Eile mit Weile bei neuen Tarifen

GESUNDHEITSWESEN ⋅ Aller Voraussicht nach werden die vereinheitlichten Tarife in der Rehabilitation erst 2020 eingeführt. Es hapert bei den Leistungsaufträgen ebenso wie bei der Datenbasis.
13. Oktober 2017, 07:28

Balz Bruder

Der bekannte Schweizer Gesundheitsökonom Willy Oggier nimmt kein Blatt vor den Mund: «Es besteht das Risiko, dass in der Rehabilitationsbranche Pseudo-Anbieter überfinanziert und hoch spezialisierte Institutionen unterfinanziert werden.» Sorgenfalten treiben dem Swiss-Reha-Präsidenten die Kantone ins Gesicht. Sie haben einen Wildwuchs bei der Vergabe von Leistungsaufträgen an Rehabilitationseinrichtungen geschaffen. «Die einen verteilen solche für Altersreha-, andere für Kur- und dritte für Akut- und Übergangspflege-Anbieter», sagt Oggier.

Stossend ist das deshalb, weil derzeit die Datenbasis für die Schaffung einer neuen Tarifstruktur erstellt wird. Je un- einheitlicher die Zahlen dafür sind, desto grösser die Verzerrungen zwischen «echten» und «unechten» Reha-Anbietern. Doch das ist nur das eine Problem. Das andere: Seit Anfang 2012 gilt, dass Leistungen, die in stationären Gesundheitsinstitutionen erbracht werden, mit Fallpauschalen abzugelten sind. Davon ist die Reha-Branche derzeit jedoch noch weit entfernt.

Zwar konnten sich die Tarifpartner im Sommer dieses Jahres auf einen Tarif für die Psychiatrie einigen. Er wird Anfang 2018 in Kraft treten – wenigstens für die Erwachsenenpsychiatrie. Anders sieht es jedoch bei der Rehabilitation aus. Auch wenn die Krankenversicherungsverbände Curafutura und Santésuisse auf ihren Homepages noch das Einführungsjahr 2018 aufführen: Davon hat sich die für die Erarbeitung zuständige SwissDRG AG verabschieden müssen. Geschäftsführer Simon Hölzer bestätigt auf Anfrage, die leistungsorientierte nationale Tarifstruktur für die Rehabilitation sei nunmehr auf 2020 geplant – acht Jahre nach Erteilung des gesetzlichen Auftrags.

Zu den Gründen für die Verzögerung sagt Hölzer: «Wir bauen auf Vorarbeiten der letzten Jahre, die Partner sind aber zum Schluss gelangt, dass das bisherige Modell insbesondere punkto Praktikabilität, Fallbezug und Vergütungsgerechtigkeit noch nicht den Ansprüchen genügt.» Deshalb werde SwissDRG AG Ende Jahr «eine neue Version vorlegen und im kommenden Jahr verabschieden lassen». Konkret wird der Verwaltungsrat im ersten Halbjahr darüber entscheiden, welches Modell 2020 eingeführt wird. Die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen. Aufgrund der Komplexität werden dem Verwaltungsrat denn auch Varianten vorgelegt.

2 Millionen Pflegetage, 80 000 Hospitalisierungen

«Die grösste Herausforderung besteht darin, eine gute Balance zwischen dem Aufwand für die Anwendung und Pflege des Tarifmodells, der Pauschalierung und der Genauigkeit der Vergütung zu finden, in der die gewünschten positiven Anreize überwiegen», betont Hölzer. Kein leichtes Unterfangen angesichts von rund 2 Millionen Pflegetagen und über 80000 Hospitalisierungen pro Jahr. Ein grosses Thema sind aber auch die speziellen und teuren Einzelleistungen für einzelne Patienten, die über sogenannte Zusatzentgelte erfasst werden. Sie sind bisher nicht oder nur schlecht abgebildet. Swiss-Reha-Präsident Oggier schwebt eine Lösung vor, wie sie bei den Akutspitälern ebenfalls zur Anwendung kommt. Sonst bestehe auch hier die Gefahr der Über- beziehungsweise Unterfinanzierung.

«Die Ausarbeitung der neuen Tarifstruktur stellt für alle Beteiligten eine grosse inhaltliche und zeitliche Herausforderung dar,» führt Oggier aus, «noch gilt es, verschiedene Fragen zu klären und den administrativen Aufwand auf ein vertretbares Niveau zu senken.» Gelegenheit, in der Diskussion einen Schritt weiter zu kommen, bietet sich Anfang November: Dann findet das 1. Swiss Reha-Forum statt, wo Leistungserbringer und Tarifspezialisten aufeinandertreffen.


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