Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Vollgeld-Initiative

ABSTIMMUNG ⋅ Am 10. Juni stimmt das Schweizer Volk über die Vollgeld-Initiative ab. Der Überblick.
17. April 2018, 07:50

Welches Ziel verfolgt die Vollgeld-Initiative?

Die Initianten wollen die Spargelder der Bankkunden besser schützen und Finanzkrisen verhindern.


Wie soll das geschehen?

Künftig soll ausschliesslich die Nationalbank Geld schaffen können. Heute erzeugen auch die Geschäftsbanken Geld, indem sie Kredite vergeben. Dazu schreiben sie dem Kunden den entsprechenden Betrag gut, ohne dass dieser durch Reserven bei der Nationalbank oder durch Münzen und Banknoten gedeckt ist. Die Geschäftsbanken schaffen damit auf Knopfdruck elektronisches Geld, das nichts weiter ist als ein Versprechen an den Kunden, dass dieses Guthaben zu realem Geld gemacht werden kann. Mit dieser Art der Geldschöpfung wollen die Initianten Schluss machen.


Worin sehen die Initianten das Problem der privaten Geldschöpfung?

Wollen viele Kunden zur selben Zeit ihr elektronisches Guthaben in Geld und Münzen beziehen, gerät eine Bank in Schwierigkeiten, da nur ein kleiner Teil der Kundenguthaben mit realem Geld oder Guthaben bei der ­Nationalbank unterlegt ist. Es kommt zu Bankenstürmen, ­sogenannten Bank-Runs. In der Furcht um ihre Ersparnisse versuchen die Kunden möglichst schnell ihre Guthaben als Noten und Münzen zu beziehen. Aus Mangel an Liquidität kollabiert die Bank.


Können die Geschäftsbanken heute unbeschränkt Geld schöpfen?

Nein. Sie müssen ein Mindestmass an Eigenkapital, Liquidität und Reserven bei der Nationalbank aufweisen. Darüber hinaus kann die Nationalbank die Kreditvergabe drosseln, indem sie den Leitzins für Ausleihungen an die Banken erhöht. Die Initianten anerkennen zwar diese Sicherungsmechanismen, halten sie aber für ungenügend.


Welche Lösung schlagen die Initianten vor?

Die Initiative will es den Banken verbieten, mit Geldern von Zahlungsverkehrskonten, zum Beispiel Lohnkonten, zu wirtschaften. Die Geschäftsbanken wären zwar weiterhin für den Zahlungsverkehr zuständig, sie dürften die Guthaben aber nicht mehr zur Absicherung von Krediten verwenden. Stattdessen würden die Zahlungsverkehrskonten aus der Bilanz ausgegliedert und würden separat geführt. Sie müssten vollständig mit Guthaben bei der Nationalbank gedeckt sein. ­Damit wären die Kundengelder nicht mehr verloren, wenn eine Bank Konkurs geht.


Dürfen die Banken keine Kredite mehr vergeben?

Sie wären zumindest stark eingeschränkt. Kundengelder, die auf Zahlungsverkehrskonten liegen, dürften die Geschäftsbanken künftig nicht mehr antasten. Spargelder von Kunden dürften sie nur noch in gleichem Umfang weitergeben. Es muss zudem ­gesichert sein, dass die Inhaber von Sparkonten ihr Geld frist­gerecht beziehen können.


Was spricht gegen ein Vollgeld-System?

Die Gegner sehen die Banken in ihrem Kerngeschäft beschnitten, nämlich bei der Vergabe von ­Krediten. Kann eine Bank nicht mehr frei über ihre Kundenguthaben verfügen, verteuert dies die Kreditvergabe an die Firmen, argumentieren die Gegner. Die Wirtschaftsverbände setzten sich denn auch geschlossen gegen die Initiative ein.


Was würde sich für die Bankkunden ändern?

Kundengelder auf Zahlungsverkehrskonten würden sicherer, da die Bank verpflichtet wäre, dieses Guthaben separat zu halten. ­Diese zusätzliche Sicherheit ist jedoch nicht gratis zu haben. Der Zinssatz auf dem Lohnkonto würde aller Voraussicht nach auf null Prozent sinken, da die Bank dieses Geld nicht mehr als Grundlage für Kredite verwenden könnte. Absehbar wären auch höhere Bankgebühren. Durch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs entstehen der Bank Kosten, die nicht mehr durch Kreditgewinne hereingeholt werden können. Sie würden wohl den Kunden in Rechnung gestellt.


Stimmt es, dass die Bürger ­direkt Geld von der Nationalbank erhalten sollen?

Das ist ein zweiter Kernpunkt der Initiative. Die Initianten stören sich daran, dass heute Geld nur über Schulden in Umlauf ­gebracht werden kann. Die Volkswirtschaft sei damit einem permanenten Renditedruck ausgesetzt, weil nicht nur der Betrag zurückzuzahlen ist, sondern auch ein entsprechender Zins. Ihr Vorschlag: Statt Geld durch Kredite an Geschäftsbanken zu schaffen, soll die Nationalbank einen Teil des Gelds direkt den Bürgern und dem Staat übergeben.


Was sagen die Gegner dazu?

Sie befürchten, dass die Nationalbank unter politischen Druck geraten würde, die Staatsaufgaben direkt finanzieren zu müssen. Damit stiege die Gefahr von ­Inflation sowie des unsorgfältigen Umgangs mit staatlichen Mitteln. Auch würde eine konsequente Beseitigung von Schulden der Nationalbank erschweren, Geld aus dem Wirtschaftskreislauf abzuziehen, wenn eine konjunkturelle Überhitzung droht.

Roger Braun

 


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