noch lange nicht.»

Fortschritte an einigen Orten, Rückschritte an anderen

Den Fortschritt der Schweiz bei der integrativen Schule mit Zahlen zu erfassen, ist schwierig. Der Bund erhebt keine schweizweiten Statistiken dazu. Zu unterschiedlich sind die Modelle von Gemeinde zu Gemeinde, von Kanton zu Kanton. «An einigen Orten wurden in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht, an anderen sogar Rückschritte», bilanziert Heidi Lauper, Co-Geschäftsführerin des Behindertenverbandes Insieme.

Während die Kleinklassen heute grösstenteils verschwunden sind, liegt die Sonderschulquote je nach Region laut Professor Peter Lienhard noch in einer Spanne von rund 2 und bis 5 Prozent. «Da hat es noch Potenzial nach unten, wir könnten noch mehr integrieren», sagt er. Diese Meinung teilt auch Lauper. Für sie ist der Vorteil der integrativen Schule klar: «Der Besuch der Regelschule ist der beste Weg, damit Menschen mit einer Behinderung wirklich in die Gesellschaft integriert werden», sagt Lauper.

Widerstand von Lehrern und Eltern

Das klingt gut, doch die Integration hat auch ihre Schattenseiten. Lehrpersonen klagen über Überforderung, über unhaltbare Zustände. Medien haben im Zusammenhang mit der integrativen Schule schon vom «Schiffbruch einer schönen Idee» geschrieben. Kritisch wird die Situation vor allem dann, wenn zu viele Schüler mit einer Behinderung oder einer Verhaltensauffälligkeit in die gleiche Klasse gehen und es gleichzeitig nicht genügend Lehrpersonen und Sonderpädagogen hat, um sie auch zu betreuen. Es gibt denn auch immer wieder Widerstand von Lehrpersonen gegen die Integration, wie Lauper sagt. Vielen fehlt auch die Erfahrung im Umgang mit behinderten Kindern. Und auch bei den Eltern der normalbegabten Kinder gibt es teilweise Ängste. «Sie befürchten, dass das schulische Niveau leiden könnte», sagt Lienhard. Gegen dieses Argument wehrt er sich jedoch vehement: Wissenschaftliche Studien hätten ganz klar gezeigt, dass das nicht stimme, sagt er. Das betont auch Heidi Lauper von Insieme: «Gerade was die Sozialkompetenzen angeht, lernen die Kinder viel in der integrativen Schule.»

Die Experten anerkennen aber, dass es Herausforderungen gibt, der Druck auf die Lehrer teilweise zugenommen hat. Hier sieht Lienhard die Schulleitung in einer Schlüsselrolle: «Sie muss schauen, dass nicht zu viele Kinder mit einer Behinderung oder einer Verhaltensauffälligkeit in der gleichen Klasse sind», sagt er. «Und die Schulbehörde ihrerseits muss dafür besorgt sein, dass die Lehrerinnen und Lehrer wirksam unterstützt werden.» Diesen Punkt betont auch der Schweizerische Lehrerverband und warnt darum vor Sparübungen bei der Bildung (siehe «Nachgefragt»).

Scheu vor einer Behinderung abbauen

Beim neunjährigen Rishi war das alles kein Problem, wie seine Mutter erzählt. Von der Schule, dem Klassenlehrer und den Klassenkameraden sei er gut aufgenommen worden, sagt Pabst. Eine Heilpädagogin kümmert sich um seine Betreuung, während sich der Klassenlehrer grösstenteils den anderen Schülern widmen kann. Für Rishi hat sich die Integration gelohnt, ist seine Mutter überzeugt. «Er hört viel in der Klasse und hat darum sprachlich grosse Fortschritte gemacht», sagt sie. Doch auch Rishi hat zu kämpfen, wenn auch auf einer anderen Ebene: «Normale, neurotypische Kinder sind natürlich in allem viel schneller. Rishi ist manchmal überfordert und kann ab und zu unwirsch reagieren. Gespräche und Erklärungen beugen hier ­Missverständnissen vor», sagt Pabst. Es brauche Offenheit und immer wieder Aufklärung, um die Scheu vor einer Behinderung bei den Kindern und ihren Eltern abzubauen, sagt die Mutter.

Rishi kann theoretisch in der Regelschule bleiben bis zum Ende der Sekundarstufe. «Alle Lehrkräfte sind vorbereitet und wissen, dass ein Kind mit einer Behinderung zu ihnen kommt», sagt Pabst. Sie betont aber auch, dass sie die Situation jedes Jahr wieder neu beurteile. «Wenn ich merke, dass Rishi leidet, werde ich ihn auch wieder aus der Regelschule nehmen», sagt sie. Denn Pabst glaubt nicht, dass die integrative Schule für alle Kinder mit einer Behinderung die richtige Schulform ist. Professor Peter Lienhard sagt: «Eine Schule für alle ist ein wichtiges Ziel, das so rasch aber nicht umgesetzt sein wird.»


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