Kopf des Tages

Die Galionsfigur geht

Martin Bäumle hat die GLP vor zehn Jahren mitgegründet. Nach dem Aufstieg ging es zuletzt bergab. Nun gibt der 52-Jährige das Parteipräsidium ab.
20. Mai 2017, 04:41

Wohl keine Schweizer Partei wird derart stark mit ihrem Präsidenten verbunden wie die Grünliberalen. Dass diese Fokussierung auf seine Person auch Gefahren birgt, musste Martin Bäumle vor drei Jahren erfahren. Der Zürcher erlitt einen Herzinfarkt, es war ein überdeutliches Warnsignal des Körpers. Bäumle reagierte, nahm sich etwas zurück und schob Parteikollegen stärker ins Rampenlicht. Vor einem Jahr sagte er der NZZ, die gesundheitlichen Probleme wären «möglicherweise ein günstiger Zeitpunkt gewesen», das GLP-Präsidium abzugeben. Hätte er dies getan, seine Präsidentschaft wäre eine Erfolgsgeschichte.

Die Grünliberale Partei entstand 2004 als Produkt eines Richtungsstreits innerhalb der Zürcher Grünen, drei Jahre später wurde die nationale Partei aus der Taufe gehoben, Bäumle war der Gründungspräsident. 2011 konnte sich die GLP zusammen mit der BDP als Wahlsiegerin feiern lassen, es war die Rede von der «neuen Mitte». Dann begann der Motor zu stottern. Mit ihrer ersten Volksinitiative, welche die Mehrwertsteuer durch eine Energiesteuer ersetzen wollte, ging die GLP spektakulär unter. Bei den Wahlen 2015 schrumpfte die Fraktion um die Hälfte, beide Ständeratssitze gingen verloren. Bäumle selber scheiterte mit seiner Kandidatur für die kleine Kammer.

Nun wollte der Präsident die Leitung der Partei erst recht nicht in neue Hände legen.«In dieser stürmischen Zeit braucht es den Kapitän an Bord», sagte Bäumle, bevor er sich im April vor einem Jahr an der Parteispitze bestätigen liess. Doch die See blieb unruhig: Im vergangenen Sommer wurde Bäumle vom Bezirksgericht Uster wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt. Er hatte in seiner Funktion als Stadtrat von Dübendorf einem Journalisten Kopien von Betreibungs­registerauszügen weitergegeben. Im Juni wird der Fall vor dem Zürcher Obergericht verhandelt. Jetzt hat sich der 52-Jährige doch noch zum Rücktritt entschlossen. «Es ist der richtige Zeitpunkt für die Partei, aber auch für mich.» Bäumle gibt das Amt im Sommer ab, dann feiert seine Partei ihren zehnten Geburtstag. Eine Partei, die sich zuletzt verstärkt über ihre gesellschaftspolitische Offenheit definiert hat. Die «Ehe für alle» ist derzeit eines ihrer wichtigsten Projekte.

Der Atmosphärenwissenschaftler Bäumle ist ein Zahlenmensch. Aber auch einer, der bunte Geschichten liefert. Ja, er habe seine Frau in einem Dübendorfer Tabledance-Club kennen und lieben gelernt, sagte er vor Jahren offenherzig. Vor Jahresfrist trauerte er öffentlich um seinen Kater Pasha. Er sei und bleibe ein «animal politique», sagte Bäumle gestern. Sein Nationalratsmandat, das er seit 2003 innehat, will er denn auch behalten. Eine Kandidatur bei den Zürcher Regierungsratswahlen 2019 schliesst er nicht aus.

Und sonst? Er sei in einem Alter, in dem er noch neue Herausforderungen anpacken könne, so Bäumle. «Zum Beispiel etwas in der Wirtschaft oder wieder mehr Privatleben, mehr Abende daheim, da gibt es unzählige Möglichkeiten.»

 

Tobias Bär


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