Die vergessene Wahlverwandtschaft mit Jugoslawien

BEZIEHUNGEN ⋅ Bis zum Ende des Kalten Krieges pflegte die Schweiz intensive Beziehungen mit Jugoslawien. Die engen Verflechtungen zwischen der Eidgenossenschaft und dem Balkan haben eine lange Tradition, die in den letzten 20 Jahren in Vergessenheit geriet.
02. Dezember 2017, 05:00

Thomas Bürgisser

So weit weg, wie man denkt, war der Balkan auch früher schon nicht. Bereits im Zuge der Türkenkriege verschlug es zahlreiche Schweizer Militärs in die Länder südlich der Donau. Einer von ihnen war der kaiserlich-königliche Generalfeldmarschallleutnant Peter Christoph Freiherr Göldlin von Tiefenau, Spross einer bekannten Luzerner Patrizierfamilie, der in den 1730er-Jahren als österreichischer Zivilgouverneur Serbiens amtete. Im 19. Jahrhundert, als Serbien ein eigenständiges Königreich wurde, kamen auch zivile Fachkräfte aus der Schweiz ins Land. Der Urner Ingenieur Franz Vital Lusser etwa, der am Gotthardtunnel mitgewirkt hatte und später SBB-Kreisdirektor in Luzern wurde, leitete in den 1880er-Jahren den Bahnbau in Südserbien. Im benachbarten Kroatien, das damals noch zur Habsburgermonarchie gehörte, war der aus Ruswil zugewanderte Kaufmann Julio Schmidlin einer der bedeutendsten Unternehmer. Im slowenischen Polzela produzierte ein Schweizer Gutsherr derweil Hopfen für die Brauerei Eichhof.

In den Balkankriegen von 1912/13 schlugen in der Schweiz manche Herzen für die Serben. Glich das tapfere Balkanvolk, das sich vom «Türkenjoch» befreite, nicht den alten Eidgenossen in ihrem legendären Freiheitskampf? Vor allem in konservativen Kreisen der Romandie wurde Serbien zu einer Art Urschweiz der Gegenwart stilisiert.

Renaissance der Schweizer Sympathien für den Balkan

Wie zahlreiche Freiwillige stellte sich damals der junge Entlebucher Arzt Hans Vogel in den Sanitätsdienst der serbischen Armee. «Geblieben sind die sprichwörtliche Tapferkeit, die Bedürfnislosigkeit seiner Soldaten, geblieben ihre innige Liebe zur Heimat, ihr uns Schweizern so verwandter Freiheits- und Unabhängigkeitswillen», schrieb Vogel in seinen Erinnerungen. Das Buch wurde erst 1941 veröffentlicht, mitten im Zweiten Weltkrieg, als das Königreich Jugoslawien, dem Serbien angehörte, unter dem Ansturm Hitler-Deutschlands zusammenbrach. Sympathien für die Balkanvölker erlebten in der Schweiz damals eine Renaissance. Als die jugoslawischen Partisanen im November 1943 im bosnischen Jajce die Begründung eines föderativ und demokratisch verfassten Staates beschlossen, wurde dies gar «mit dem Schwur der Schweizer Bergbauern auf dem Rütli» verglichen.

1945 gelang es der kommunistischen Widerstandsbewegung unter Marschall Josip Broz Tito, das Land fast ohne das Zutun fremder Armeen von den Besatzungstruppen zu befreien. Zielstrebig und oft gewaltsam errichteten die Partisanen ein Diktaturregime der kommunistischen Partei. Die blutige Abrechnung mit «Volksfeinden» ging wie andernorts in Osteuropa mit einer Verfolgung von Christen und ihrer Kirche einher. Besonders in der katholischen Zentralschweiz war 1946 die Empörung über den Schauprozess gegen den Zagreber Erzbischof Alojzije Stepinac gross.

Von seinen Anhängern als Märtyrer verehrt, wurde Stepinac wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht zu 16 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Karl Wick, Nationalrat der Konservativ-Christlichsozialen Partei und «Vaterland»-Redaktor, geisselte Tito als «gewissenlosen Tyrannen» und das sozialistische Jugoslawien als «totalitären Verbrecherstaat, wie es einst der nationalsozialistische Staat gewesen ist».

«Dritter Weg» zwischen den Ideologien

1948 folgte eine überraschende Wende. Zwischen Tito und Stalin kam es zum offenen Konflikt. Jugoslawien wurde aus der Familie der sozialistischen Volksdemokratien verstossen und musste sich völlig neu orientieren. Im Laufe der 1950er-Jahre entwickelten die jugoslawischen Kommunisten einen «dritten Weg» zwischen den Ideologien. In der «sozialistischen Marktwirtschaft» konnten die Unternehmen frei von staatlichen Planvorlagen auch mit dem kapitalistischen Ausland wirtschaften. Es war der Sohn des Ruswiler Auswanderers Julio Schmidlin, der massgeblich am Wiederanknüpfen der Handelsbeziehungen beteiligt war. Gegen Kriegsende hatte er ­Jugoslawien verlassen müssen. Das Familienvermögen wurde von den Kommunisten enteignet. Dessen ungeachtet wurde Schmidlin junior 1949 Geschäftsführer der in Zürich domizilierten, auf schweizerisch-jugoslawischem Kapital begründeten Handelsfirma Intermerkur, über welche die ersten Geschäfte abgewickelt wurden.

Bald merkten in der Schweiz viele, dass sich im Handel mit Jugoslawien viel Geld verdienen liess. Die Maschinen-, Elektro- sowie die chemisch-pharmazeutische Industrie entdeckten das Land bald als Absatzmarkt. Ab Ende der 60er-Jahre konnten auch zahlreiche Kooperationen mit jugoslawischen Firmen eingegangen werden, so etwa zwischen der Schindler Aufzüge AG in Ebikon und dem Belgrader Lifthersteller David ­Pajic. Anders als in den Staatshandelsländern des Ostblocks gab es in Jugoslawien ein reichhaltiges Angebot an Konsumgütern aus dem Westen. Auch Uhren, Toblerone, Rivella und Maggi-Produkte wurden hier abgesetzt oder in Lizenz produziert. Das Land war der mit Abstand bedeutendste Handelspartner der Schweiz in Osteuropa. Zudem verbrachten jährlich über hunderttausend Schweizer Touristen ihre Sommerferien an der jugoslawischen Adriaküste.

Zuwanderung jugoslawischer Fachkräfte in die Zentralschweiz

Anders als die Bürger der kommunistischen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang konnten die Jugoslawen auch frei ins westliche Ausland reisen. Zahlreiche Ingenieure und Ärzte kamen seit den 50er-Jahren in die Schweiz. Ab 1964 führte der Schweizer Bauernverband Kollektivrekrutierungen jugoslawischer Landarbeiter durch. Bald folgten Anwerbeaktionen anderer Branchenverbände, etwa der Spitäler und des Hoteliervereins. Die grössten Kontingente an Saisonniers rekrutierte ab 1970 das Baugewerbe. Weil die Gastarbeiter Bekannte und Verwandte nachzogen, konnten sich die Unternehmer die Vermittlungsgebühren der jugoslawischen Arbeitsämter sparen. So wurde etwa 1970 in der Papierfabrik Perlen mit Einführung des Schichtbetriebs ein jugoslawischer Facharbeiter eingestellt, der schon im Folgejahr eine kleine Gruppe seiner Landsleute ebenfalls dorthin vermittelte. Wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich recherchiert hat, kamen im Laufe der Jahre über 200 Jugoslawinnen und Jugoslawen in das Industriedorf bei Luzern.

Finanzpaket für Jugoslawien auf Schweizer Initiative

Parallel zur Zuwanderung und der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen näherten sich die neutrale Schweiz und das blockfreie Jugoslawien auch politisch an. Vor allem im Rahmen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki kam es zu einer engen Zusammenarbeit. Eingeklemmt zwischen den Militärbündnissen in Ost und West befanden sich beide Staaten sicherheitspolitisch in einer ähnlichen Lage. Als Jugoslawien in den 80er-Jahren wegen seiner Schuldenwirtschaft in eine tiefe Krise stürzte, war es nicht zufällig die Schweizer Diplomatie, die in Bern eine internationale Konferenz der Gläubigerstaaten einberief, um ein Finanzhilfepaket zu schnüren. Es galt, einen bedeutsamen wirtschaftlichen und auch politischen Partner gegen sowjetische Dominanz und innere Zerfallserscheinungen zu stützen.

Natürlich blieben die Beziehungen zu Jugoslawien, zumal in katholisch-konservativen Kreisen, immer auch von Skepsis geprägt. So konnten politische Flüchtlinge wie der Franziskanerpater Lucijan Kordic, der zeitweilig in Hergiswil wohnte, in den 60er-Jahren unter Verwendung eines Pseudonyms im «Vaterland» die jugoslawische Politik angreifen. 1971 hielten dissidente Exilvereinigungen in Luzern ein Symposium kroatischer Intellektueller ab. Die alljährlich stattfindende Wallfahrt der Katholischen Kroaten-Mission ins Kloster Einsiedeln war den Belgrader Behörden als «antijugoslawische Manifestation» ein Dorn im Auge. Wie zeitgenössische Quellen zeigen, wurden die Gastarbeiter aus Jugoslawien «von den schweizerischen Arbeitgebern im Allgemeinen überdurchschnittlich geschätzt». Entsprechend fühlten sich viele hart arbeitende migrantinnen und Migranten vor den Kopf gestossen, als sie im Zuge des kriegerischen Zerfalls ihrer Heimat in den 1990er-Jahren plötzlich pauschal als «Feindbild Jugo» abgestempelt wurden.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Jugoslawien waren im Kalten Krieg enger, als man heute denkt, das Urteil über den föderalistischen Vielvölkerstaat zuversichtlich, der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Austausch markant. Die Tatsache, dass heute einer von zwanzig Menschen, denen wir tagtäglich begegnen, seine familiären Wurzeln in den jugoslawischen Nachfolgestaaten Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien oder Slowenien hat, bleibt die nachhaltigste Folge dieser in Vergessenheit geratenen Wahlverwandtschaft.

Der Autor

Thomas Bürgisser ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) in Bern. Seine kürzlich erschienene Studie «Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg. Schweizerische Perspektiven auf das sozialistische Jugoslawien» kann unter www.dodis.ch/q8 gratis heruntergeladen und bestellt werden.


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