Die Ärzte schlagen Alarm

GESUNDHEIT ⋅ Die Zeit für die Grundkonsultation wird bei allen Ärzten grundsätzlich auf 20 Minuten beschränkt. Das hat der Bundesrat entschieden. Mediziner und Parlamentarier werfen ihm widersprüchliche Politik vor.
07. Oktober 2017, 05:00

Michel Burtscher

Es ist einer der umstrittensten Punkte des bundesrätlichen Eingriffs in den Ärztetarif Tarmed: Künftig soll die Zeit für die Grundkonsultation bei allen Ärzten auf 20 Minuten beschränkt werden. Für kleine Kinder und ältere Menschen beträgt die Grenze 30 Minuten. Der Bundesrat wird die Verordnung über die Tarmed-Anpassung noch in diesem Monat formell verabschieden, am 1. Januar 2018 soll sie in Kraft treten (siehe Kasten).

Die Zeitlimitation sorgt bei den Ärzten jedoch für Unmut. Eine solche Beschränkung gibt es für die meisten von ihnen heute de facto nicht. Die Ärzteschaft warnt: «Die Qualität der medizinischen Betreuung wird sinken, weil wir nicht mehr genug Zeit haben für das Gespräch mit dem Patienten», sagt Michael Andor, Facharzt für Rheumatologie in Zürich und Sprecher von SOS Santé, der Allianz für Versorgungssicherheit in der ambulanten Medizin. «Wenn man herausfinden will, was ein Patient hat und welche Behandlung ideal ist, dann muss man genug Zeit haben, um mit ihm zu sprechen», sagt er. «Und man muss auch genug Zeit haben, um allfällige Fragen zu beantworten und auf Ängste einzugehen.»

Mit einem sorgfältig geführten Gespräch könnten zudem zusätzliche Arztbesuche sowie überflüssige Untersuchungen verhindert und damit im Endeffekt Kosten gespart werden, sagt Andor. Er findet das Vorgehen der Politik «widersprüchlich»: So werde immer betont, dass man den ambulanten Bereich stärken wolle und wegkommen müsse von der «teuren Apparatemedizin», sagt er. «Mit solchen Massnahmen schwächt der Bundesrat die ambulante Medizin jedoch.»

Ständerat ortet Widerspruch

Die Landesregierung muss sich auch kritischen Fragen aus dem Parlament stellen. Der FDP-Ständerat und ehemalige Zuger Gesundheitsdirektor Joachim Eder hat kürzlich eine Interpellation eingereicht. Für ihn ist die Zeitlimitation ein Widerspruch zu anderen gesundheitspolitischen Zielen des Bundes. Eder verweist auf die nationale Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Ein Ziel dieser Strategie ist es, Präventionsleistungen zu fördern und zu finanzieren. So sollen nichtübertragbare Krankheiten vermindert und Kosten reduziert werden. «Mit einer Zeitlimitation wird die Handlungsfähigkeit der Ärzte jedoch stark eingeschränkt», so Eder. Denn die ärztliche Präventionsleistung sei integraler Bestandteil der Grundkonsultation. «Mit der neuen Regelung wird die Zeit für den Dialog und das wichtige Gespräch über präventive Massnahmen knapp, oder sie fehlt gänzlich», befürchtet Eder.

Bund weist Kritik zurück

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beschwichtigt: Die Limitation des Patientengesprächs gibt es laut Sprecher Andrea Arcidiacono bereits seit der Einführung des Tarmed im Jahr 2004. Sie resultierte aus den Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern. Als Anreiz für die Etablierung der elektronischen Abrechnung, die inzwischen Standard ist, sei sie für elektronisch abrechnende Ärzte damals aber ausgesetzt worden. Das BAG betont zudem, dass der Arzt-Patienten-Kontakt auch künftig nicht auf 20 beziehungsweise 30 Minuten Konsultation beschränkt sei. Ärzte hätten für spezifische Beratungsleistungen, welche über die normale Konsultation hinausgehen, weitere Abrechnungspositionen im Tarmed zur Verfügung. Zudem gebe es Ausnahmeregelungen, damit die Konsultation bei gewissen Patienten, wie etwa solchen mit komplexen Krebserkrankungen, nach Absprache mit den Versicherern ebenfalls verlängert werden könne.

Mit dieser Antwort ist Michael Andor von «SOS Santé» indes nicht zufrieden: Die viel zitierten Ausnahmeregelungen seien ein administratives Monster, sagt er: «Nicht vorzustellen, wie viele Briefe pro Tag an die Krankenkassen geschrieben werden müssten.»


Leserkommentare

Anzeige: