Digitalisierungsprofi gesucht

STAATSSEKRETÄR ⋅ Der oberste Bildungsbeamte Mauro Dell’Ambrogio tritt Ende Jahr altershalber zurück. Bevor Johann Schneider-Ammann selber in Pension geht, will er unbedingt noch dessen Nachfolge regeln.
13. April 2018, 07:22

Jonas Schmid

Johann Schneider-Ammann steht im Spätherbst seiner Karriere. Bevor er zurücktritt, will er noch einen gewichtigen Personalentscheid fällen, den er auf keinen Fall seinem Nachfolger überlassen will: derjenige des Staatssekretärs für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Der heutige Amtsinhaber Mauro Dell’Ambrogio tritt Ende Jahr altershalber zurück. Der Tessiner Jurist, der zuvor Richter, Polizeikommandant, Leiter einer Fachhochschule und Spitaldirektor war, wurde 2007 vom damaligen FDP-Bundesrat Pascal Couchepin eingesetzt. Er gilt als Verwalter, der kaum einmal in die sich rasant verändernde Bildungslandschaft intervenierte. Ein Technokrat, der genauso gut eine Strumpf­fabrik leiten könnte, wie man in Bildungskreisen spottet.

Tritt an Dell’Ambrogios Stelle nun ein Visionär, der wieder gestaltend wirkt? Das Anforderungsprofil, das Mitte Februar auf dem Stellenportal des Bundes aufgeschaltet war, bleibt diesbezüglich vage. Neben «unternehmerischem Denken» und einer «ausgeprägten Führungs- und Integrationsfähigkeit» wird vom neuen Staatssekretär auch «visionäres Handeln» verlangt. Gesucht wird ein Staatssekretär oder eine Staatssekretärin, die «Digitalisierung als Chance betrachtet».

«In die Ressource Wissen investieren»

Digitalisierung gilt als Schneider-Ammanns Steckenpferd, und an ihr wird er die Kandidaten besonders messen. Unternehmer, Forscher, Innovator, Software-Entwickler und Verwalter: Der Neue muss so einiges mitbringen. Und auch Bildungspolitiker warten mit den unterschiedlichsten Erwartungen auf: «Es müsste jemand sein, der die Trägerschaften der Universitäten, Fachhochschulen und der ETH sehr gut kennt und auch die Berufsbildung ernst nimmt», sagt Christoph Eymann, liberaler Basler Nationalrat und früherer Präsident der kantonalen Erziehungsdirektoren. Nach dem Niedergang der Landwirtschaft und der Deindustrialisierung müsse mehr in die Ressource Wissen investiert werden.

Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer erwartet, dass der Neue der Berufsbildung näher steht als sein Vorgänger: «70 Prozent der Schweizer absolvieren eine Berufslehre, und nur 30 Prozent beschreiten den akademischen Weg.» Fathi Derder, Waadtländer FDP-Nationalrat, wiederum legt den Akzent stärker auf die Digitalisierung: «Europa – und mit ihr auch die Schweiz – droht bei der Automatisierung gegenüber den USA und China in Rückstand zu geraten», sagt er. Es brauche Leadership und rasche Entscheide: «Eine starke Persönlichkeit, die den Bundesrat im Bereich Wissenschaft und Technologie kompetent berät.»

48 Bewerbungen eingegangen

Erste Namen potenzieller Kandidaten kursieren: etwa derjenige von Bernhard Pulver (Grüne), der seinen Posten als Berner Erziehungsdirektor per Ende Mai abgibt. Genannt wird auch Bildungsökonom Stefan Wolter. Dieser sei in den gefragten Bereichen beheimatet, kenne sowohl Bund wie auch Kantone und «verfüge über die notwendige geistige Freiheit». Eine oft kolportierte Kandidatin ist Isabelle Chassot. Die 52-Jährige leitet seit 2013 das Bundesamt für Kultur, zuvor war sie Freiburger Erziehungsdirektorin und national bekannte Bildungspolitikerin. Sie sei «dossierfest und würde sich in Kürze in die Breite der Themen einarbeiten», heisst es. Eine interne Lösung wäre die Beförderung von Josef Widmer, Dell’Ambrogios Stellvertreter und Verantwortlicher für den Bildungsbereich im SBFI. Seine Wahl wäre ein starkes Zeichen zu Gunsten der Berufsbildung.

Ein Digitalisierungsprofi wäre Edouard Bugnion, Vizepräsident der ETH Lausanne und Mitgründer des IT-Unternehmens VM­ware. Spekuliert wird auch dar­über, dass Departementsvorsteher Schneider-Ammann diesen bedeutenden Posten seinem Generalsekretär Stefan Brupbacher zuschanzen wird. So ist es unter Bundesräten Usanz, dass sie ihren engsten Mitarbeitern rechtzeitig zu einer neuen Perspektive verhelfen.

«Es liegen 48 Bewerbungen in allen Landessprachen auf dem Tisch», sagt Noé Blancpain, Sprecher des Wirtschaftsdepartements. Schneider-Amman werde der Landesregierung nach Abschluss von Assessments und Vorstellungsgesprächen einen Kandidaten zur Wahl vorschlagen. Das Gremium entscheidet voraussichtlich im Sommer.


Anzeige: