Der Roboter ist der neue Knecht

DIGITALISIERUNG DER LANDWIRTSCHAFT ⋅ Bislang war die Landwirtschaft von der Digitalisierung weniger betroffen als andere Branchen. Das könnte sich aber schon bald ändern: Die digitale Revolution in der Nahrungsmittelproduktion hat gerade erst begonnen.
08. August 2017, 20:34

Lukas Leuzinger

Auf den ersten Blick könnte man meinen, man befinde sich auf dem Mars. Die Maschine, die hier vorsichtig über ein Feld fährt, erinnert an den Roboter, mit dem die Nasa den Roten Planeten erforschte. Dieser Roboter hier geht allerdings einer – wenigstens auf den ersten Blick – weniger glorreichen Mission nach: Er vernichtet Unkraut. Eine Kamera, die vorne am Gefährt angebracht ist, erfasst den Boden, auf den die Maschine zufährt, ein Computer wertet die Bilder aus, erkennt Pflanzen und teilt sie in erwünschte – etwa Zwiebeln oder Bohnen – und unerwünschte Arten – Unkraut – ein. Um das Unerwünschte kümmern sich dann zwei bewegliche Arme, die unten am Roboter angebracht sind und das identifizierte Unkraut gezielt mit Herbiziden besprühen.

Kleinere Mengen an Chemikalien

Durch diese gezielte Behandlung sei eine bis zu zwanzigmal kleinere Menge an Chemikalien nötig, um das Feld vom Unkraut zu befreien, als mit den heute üblichen Methoden, sagt Claude Juriens. Er ist Business Development Manager bei der Firma Ecorobotix, die den Roboter entwickelt hat. Zugleich falle der Ernteertrag höher aus, weil die Nutzpflanzen keine Herbizide abbekämen – und das alles erst noch mit weniger Aufwand: Niemand müsse seinen Rücken mit ­Unkrautjäten belasten, niemand einen Traktor steuern. Bauern, die sich die Anschaffung eines solchen Geräts überlegen, müssen sich allerdings noch etwas gedulden. Noch testet das aus etwas mehr als zehn Angestellten bestehende Ecorobotix-Team das Produkt, versucht, die Genauigkeit bei der Unkrauterkennung zu verbessern und passt das «Auge» an andere Nutzpflanzen, etwa Zuckerrüben, an. 2019 soll der Roboter aber auf den Markt kommen und etwa 25000 Franken kosten.

Die Maschine ist eine von vielen Innovationen, die drauf und dran sind, die Landwirtschaft zu revolutionieren. Dort hat die Digitalisierung bislang weniger tiefe Spuren hinterlassen als in anderen Branchen. In den Ställen haben sich zwar Melkanlagen und Melkroboter sowie digital gesteuerte Fütterungsanlagen ausgebreitet. Auf dem Feld hingegen sind neue Technologien erst im Kommen, wie Martin Brugger vom Schweizerischen Bauernverband (SBV) sagt.

Sammeln von Daten als Herausforderung

Ein Anbieter auf diesem Gebiet ist Agricircle. Die in Rapperswil beheimatete Firma hat eine digitale Plattform entwickelt, die unter anderem Satellitendaten und Bilder von Drohnen auswertet und daraus Informationen generiert – etwa über den Stickstoffgehalt von Pflanzen oder den Zustand des Bodens. Peter Fröhlich, der das Unternehmen 2012 mitbegründet hat, sagt, die Digitalisierung stehe in der Nahrungsmittelproduktion noch ganz am Anfang. «Das, was es bis jetzt gibt, sind nur erste funktionierende Prototypen.»

Dass die Landwirtschaft anderen Branchen bisher hinterherhinkte, erklärt Eduardo Perez, Agrarwissenschafter an der ETH Zürich, damit, dass es im Agrarbereich technisch relativ schwierig sei, Informationen zu sammeln. Beispielsweise seien erst seit kurzer Zeit Drohnen mit Sensoren auf dem Markt, deren Leistung genüge, um Pflanzen richtig zu erfassen. Ebenfalls sei es eine Herausforderung, die Daten auszuwerten. In der Schweiz kommen als Hindernis noch die relativ kleinräumigen Strukturen in der Landwirtschaft hinzu. Dadurch sind die Hürden für Investitionen in neue Technologien höher. Das merkt auch Agri­circle: Das Schweizer Unternehmen hat bislang seine Kunden nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland sowie Mittel- und Osteuropa. Für die dortigen Betriebe, die Flächen von mehreren hundert Hektaren bewirtschaften, lohnt sich der Einsatz der Plattform im Gegensatz zu den sehr viel kleineren Bauernbetrieben in der Schweiz.

