«Gangster brauchen gleiche Fähigkeiten zum Erfolg wie Manager»

LEBENSGESCHICHTE ⋅ Bevor Valentin Landmann Gangster verteidigte, wollte er Professor werden. Im Interview spricht er über den erdrückenden Ehrgeiz seiner Mutter. Und er erklärt, warum er seine Biografie noch nicht fertiggelesen hat.
14. Mai 2017, 17:21

Michael Genova

Wieder einmal geben sich die Journalisten bei Valentin Landmann die Türfalle in die Hand. Diesmal interessieren sie sich für den Schweizer Spion Daniel M. , der seit zwei Wochen Schlagzeilen macht. Später will der deutsche Sender ARD den Strafverteidiger zu seinem Klienten befragen. Landmann trägt ein blaues Jackett mit Goldknöpfen, dazu eine Uhrenkrawatte – sein Markenzeichen. Auf dem Tisch steht ein Totenschädel, in dem Visitenkarten stecken.

Valentin Landmann, Sie verteidigen Hells Angels, Prostituierte und Spione. Wann haben Sie sich zuletzt in einem Menschen getäuscht?

Das kommt natürlich laufend vor. Ich habe einmal einen jungen Mann verteidigt, dem vorgeworfen wurde, auf einen Mann geschossen zu haben. Ich hatte den Eindruck, dass er es nicht gewesen sein konnte – im Gegensatz zum Bundesgericht. Später besuchte ich ihn in der Strafanstalt Pöschwies und sagte ihm, es tue mir leid, dass ich nicht mehr erreichen konnte. Da lachte er und sagte: Machen Sie sich keine Sorgen, ich war es ja.

Und wie haben Sie darauf reagiert?

Ich musste es zur Kenntnis nehmen. Es war jedoch nicht falsch, sich zu engagieren. Denn nach damaliger Beweislage musste man sagen: Es ist eigentlich nicht nachgewiesen. Und wenn das so ist, ist es meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, mich einzusetzen.

Kürzlich ist ihre Biografie erschienen. Wie kommt Ihnen Ihre Lebensgeschichte im Rückblick vor?

Wie ein fantastischer Krimi. Ich habe die Biografie aber noch nicht ganz gelesen. Es gibt einige Passagen, die mich massiv berühren. Erlebnisse aus der Kindheit, aber auch Episoden aus dem späteren Leben. Ich habe meinem Biografen Manfred Schlapp jedoch gesagt, dass er über alles schreiben dürfe. Anders geht es nicht.

Sie sind in St. Gallen in einer Villa am Rosenberg aufgewachsen. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?

Meine Mutter und meine Grossmutter haben sich enorm um mich gekümmert. Aber, jetzt kommt das Aber. Meine Mutter war Schriftstellerin, deshalb gingen viele Literaten und Philosophen in unserem Haus ein und aus. Viele Erzählungen handelten von Toten oder von Familien, die wegen der Naziverbrechen auseinandergerissen wurden. Der Tod war bei uns zu Hause ein ständiger Begleiter. Wahrscheinlich realisierten sie nicht, wie viel ein Kind, das unter dem Tisch mit Autos spielte, davon bereits mitbekam.

Über den kleinen Valentin heisst es in der Biografie: «Er funktionierte, wie ein gut geölter Roboter.»

Es gab ein gewisses Entsetzen, wenn ich mich wie ein Kind verhielt. Doch ich mache meiner Mutter keinen Vorwurf. Sie hatte einen stark leistungsorientierten Anspruch und sagte: Was man einmal gelernt hat, das kann einem niemand mehr wegnehmen. Das Lesen habe ich mir schon vor Schuleintritt zum Teil selber beigebracht. Ich war ein stilles Kind, habe praktisch nie geschrien. Das ist seltsam. Heute würde man die Kesb rufen, wenn ein Kind nicht schreit.

Waren Sie einsam?

Ich war oft alleine. Natürlich hatte ich meine Mutter und meine Grossmutter um mich herum. Mein Vater war Professor in Berlin und häufig abwesend. In der Schule war ich ein Aussenseiter. Ich sprach damals Hochdeutsch und war rundlich. Und ich habe viel gelernt. Das macht einen nicht sonderlich beliebt in der Schule.

Später haben Sie im Eiltempo studiert.

Mein Jusstudium an der Universität Zürich habe ich in der Minimalzeit abgeschlossen. Kurz danach habe ich auch meinen Doktortitel erhalten. Ich ging dann ans Max-Planck-Institut in Hamburg, um meine Habilitation fertigzustellen. Es war wunderbar, dort zu arbeiten. Ich begegnete Professoren aus der ganzen Welt.

Sie waren auf dem besten Weg, selbst Professor zu werden. Was geschah dann?

