Carla del Ponte: Die frustrierte Schlangenjägerin

KOPF DES TAGES ⋅ Die Tessinerin tritt aus der UN-Untersuchungskommission für Syrien aus. Ist das ihre persönliche Kapitulation im Kampf für mehr Gerechtigkeit?
08. August 2017, 07:06

Am Ende ihrer Karriere war Carla Del Ponte Botschafterin der Schweiz in Argentinien. Doch eine Diplomatin ist die ehemalige Bundesanwältin und Chefanklägerin am UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nie geworden. Sie liebt die klaren Worte. Und auch im Alter von jetzt 70 Jahren – sie lebt mittlerweile wieder in ihrem Heimatkanton Tessin – spricht sie Klartext.

So geschehen auch am Sonntag, als sie im Rahmen des Filmfestivals Locarno ihren Rücktritt aus der UN-Untersuchungskommission für Syrien ankündigte. Sie wolle die «Alibiübung» abbrechen. Sie sehe derzeit «keinen politischen Willen» zur Unterstützung des Gremiums. Damit verlässt Del Ponte eine Kommission, die ihr in den letzten Jahren und nach ihrer Pensionierung nochmals internationale Aufmerksamkeit garantierte. Immer wieder hatte sie seit 2012 die Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten in Syrien kritisiert.

Wenn Del Ponte den Bettel hinschmeisst, ist es ernst, auch wenn ihre Kritik an der Nutzlosigkeit der Kommission nicht von allen Seiten geteilt wird. Die frühere Tessiner Staatsanwältin könnte sich ein erneutes Syrien-Engagement nur unter einer Bedingung vorstellen: «Wenn ich eine Anfrage als Anklägerin für ein Kriegsverbrechertribunal hätte.» Verbrecher zu jagen, das ist ihre Mission. Dieser Jagdinstinkt war früh ausgeprägt. Da wohnte sie noch in Bignasco im Maggiatal. «Schon als Kind jagte ich Schlangen», schrieb del Ponte 2009 in ihrem Buch «Im Namen der Anklage». Später jagte sie mit ihrem Porsche 911 SC durchs Tal, vor allem aber setzte sie als Staatsanwältin Exponenten der Mafia nach. Als Ermittlerin war sie in ihrem Element, als Scheidungsanwältin hatte sie sich gelangweilt.

Ihre Ermittlungslust war nicht immer von Erfolg gekrönt. Ihre Aktivität als Bundesanwältin von 1994 bis 1999 hinterliess kaum Spuren. In Erinnerung geblieben sind überdimensionierte Razzien in Zeitungsredaktionen. Als Chefanklägerin der Strafgerichtshöfe für Ruanda und Ex-Jugoslawien gerät sie ins internationale Scheinwerferlicht. Als sie Ende 2007 zurücktritt, sind beim Tribunal für Ex-Jugoslawien 161 Personen angeklagt und 94 verurteilt worden. Doch einige ganz grosse Fische sind ihr durchs Netz gegangen. Sie prangert eine «Mauer des Schweigens» an.

«Bis heute bin ich eher Schlangenjägerin als Rechtswissenschafterin», sagte sie damals. Ihre Augen sähen mehr schwarz und weiss als grau. Doch sie hält es für einen Vorzug: «Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich mich durchzusetzen versuche.»

Das tat sie auch am Sonntag nochmals mit einer spitzen Bemerkung gegen die ehemalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey: «Um einen Termin mit ihr zu bekommen, musste ich gut drei Monate warten, während mich der französische Staatspräsident Jacques Chirac innerhalb von einer Woche empfangen hat – mit Handkuss: ein echter Gentleman.»

 

Gerhard Lob


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