Langfristig sieht Fröhlich die Grösse des Betriebs aber nicht als entscheidenden Faktor, um einen Nutzen aus der Digitalisierung zu gewinnen. «Die Hauptkosten eines Bauernbetriebs sind heute grosse Maschinen und die menschliche Arbeitskraft», sagt er. In Zukunft würden auf den Feldern kleinere und günstigere Maschinen unterwegs sein, die ohne menschliche Bedienung funktionierten. «Kleine, vielfältige Betriebe könnten künftig sogar im Vorteil sein, weil der Kunde bereit ist, für diese Form der Landwirtschaft mehr zu bezahlen», glaubt Fröhlich.

Neue Formen der Zusammenarbeit

Martin Brugger kann sich vorstellen, dass Bauern neue Formen der Zusammenarbeit finden werden. Dass die Digitalisierung auch in der Landwirtschaft grosses Potenzial hat, davon ist er überzeugt. Brugger nennt insbesondere die bessere Nutzung von Informationen: Es gebe zum Beispiel Versuche, die Milchmenge von Kühen zusammen mit Futteraufnahme, Bewegung im Stall und Verdauung zu analysieren. So könne man herausfinden, warum eine Kuh plötzlich weniger Milch gebe, und dann die Zusammensetzung ihres Futters entsprechend anpassen.

Für die Bauern bedeutet das, dass sie weniger mit Handarbeit und mehr mit Management-Aufgaben beschäftigt sein werden. Nach Bruggers Erfahrung stehen die meisten Landwirte Neuerungen offen gegenüber – sofern sie einen Nutzen darin sehen. «Die Bauern erhoffen sich von der Digitalisierung vor allem eine Reduktion des administrativen Aufwands: dass sie Daten nicht mehr manuell erheben und in Formularen eintragen müssen, sondern automatisiert sammeln können.»

Doch nicht nur die Bauern, auch die Konsumenten könnten von der Digitalisierung profitieren. Mit neuen Technologien ist es möglich, die Produktion von Lebensmitteln transparenter zu machen. Damit werde ein wichtiges Bedürfnis der Gesellschaft befriedigt, sagt Eduardo ­Perez. Zudem haben Konsumenten ein Interesse an gesunden und nachhaltig produzierten Produkten. Dazu kann der effiziente Einsatz von Dünger und Pestiziden einen Beitrag leisten, den die neuen Technologien ermöglichen.

Gesünder und bewusster einkaufen

Peter Fröhlich glaubt, dass neue Anwendungen uns helfen werden, unser Einkaufsverhalten zu optimieren, beispielsweise indem sie registrieren, was wir zu Hause noch im Kühlschrank haben, und Vorschläge machen, was und wie viel wir kaufen. «So könnten wir vermeiden, Dinge zu kaufen, die wir nachher wegwerfen.» Das ist nicht nur gut fürs Portemonnaie, sondern laut Fröhlich aus ökologischen Gründen dringend nötig: Heute landen 40 Prozent der Lebensmittel im Abfall.

Diese Möglichkeiten würden in der Schweiz zu wenig gesehen, findet Fröhlich. «Sowohl die Politik als auch die Bauern unterschätzen komplett, was auf uns zukommt.» Es fehle eine Vision für die Landwirtschaft. Der Unternehmer fordert, dass die Politik den digitalen Wandel mitgestaltet – etwa indem der Bund Subventionen statt in extensive Produktion in effiziente Technologien investiert. «Dadurch könnte die Umwelt geschont werden, ohne dass die Erträge geschmälert werden.» Stattdessen fokussiere die Politik vor allem auf die Verwaltung des Status quo.


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