Die Gegenspielerin der SVP beim Islam

Die grüne Aargauer Islamwissenschafterin Irène Kälin rückt in der Wintersession in den Nationalrat nach. Sie hat bereits angekündigt, sich in die Islamdebatte einzubringen.
13. November 2017, 07:40

SVP beim Islam

Eigentlich wäre Irène Kälin gerne auf andere Weise Nationalrätin geworden. Aber nun ist es, wie es ist – Inschallah! Die 30-jährige Islam- und Religionswissenschafterin aus dem Aargau ersetzt ab der Wintersession den zurückgetretenen Grünen Jonas Fricker, der über einen missglückten Holocaust-Vergleich stolperte.

Der Kanton Aargau ist inzwischen bekannt dafür, dass er prononciert politisierende Leute nach Bern schickt. Cédric Wermuth (SP) auf der linken und Andreas Glarner (SVP) auf der rechten Seite sind zwei Beispiele dafür. Mit Irène Kälin kommt nun eine weitere Person mit einem solchen Profil dazu. Kälin gibt sich gerne forsch, und seinerzeit, im Nationalratswahlkampf, vermeldete die Lenzburgerin nicht ohne Stolz, dass sie von der Informations- und Diskussionsplattform Vimentis als linkeste aller Aargauer Kandidaten für den Nationalrat geführt werde.

Umweltaktivistin und Feministin Irène Kälin war schon Gewerkschaftssekretärin bei der Unia Aargau und ist heute Präsidentin der Aargauer Dachorganisation der Arbeitnehmenden. Seit 2010 sitzt sie im Aargauer Kantonsparlament und stieg dort bereits nach drei Jahren zur Co-Fraktionspräsidentin der Grünen auf. Auch Vizepräsidentin der Grünen Schweiz war sie bereits schon. Bei den letzten Wahlen ins eidgenössische Parlament kandidierte Kälin sowohl für den Stände- als auch für den Nationalrat. In beiden Bereichen indes ohne Erfolg: Obwohl auf dem ersten Listenplatz der Grünen, zogen ihr die Wähler Jonas Fricker vor. Nun rückt sie für ihn nach.

Noch vor ihrer Vereidigung gibt die junge Grüne, die in der Partei als Hoffnungsträgerin gilt, schon mal den Tarif durch: Die SVP, die sich mit dem Thema Islam für den nächsten Wahlkampf rüstet, wird dies nicht ungestört und womöglich auch nicht ungestraft tun können. Irène Kälin hat bereits massive Gegenwehr angekündigt. Es fehle in der Schweiz und anders als etwa im Deutschland von Angela Merkel ein klares und starkes Gegensignal zur «populistischen Angstkam­pa­gne» beim Islam und bei Asylfragen, ist sie überzeugt. Diesem Gegensignal fühlt sich Kälin verpflichtet.

Kälin, die zurzeit ihre Masterarbeit beendet, ist dezidiert der Meinung, dass die Politiker sich beim Thema Islam «zu wenig an den Fakten» orientierten. Stattdessen würden Ängste geschürt und Scheindebatten geführt. Ein Beispiel dafür sei jetzt gerade wieder die Initiative «Ja zum Verhüllungsverbot», welche sich in erster Linie gegen Burkaträgerinnen richtet. Ein Burkaverbot sei «absolut unnötig», so die Neo-Nationalrätin, weil es in diesem Land kein reales Problem sei und zudem auch kein Problem löse. Genau dafür aber wäre es nun an der Zeit, sagt sie.

Kaum denkbar, dass Irène Kälin im Nationalrat als graue Maus endet. Dagegen spricht nicht nur ihr Fokus auf das Reizthema Islam, es gibt auch privaten Grund: Lebenspartner der Politikerin ist der bekannte Ringier-Journalist und ehemalige «Blick»-Chefredaktor Werner de Schepper. Der weiss schon von Berufs wegen, wie man eine politische Agenda wirksam an die Frau und an den Mann bringt. Die Schweizer Öffentlichkeit wird folglich kaum darum herumkommen, die Politikerin Irène Kälin zur Kenntnis zu nehmen – Inschallah!

 

Richard Clavadetscher


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