Jäger setzt sich für den Wolf ein – und bekam Morddrohungen

HOCHJAGD ⋅ Peter Imboden ist einer von 2400 Jägern im Wallis, die dieses Jahr insgesamt 5200 Tiere auf der Hochjagd erlegt haben. Was ihn von seinen Jagdkollegen unterscheidet, ist die Sympathie für den Wolf.
27. Dezember 2017, 07:29

Stefan Borkert

5.15 Uhr im Walliser Val d’Anniviers auf 2000 Metern Höhe. Es ist noch stockdunkel an diesem späten Septembermorgen. Plötzlich steht Peter Imboden da, das Gewehr geschultert, den Rucksack fixfertig gepackt. Worte werden wenige gewechselt. Die Jagd ist ein stilles Geschäft. Zuerst Ansitzen über der Baumgrenze und dann Pirsch steht auf dem Programm. Am Nachmittag wird er die Talseite wechseln und zu seinen Kollegen auf die Jagdhütte steigen. «Das gibt wieder lebhafte Diskussionen», sagt er später beim Mittagessen in Chandolin, denn Peter Imboden ist eine sehr seltene Spezies Jäger im Wallis. Er findet, dass der Wolf seinen Platz in der Schweiz und auch in seiner Heimat, dem Wallis, hat: «Für mich ist der Wolf kein Konkurrent.» Im Gegenteil: «Der Wolf ist ein faszinierendes Tier. Er ist Teil der Biodiversität. Er gehört hierher. Er ist von alleine zurückgekommen und nun soll er auch bleiben dürfen», sagt er.

Sicher, früher war er gegen den Wolf wie praktisch alle Jäger auch. Doch dann lernte er in den USA im Yellowstone-Nationalpark die Wölfe erstmals richtig kennen. Verantwortlich dafür war nicht nur die Liebe des Jägers zur Natur, sondern auch seine Lebensgefährtin und unter anderem diplomierte Swiss Rangerin Claudia Müller, die ihm die Wölfe näherbringen wollte. Keine Frage, das hat die Therapiebegleithunde-Führerin aus dem Schwabenland geschafft. «Diese Tour hat mir die Augen geöffnet», sagt Peter und fährt fort: «Das Zusammenleben mit den Grossraubtieren, also Wolf, Bär und Luchs, kann funktionieren. Davon bin ich überzeugt. Ich sehe das als Chance an.»

Freundschaften auf dem Prüfstand und Morddrohungen erhalten

Peter ist keiner, der mit seiner Meinung hinterm Berg hält. Offensiv vertritt er seine Überzeugungen, auch wenn das unbequem sein kann. Wegen seiner Wolfsansichten hat er verbale Morddrohungen bekommen und jahrelange Freundschaften drohten zu zerbrechen. Anfeindungen gibt es immer noch und Diskussionen mit den Jagdfreunden. Und doch sind auch Freundschaften geblieben, war die Freundschaft untereinander wichtiger als die Meinung zu einem einzelnen Thema, auch wenn es sich um das hochemotionale Thema Wolf handelt. In der Augstbordregion habe man vor 150 Jahren den letzten Wolf geschossen und dort habe er sich nun als erstes wieder niedergelassen. «Also dem Wolf passt es hier», sagt er. Die Zukunft der Wolfsfamilie in der Augstbordregion ist allerdings ungewiss. Peter hegt den Verdacht, dass klammheimlich, mit Duldung der Wildhut, Jagd auf die Wölfe gemacht wird. «Solche Sachen werden einfach totgeschwiegen und fertig. Das ist meine persönliche Meinung. Mit solchen Aussagen mache ich mir keine Freunde», weiss er genau. Doch der gelernte Bäcker ist seit 17 Jahren Jäger und war selber 12 Jahre lang Hilfswildhüter. Diesen Schein hat er allerdings aus Protest zurückgegeben, weil die Behörden die Wolfswilderei duldeten. Vor Kurzem hat er alle Module für Rangerprüfung bei den Swissrangers absolviert. Die Abschlussprüfung folgt Ende März 2018. Gerne führt er Gruppen auf Exkursionen, wie vor kurzem eine Gruppe Mitarbeiter vom Tierpark Goldau. Gerade auch Jugendlichen bringt er die Berge, die Natur und im Speziellen das Thema Wolf nahe.

Illegale Wolfsabschüsse im Wallis, kehrt er zum Thema zurück, seien bisher ohne Konsequenzen für den Wilderer geblieben. «Man weiss, wer es war, aber es ist schwer, das nachzuweisen.» Man könne das mit den heutigen Methoden sicher leisten – wenn man wolle. Erst im Februar ist im Val d’Anniviers wieder illegal eine Wölfin erschossen worden. Doch die Zeiten könnten sich auch im Wallis ändern. Tatsächlich kommt nächstes Frühjahr ein Fall aus dem Jahr 2016 vor Gericht. Vor dem Bezirksgericht Brig ist ein Wilderer angeklagt, der im März 2016 am Rhôneufer einen Wolf illegal erschossen haben soll.

Bis zur Schussabgabe muss viel stimmen

Der Marsch zum Ansitz führt unterdessen steil den Berg hinauf. Der Jägerpfad ist kaum sichtbar. Nach mehr als 500 Höhenmetern wird der Posten oberhalb einer verfallenen Hütte eingerichtet. Mit dem Feldstecher lässt sich der ganze Hang bestreichen. Langsam beginnt die Dämmerung und die Tierwelt erwacht. Ein Birkhahn ruft. Unvermittelt steigt die Spannung. Ein Rehbock zeigt sich steil am Hang beim Äsen. Peter nimmt den Entfernungsmesser zur Hand und blickt immer wieder durch sein Jagdglas. Ansprechen heisst das in der Jägersprache. Das Wild wird dabei präzise beobachtet, beurteilt und identifiziert. Bis es zu einer Schussabgabe kommt, muss viel zusammenpassen. Die Entfernung muss stimmen. Das Licht muss stimmen. Der Jäger muss verantwortungsvoll wissen, ob er einen sicheren tödlichen Schuss abgeben kann. Und schliesslich muss auch der Abtransport geklärt sein. Im steilen Gelände kann das grossen Aufwand bedeuten. Viele Jagdausflüge enden deshalb ohne Beute. Auch der Rehbock ist heute noch einmal davongekommen, da er auf der Hochjagd nicht jagdbar ist.

Verantwortung gegenüber dem Tier und der Natur ist Peter wichtig. So lässt er später auf der Pirsch einen prächtigen Fuchs mit dickem Winterfell am Leben, obwohl er ihn hätte leicht erlegen können. «Man muss der Natur auch etwas lassen können», erklärt er bei einem Becher heissem Tee aus der Thermoskanne. Die Pirsch ist eine kontemplative Angelegenheit. Kein Ästchen darf unter den Bergschuhen knacken. Das Gewehr ist im Anschlag. Alle Sinne sind angespannt. Doch die Tiere zeigen sich heute nicht. Eine Schleifspur auf einem steilen Pfad, der ins Tal führt, zeigt: hier war kurz zuvor schon ein anderer erfolgreich.

 

Was tun, wenn ich einem Wolf begegne?

Wölfe leben in Familienverbänden. Wenn man überhaupt einen Wolf in freier Natur sieht, dann ist das häufig ein neugieriger Jungwolf. Meist dauert eine solche Begegnung nur Sekunden, der Wolf dreht ab und verschwindet. Etliche vermeintliche Wolfsbegegnungen stellen sich später als Hundebegegnungen heraus.

Unter Wolfsexperten und vor allem Freilandforschern ist man sich einig, dass Wölfe für den Menschen grundsätzlich nicht gefährlich sind. Wenn man tatsächlich einem Wolf in freier Natur begegnet, dann sollte man sich selbstbewusst verhalten, sich gross machen, eventuell in die Hände klatschen und laut rufen. Wenn man sich das nicht getraut, dann sollte man sich langsam zurückziehen, aber keinesfalls davonrennen. Hunde sollten im Kerngebiet der Wolfsfamilie angeleint werden. (bor)


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