Schweizer Dorf soll Grundeinkommen testen

GRUNDEINKOMMEN ⋅ In einem Schweizer Dorf soll getestet werden, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf zwischenmenschliches Verhalten und lokalen Wirtschaftskreislauf auswirkt. Eine Filmemacherin will so "die Blockade in den Köpfen" lösen. Etliche Gemeinden sind interessiert.
Aktualisiert: 
10.01.2018, 17:03
10. Januar 2018, 16:53

Im Juni 2016 hat die Schweiz das bedingungslose Grundeinkommen mit 76,9 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Die Abstimmung habe gezeigt, dass noch viele Fragen offen seien, schreibt die Filmemacherin Rebecca Panian am Mittwoch in einer Mitteilung.

Sie will mit einem Experiment die "Blockade in den Köpfen der Menschen" lösen und hat einen Aufruf lanciert: Sie sucht ein Dorf, in welchem das Grundeinkommen getestet werden kann.

Das Projekt ist wie folgt geplant: Die Experiment-Gemeinde muss den Einwohnerinnen und Einwohnern für den Zeitraum eines Jahres eine Einkommensabsicherung in der Höhe des Existenzminimus zusprechen. Für Erwachsene liegt diese gemäss Panian bei 2500 Franken und für Minderjährige bei 625 Franken.

Wenn das Einkommen einer Person - aus welchen Gründen auch immer - unter diese Schwelle fällt, wird es durch zusätzliche finanzielle Mittel bedingungslos aufgestockt - entweder mit dem Beitrag der Gemeinde oder von externen Finanzquellen.

Pensenreduktion bei Eltern möglich

"Vor allem Hausfrauen und Hausmänner sowie Kinder werden vom Experiment profitieren", sagte Panian auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Es könne sein, dass in einer Familie ein Elternteil während der Projektlaufzeit seine Arbeitstätigkeit herunterschrauben könne, weil das Einkommen gedeckt werde.

Ideal für das Projekt wäre gemäss Panian ein Dorf mit 150 bis 1000 Personen. Die Bevölkerungsstruktur solle möglichst vielseitig sein mit einer Mischung aus Arbeitenden, AHV- oder IV-Bezügern, Familien, Singles, Arbeitslosen und Ausländern.

"Mir ist bewusst, dass es nach einem irren Vorhaben klingen mag. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Experiment finanziert werden kann, wenn sich ein Dorf meldet", lässt sich die Filmemacherin zitieren. Wie viel Geld nötig sein wird, kann sie erst berechnen, wenn sie die Experiment-Gemeinde kenne.

Bereits über 20 Eingaben

Doch das Projekt ist bereits auf Interesse gestossen: Bis am Mittwochnachmittag hat Panian bereits zwischen 20 und 30 Rückmeldungen erhalten, wie sie sagte. Zum Beispiel sei das Dorf Bergün in Graubünden zweimal vorgeschlagen worden. "Ich werde die Eingaben nun sammeln und prüfen", sagt sei. Bei Gemeinden, welche sich eignen, werde sie vorstellig werden.

Panian glaubt, dass ein solches Experiment Sinn ergibt. Es würde Erkenntnisse liefern, die man mit Reden nicht erreiche. Ein Dorf eigne sich zudem, weil es mit der Bevölkerungsdurchmischung, den Strukturen und Gesetzen ein "Miniland" darstelle.

Ob und wann das Projekt starten kann, ist noch unklar. Womöglich wird in einer Gemeinde eine Abstimmung nötig sein, um zu erfahren, ob die Bevölkerung ein solches Projekt durchführen wolle. Auch aus diesem Grund eigne sich ein Dorf für den Test, sagt Panian, "weil demokratische Entscheide möglich sind". Aus dem Projekt sie Filmemacherin einen Dokumentarfilm machen.

Vorbild aus Finnland

Die Initianten für das bedingungslose Einkommen unterstützen die Filmemacherin. Sie hatten bereits im Juni 2017 angekündigt, ein grosses Experiment zum Grundeinkommen durchführen zu wollen.

Ein ähnliches Experiment läuft derzeit in Finnland. Dort erhalten seit Januar 2017 insgesamt 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose anstelle von Arbeitslosengeld 560 Euro pro Monat, ohne dass daran Bedingungen geknüpft sind. Das Geld muss nicht versteuert werden, und man kann ohne finanzielle Nachteile etwas dazuverdienen.

Das Experiment ist zunächst auf zwei Jahre angesetzt. Die Regierung will herausfinden, ob ein Grundeinkommen das soziale System des Landes vereinfachen und mehr Menschen Arbeit verschaffen kann. (sda)

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