Die Leventina fühlt sich abgehängt

GOTTHARD ⋅ Der Gotthard-Basistunnel hat Norden und Süden der Schweiz näher zueinander gebracht. Doch die historische Bergstrecke wird nur noch von einer S-Bahn befahren. Im Leventina-Tal entlang der alten Linie spürt man die Veränderung.
06. Dezember 2017, 04:39

Gerhard Lob, Locarno

Am 11. Dezember feiert der Gotthard-Basistunnel seinen ersten Geburtstag. Der längste Eisenbahntunnel der Welt hat die deutsche Schweiz und das italienischsprachige Tessin zusammen­rücken lassen. Die Bahnfahrt ist eine halbe Stunde kürzer als früher über die historische Bergstrecke. Die Züge rauschen in 20 Minuten durch den 57 Kilometer langen Tunnel. Doch nicht alle profitieren von der Zeitersparnis. Für Einwohner im Leventina-Tal ist die Reise in den Norden länger geworden. Sie müssen erst mit der S-Bahn südwärts nach Bellinzona fahren, um dann wieder nordwärts durch den Basistunnel in die deutsche Schweiz zu kommen. Oder sie fahren in gemächlichem Tempo über die alte Bergstrecke bis Erstfeld, um von dort weiterzukommen. Umsteigen ist auf alle Fälle angesagt.

Die früheren IR-Züge, die vor dem Fahrplanwechsel 2016/2017 von Basel und Zürich via Gotthard-Scheiteltunnel fuhren, verkehren nicht mehr. Diese garantierten Orten wie Biasca, Faido oder Airolo einen zügigen Anschluss nach Basel oder Zürich.

Gäste beschweren sich

«Irgendwie fühlt man sich seither abgeschnittener», sagt Fabio Pedrina. Der alt Nationalrat und Ehrenpräsident der Alpen-Initiative wohnt in Airolo und ist passionierter Bahnfahrer. Das Gefühl einer Isolation in der Leventina habe zugenommen, meint er. Denn abgesehen von den entfallenen Direktverbindungen sieht man auch die Eurocity-Züge von Zürich nach Mailand nicht mehr vorbeirauschen, die stets klar machten, dass man sich an einer internationalen Strecke befindet.

Für Touristen und Ferien­gäste, die mit der Bahn anreisen wollen, ist es komplizierter geworden. «Wir haben einige Beschwerden erhalten, auch von Ferienhausbesitzern», sagt Raffaele De Rosa, Direktor der Organisation für Regionalentwicklung in Biasca. Und Airolos Gemeindepräsident Franco Pedrini weiss, dass die Postautos vom Bahnhof Airolo zur Standseilbahn Ritom nicht mehr so gut frequentiert sind wie früher. Trotzdem gab es keinen Einbruch im Tourismus. «Wir hatten ein gutes Jahr 2017», sagt Fabrizio Barudoni, Vizedirektor des Verkehrsvereins Bellinzona und nördliches Tessin, in dessen Zuständigkeitsbereich die Leventina fällt. Das gute Wetter spielte natürlich eine Rolle. «Bei vielen Gästen wissen wir häufig nicht, ob sie nun mit dem Auto oder der Bahn angereist sind», gibt er zudem zu bedenken.

Kein Lärm von Güterzügen mehr

Eindeutig verbessert hat sich die Situation in Bezug auf die Lärmbelastung. Vor allem nachts hallte das Echo der Güterzüge lautstark durchs Tal. Das ist nun vorbei, denn die Güterzüge werden alle durch den Basistunnel geführt. Die S-Bahn ist leise. Zu hören bleibt die Autobahn A2, jedoch als gedämpftes Rauschen. Und nachts dürfen keine Lastwagen verkehren.

Fabio Pedrina nennt einen anderen positiven Effekt: «Das Gefühl, abgeschnitten zu sein, hat die Einigkeit erhöht, die Autobahn bei Airolo überdecken zu wollen.» Es handelt sich um ein wichtiges Projekt zur landschaftlichen Aufwertung des verunstalteten und überbauten Talgrunds. «Früher hätte es wohl Streit gegeben, nun waren alle dafür», so Pedrina. Der Aushub aus der neuen, zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels soll für diese Überdeckung genutzt werden.

Nach wie vor aktuell bleibt in der Leventina das Problem der Abwanderung. In den vier Bezirken zwischen Bodio und Airolo leben noch knapp 10000 Personen. «Darum wollen wir Erstwohnsitze gezielt fördern», sagt Gabriele Gendotti, ehemaliger FDP-Staatsrat und Gemeinderat von Faido. Er glaubt daran, dass dieses Tal Potenzial hat, zumal geplant ist, ab Ende 2020 dank einer Zusammenarbeit zwischen SBB und Südostbahn (SOB) wieder direkte Züge von der deutschen Schweiz über die Gotthard-Panoramastrecke ins Tessin zu führen.


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