Ich habe meine Habilitation geschreddert, mit allen Zusatzzetteln.

Hatte Sie der Wahnsinn gepackt?

Genauso reagierte auch mein damaliger Professor, bei dem ich die Habilitation abgeben sollte. Er sagte: «Landmann, Sie sind wahnsinnig geworden.»

Warum haben Sie das getan?

Ich beschäftigte mich damals mit den Feinheiten der Produktehaftung. Mich interessierte, wie man eine Haftung ausgestalten muss, damit ökonomisch ein Anreiz entsteht, um bessere Produkte herzustellen. In dieser Zeit interessierte mich aber auch folgende Frage: Was tun Gruppierungen, die nicht mit jedem Problem zum Richter rennen können, wie setzen sie ihr Recht durch?

Und so kamen Sie in Kontakt mit den Hells Angels?

Das war ein Zufall. Ich fragte im Max-Planck-Institut nach, wo ich in Hamburg Gangster finden könne. Ein Kollege sagte mir: «Die ganz Bösen sind die Hells Angels». So klopfte ich eines Tages beim Hauptquartier der Hells Angels an. Ein Rübezahl mit roten Haaren öffnete die Türe und ich fragte ihn: «Sind Sie ein Gangster?» Zu meiner Überraschung bat er mich herein und bot mir einen Drink an.

Was faszinierte Sie an den Hells Angels?

Vielleicht haben sie das verkörpert, was ich immer gerne gewesen wäre. Der Starke, der sich gegen die Konventionen wehrt und auf seinem Motorrad mit einer wunderhübschen Braut durch die Gegend braust.

Warum verteidigten Sie später den Motorradclub gegen die Verfolgung durch den Staat?

1983 ging in Hamburg und Zürich die grosse Jagd auf die Hells Angels los. Der Staat wollte die organisierte Kriminalität bekämpfen, doch es war eine Alibiübung. Mir wurde klar, dass die Hells Angels keine kriminelle Organisation waren. Natürlich kann mal etwas passieren. Wenn ein Hells Angel etwas anstellt, soll er genauso bestraft werden wie alle anderen.

Sie haben einmal gesagt, dass begabte Gangster auch gute Unternehmer wären. Wie meinen Sie das?

Was brauchen Sie, um ein guter Unternehmer zu werden? Sie brauchen Führungsqualitäten, Intelligenz, Sachkenntnisse, eine gewisse Brutalität im Vorgehen. Welche Fähigkeiten braucht ein Gangster zum Erfolg? Eigentlich genau die gleichen wie der Spitzenmanager. Meine Theorie war: Wenn Menschen in der Oberwelt etwas erreichen können, dann haben sie keinen Bedarf mehr für die Unterwelt.

Anfang der 1990er-Jahre wollten Sie einem Drogenhändler helfen, in der bürgerlichen Welt Fuss zu fassen. Was lief schief?

Ich wollte dem Mann beim Aufbau eines Renovierungsunternehmen helfen. Ich ging in den Verwaltungsrat seiner Firma und erhielt dafür ein symbolisches Honorar – es wurden die teuersten 2000 Franken meines Lebens. Der Mann war durch einen Kumpel in den Kokainhandel hineingeraten. Das habe ich nicht mitbekommen. Das Gericht hat später festgestellt, dass ich von den Drogen nichts wusste, und keinen Rappen illegal verdient habe. Trotzdem wurde ich ­wegen eventualvorsätzlicher Geldwäscherei verurteilt, denn ich war betriebsblind.

Warum haben Sie nichts bemerkt?

Ich habe damals viel gearbeitet. Meine Beziehungen sind immer wieder daran zerbrochen. Ich habe mich völlig in meinen Beruf hineingesteigert. Dazu kommt: Ich wollte unbedingt meine Resozialisierungstheorie beweisen. Es ist ein grosser Fehler, wenn man meint, man müsse an Menschen Theorien ausprobieren.

Was ist aus dem schüchternen Buben von damals geworden?

Nachdem ich aus Hamburg zurückkehrt war, bin ich eine Zeit lang mit schwerer Lederjacke aufgetreten. Bis mir die Angels sagten: Du musst dich nicht anpassen, wir haben dich gerne, so, wie du bist. Heute habe ich meinen eigenen Stil gefunden, mit meiner Uhrenkrawatte und dem silbernen Totenkopf, Symbolen für die Lebenszeit. Jonny, ein Gründungsmitglied der Schweizer Hells Angels, sagte mir einmal: «Wir müssen keine Angst vor dem Tod haben, nur davor, nicht wirklich gelebt zu haben.»

Manfred Schlapp: Valentin Landmann und die Panzerknacker. Offizin-Verlag, Zürich 2017, 280 Seiten, 29 Franken.


3 Leserkommentare

Anzeige: